Football Leaks Wie der FC Chelsea einen Jugendlichen bei Viktoria Köln parkte

Warum wechselte das 14 Jahre alte Fußballtalent Thierno Ballo von Bayer Leverkusen zum Amateurverein Viktoria Köln? Offenbar nur, damit der Junge einen Vertrag mit dem FC Chelsea unterschreiben konnte.

Thierno Ballo: "Wenn man von Wunderkindern im Fußball spricht, dann ist er solch eines"
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Thierno Ballo: "Wenn man von Wunderkindern im Fußball spricht, dann ist er solch eines"

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An dem Tag, an dem der Nachwuchsfußballer Thierno Mamadou Ballo 16 Jahre alt wurde, versandte die Jugendabteilung des FC Chelsea einen Tweet. Es war der 2. Januar 2018. Der Verein werde "noch in dieser Woche den Vertrag mit dem österreichischen Jugendnationalspieler besiegeln", hieß es in der Mitteilung, danach werde Ballo zunächst für die U18-Auswahl des Premier-League-Klubs eingesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt spielte Ballo bei den B-Junioren von Viktoria Köln in der Bundesliga West. Anderthalb Jahre zuvor, im Sommer 2016, war er aus dem Jugendleistungszentrum Bayer Leverkusens überraschenderweise in den Nachwuchsbereich des Kölner Klubs gewechselt.

Auch der FC Bayern und Leipzig sollen interessiert gewesen sein

Dem regionalen Fußballmagazin "Reviersport" war der Transfer des hochbegabten Offensivspielers nach England eine kleine Story wert. Viktoria Kölns Mäzen Franz-Josef Wernze, ein Steuerberatungsunternehmer, schwärmte dort: "Im Sommer 2016 wollten ihn fast alle haben. Da waren der FC Bayern, RB Leipzig und der 1. FC Köln dran. Aber sein Vormund entschied sich für einen Wechsel zum FC Chelsea."

Da Thierno noch nicht alt genug gewesen sei, um nach England zu wechseln, "parkte Chelsea ihn bei uns. Wir haben das natürlich gern gemacht und mussten keinerlei Aufwandsentschädigung für den Jungen bezahlen. Er ist ein toller, volksnaher Junge, der unglaublich am Ball ist. Wenn man von Wunderkindern im Fußball spricht, dann ist Thierno Ballo solch eines", sagte Wernze.

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26.08.2019, 17:13 Uhr
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So wie sie bislang berichtet wird, hört sich die Geschichte des Thierno Ballo wie eines dieser Fußballmärchen an. Der Junge aus Fresco, einer Stadt an der Elfenbeinküste, kommt mit vier Jahren nach Linz in Österreich. Dort fällt er auf einem Bolzplatz einem Jugendtrainer auf, der ihn sofort in seinen Klub aufnimmt. Ballos erster Trainer, der Peter Huemerlehner heißt, wird später sein Vormund. Der Mann zieht aus beruflichen Gründen nach Deutschland. Der elfjährige Junge zieht mit, so kommt er schließlich über Bayer Leverkusen und Viktoria Köln zum FC Chelsea nach London.

Das Geschäft mit minderjährigen Talenten

"Wir haben ein paar Vereine in die engere Auswahl genommen und uns dann nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Trainingsarbeit genau angesehen", sagte Huemerlehner, "da hat Chelsea den besten Eindruck hinterlassen". Ballo sagte in einem Interview mit dem Streamingdienst Dazn über seinen Vormund: "Er ist wie ein zweiter Vater für mich. Ich habe immer Spaß mit ihm, und er hilft mir bei jeder Gelegenheit."

Doch hinter dem Werdegang Ballos verbirgt sich noch eine ganz andere Geschichte. Sie erzählt von dem Geschäft mit minderjährigen Talenten. Und sie ist ein Lehrstück, wie Klubvertreter ihre Interessen durchdrücken: mit sehr viel Geld und mit der Einstellung, die bestehenden Vorschriften zum Schutz von Jugendlichen nicht so eng zu sehen.

