Wettskandal im Fußball Wie die Zockerfalle funktioniert

Was bringt Fußballer dazu, Spiele zu manipulieren? Die Aussagen im Wettskandal-Prozess zeigen, wie leicht es ist, Spieler zum Zocken zu verleiten und in Abhängigkeiten zu verwickeln. Eingeschüchtert und teils hoch verschuldet, ist ihnen oft jede Fluchtmöglichkeit verbaut.

Mittelfeld- und Abwehrspieler. Angreifer. Torhüter. Kapitäne, Mitläufer und Reservisten. Egal, ob Jungspund oder alter Hase. Egal, ob Profi oder Amateur: Jeder taugt potentiell zum Zocker. Im vermeintlich größten europäischen Wettskandal, mit dem sich derzeit das Bochumer Landgericht auseinandersetzt, wird immer deutlicher, dass die mutmaßlichen Wettpaten völlig ungeniert ihre Netzwerke aufbauten, mit denen sie den Ausgang von Fußballspielen manipulieren wollten.

Declan Hill schrieb in seinem investigativen Buch "Sichere Siege", "dass man für eine erfolgreiche Manipulation mindestens einen gekauften Torwart und einen geschmierten Abwehrspieler" brauche. Der Prozess in Bochum zeigt jedoch, dass dies keineswegs die einzige Möglichkeit der mutmaßlichen Manipulateure war. Und auch nicht die erfolgreichste. Vielmehr war es nur eine von vielen.

Marcel Schuon, ein ehemaliger Profi des VfL Osnabrück, und René Schnitzler, Ex-Zweitligaspieler des FC St. Pauli - sie sind völlig unterschiedliche Fußballer und Menschen. Und haben trotzdem eines gemeinsam: Sie haben Einblicke gegeben, wie leicht es für mutmaßliche Wettpaten ist, Spieler in Abhängigkeiten zu verwickeln, sie einzuschüchtern und ihnen mit geliehenem Geld jede Fluchtmöglichkeit zu verbauen.

Schuld daran ist möglicherweise auch der Arbeitsalltag eines professionellen oder halbprofessionellen Fußballers. Zumeist haben diese Kicker zwei bis vier Stunden Training am Tag, dazu kommen einige Presse- und Werbetermine sowie ein wenig Fanarbeit. Der Rest ist Freizeit. "Wenn ich Langeweile hatte, bin ich in die Stadt gegangen oder zum Wetten. Gegenüber von unserem Fußballplatz war ein Wettbüro", sagt Cosmin U., einer der Beschuldigten. Auch Marcel Schuon und René Schnitzler haben in ihrer Freizeit gezockt, insbesondere beim Poker und bei Sportwetten.

Wetten ohne Bargeld

Die Wettbetreiber haben es ihnen dabei besonders leicht gemacht. "In Osnabrück konnte ich bargeldlos spielen. Zunächst mit 50 bis 100 Euro pro Partie, später mit 500 bis 800 Euro. Die Verluste wurden aufgeschrieben, ich musste nie direkt zahlen. Meine Schulden wuchsen so immer weiter", sagt Schuon.

Die Falle schnappte irgendwann zu. "Auf einmal gab es einen riesigen Schuldenberg, den ich nicht abbauen konnte." Dann kam das Angebot von Nürettin G., einige Spiele zu manipulieren. "Es war sehr verlockend, so schnell wieder Geld zu bekommen", sagt Schuon.

Die mutmaßlichen Wettpaten sind dabei nach einem ganz einfachen Muster vorgegangen. Sie haben zunächst die Langeweile der Fußballer mit ein wenig Zocker-Action vertrieben, haben bei den ersten Schulden dem Spieler Mut gemacht, Verständnis geäußert - und als die finanzielle Last zu groß wurde, mit Druck und Erpressung reagiert. "Ich fühlte mich eingeengt und eingeschüchtert. Ich hatte Schiss", sagt Schuon. Denn die Karriere des ehemaligen deutschen Nachwuchsnationalspielers hätte möglicherweise bei einer Veröffentlichung seiner Wettschulden auf der Kippe gestanden.

Schwächen werden im Profifußball selten verziehen. "Über meine Probleme konnte ich mit niemandem reden", sagt Schuon. Im Dezember 2009 wurde der 25-Jährige wegen seiner Verwicklung in den Wettskandal vom Amtsgericht Bochum zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Zuvor hatte ihm sein damaliger Verein, der SV Sandhausen, fristlos gekündigt. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verhängte gegen Schuon eine Sperre von 33 Monaten. Diese endet am 31. August 2012.

In Verl soll ein Spieler versucht haben, seine Mitspieler zur Schiebung anzuwerben. Er soll nach dem gleichen Prinzip wie Nürettin G. in Osnabrück gearbeitet haben. Reize schaffen, Vertrauen aufbauen, Freundschaften bilden. Danach die vermeintlichen Mitstreiter ausnutzen und Druck ausüben. "Er wurde aggressiv als ich absagen wollte. Er hat mir deutlich gesagt, dass es für mich besser wäre, wenn ich mitmachen würde", sagt Andreas S., Abwehrspieler des SC Verl.

Aus Angst vor Gewalt oder weiterer Erpressung simulierte er einen Muskelfaserriss, um die restlichen beiden Spiele nicht mehr bestreiten zu müssen und dadurch weiterer Anwerbung durch N. zu entgehen. Als S. im Gerichtssaal erzählt, wie er extra im Training mit einem Mittelfeldspieler die Positionen tauschte, um in mehr Zweikämpfe zu kommen und sich "so eher umhauen zu lassen", entsteht im Zuschauerraum lautes Gelächter. Als er erzählt, wie er sich von der Physiotherapeutin und dem Mannschaftsarzt untersuchen ließ, nachdem er erst vorspielte, tatsächlich "umgehauen" worden zu sein, um einen Krankenschein für seine "vorgetäuschte Verletzung" zu erschleichen, wirkt es wie Comedy.

Doch mit humoristischer Erbauung hat das Verfahren wenig zu tun. Es zeigt vielmehr, wie labil und leicht manipulierbar hoch bezahlte Fußballer tatsächlich sind. Die bisherigen Aussagen der vernommenen Spieler geben ein trauriges Bild davon ab, wie wenig Unterstützung und Hilfe sie in ihren Vereinen erhalten. Wie wenig sie zur Selbständigkeit und eigenem Denken angeleitet werden.

"Der Profifußball ist eine Parallelwelt", sagt Oliver Kahn SPIEGEL ONLINE. Wer in dieser nicht immer wieder reflektieren kann, wo er steht und wie sein Weg aussieht, hat keine Möglichkeit in ihr zu bestehen. "Deshalb könnte es sein, dass es noch viel mehr Spieler mit einem solchen Hang als die hier gehörten gibt", so der DFB-Prozessbeobachter Hubertus Behncke. Spieler in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Spieler auf den unterschiedlichen Positionen. Empfänglich für mutwillige Fremdsteuerung.

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