Der Fall Ballo, der sich in dem Datensatz von Football Leaks findet, ist nur einer von vielen. Aber er ist ein besonders drastischer.

Ballo (rechts) läuft auch für die Jugendnationalmannschaft Österreichs auf
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Ballo (rechts) läuft auch für die Jugendnationalmannschaft Österreichs auf

Am 21. Juni 2016, er ist gerade vierzehneinhalb Jahre alt, unterschreibt Ballo, damals wohnhaft in Köln, ein "Agreement" mit dem FC Chelsea. Auch Huemerlehner, Ballos Vormund, setzt seine Unterschrift unter das Schriftstück, ebenso Ballos Mutter. Das Dokument regelt, dass Ballo "am oder um den 1. Juli 2018" zum FC Chelsea wechseln wird.

Ballo bindet sich für vier Jahre. In seiner ersten Saison, versehen mit einem "Scholarship Agreement", einem Ausbildungsvertrag, soll Ballo demnach nur 135 Pfund wöchentlich bekommen. Von Sommer 2019 an stellt der FC Chelsea dem Heranwachsenden dann ganz andere Summen in Aussicht: durchschnittlich 215.000 Pfund pro Jahr. Den ersten Vorgeschmack gibt es für den Spieler bereits sieben Tage nach Unterschrift: 10.000 Pfund.

Auffällig hohe Prämien

Aus den Unterlagen geht hervor, dass Ballo, seine Mutter und sein Vormund Huemerlehner noch einen zweiten Vertrag unterschreiben. Und es gibt den Entwurf einer weiteren Vereinbarung. In dem unterzeichneten Dokument geht es um auffällig hohe Prämien, eine Art Vorschuss für seinen Wechsel zum FC Chelsea.

Demnach garantiert der Klub Ballo bis Ende Juni 2018 Zahlungen von 441.500 Euro sowie 550.000 Pfund, zahlbar in sechs Raten. Die erste Tranche ist spätestens sieben Werktage nach Ballos Unterschrift fällig, die letzte im Juni 2018. Der FC Chelsea, so steht es in dem Vertragsentwurf, soll das Geld an die Kreissparkasse Köln überweisen. Dort hat Huemerlehner, Ballos Vormund, demnach ein Konto.

Ballo (links) im August 2017 bei der U17-Nationalmannschaft Österreichs. Damals war er erst 15 Jahre alt
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Ballo (links) im August 2017 bei der U17-Nationalmannschaft Österreichs. Damals war er erst 15 Jahre alt

Doch Chelsea sichert sich ab. Für den Fall, dass der Junge seinen vertraglichen Zusagen in den Jahren von 2018 bis 2022 nicht nachkommen sollte, machen sich Ballos Mutter und Vormund Huemerlehner schadensersatzpflichtig. So steht es in einem weiteren Vertragsentwurf. Laut diesem Dokument sind sie verpflichtet, dem FC Chelsea dann sämtliche bereits geleisteten Zahlungen zu erstatten. Dazu gehört auch die Transfersumme, die Viktoria Köln dafür kassieren soll, den Spieler bis zu seinem Wechsel zwei Jahre lang bei sich geparkt zu haben. Das ist dem FC Chelsea offenbar eine Ablösesumme von 150.000 Euro wert.

Die Premier League verbietet eigentlich solche Deals

Dieses Vertragswerk kollidiert mit zentralen Regularien für den Transfer von Minderjährigen. Laut der Fifa ist es untersagt, Minderjährige unter 16 Jahren über Ländergrenzen hinweg gegen Geld unter Vertrag zu nehmen. Auch Regeln der Premier League verbieten finanzielle Lockofferten an Minderjährige.

Die Verantwortlichen des FC Chelsea scheinen dennoch mit großen finanziellen Anreizen um den damals 14-jährigen Ballo geworben zu haben. Dass die Eltern dabei durch sogenannte Optionsverträge unter Druck gesetzt werden, hat dabei Methode, wie ein Mailwechsel eines Chelsea-Anwalts mit einem externen Berater im Sommer 2016 offenbart.

Es sei schwierig, Minderjährige für ihre Vertragsunterschriften zur Verantwortung zu ziehen, so der Berater. "Eltern sollten glauben, dass sie persönlich verpflichtet sind, dafür zu sorgen, dass der Spieler bei Chelsea unterschreibt und nirgendwo anders", riet er deshalb. Er schien zuversichtlich, dass das funktionierte: "Eltern unterzeichnen wohl eh alles, was man ihnen vorlegt."

Das belegen andere Verträge des FC Chelsea, in denen sich Eltern dem Druck beugten und sich "bedingungslos und unwiderruflich" für alle Kosten haftbar erklärten, die durch eine Absage ihres Sohnes entstehen könnten: Rechtskosten, Schadensersatzansprüche, Strafen.

Vormund Huemerlehner meldet sich zu Wort

Der SPIEGEL bat Huemerlehner, Ballo selbst sowie seine Mutter um Stellungnahme zu den Vertragsinhalten. Nur Huemerlehner antwortete. Aus seiner Sicht ist der Werdegang seines Ziehsohns ein Paradebeispiel für "gelebte und gelungene Integration" und "soziale Verantwortung". Die Entscheidung, zum FC Chelsea zu wechseln, habe Ballo "allein getroffen, und wir gaben unser Einverständnis, nachdem wir ein stabiles soziales und persönliches Umfeld garantieren konnten".

Fragen zu "Vertragsinhalten und vertraulichen Dokumenten" werde er "nicht weiter kommentieren", schrieb Huemerlehner, diese Unterlagen seien "illegal entwendet worden". Die Zahlen, die der SPIEGEL ihm vorlegte, entsprächen "nicht den Tatsachen". Huemerlehner nannte keine anderen. Er schrieb zudem, der FC Chelsea biete "mit seiner finanziellen Unterstützung erst die Möglichkeit, das alles so auszugestalten".

2018 wechselte Ballo (Mitte) in den Nachwuchs des FC Chelsea und lief dort zunächst für die U18-Auswahl auf
Chelsea FC via Getty Images

2018 wechselte Ballo (Mitte) in den Nachwuchs des FC Chelsea und lief dort zunächst für die U18-Auswahl auf

Den Vorwurf, der Vertrag des FC Chelsea mit seinem damals 14-jährigen Pflegesohn verstoße gegen Verbandsregeln, kommentierte Huemerlehner mit den Worten: "Rein rechtlich muss ich ehrlich passen, wir hatten aber stets den Eindruck, dass alles den Regularien entsprechend verlief." Von den 150.000 Euro, die der FC Chelsea als Ablösesumme an Viktoria Köln gezahlt haben soll, wisse er nichts: "Aber selbst wenn 150k im Umlauf waren, so sind das heutzutage, soweit ich die Dinge mitbekommen habe, keine riesigen Beträge."

Der Verein Viktoria Köln äußerte sich weder zu der Höhe der Ablösesumme noch zu dem Vorwurf, ein sechsstelliger Betrag für den Weiterverkauf des damals 14-jährigen Spielers, der gerade erst von Leverkusen nach Köln gewechselt war, sei ein Beleg für unethisches Geschäftsgebaren.

Der FC Chelsea reagierte zunächst auf eine Anfrage und kündigte gegenüber dem SPIEGEL an, die Fragen zum Transfer zu kommentieren. Das ist bislang nicht geschehen.



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Anna156464641156 12.09.2019
1.
Das Geschäft mit minderjährigen Talenten im Fußball ist skrupellos und gehört unbedingt Angeprangert. Allerdings finde ich das sich dieser konkrete Fall nicht sonderlich dafür eignet. Da gibt es deutlich Verwerfliches. Wenn ich das richtig verstehe ist Ballo von Österreich nach Leverkusen wegen seinem Trainer und Förderer gezogen. Warum das passiert ist erschließt sich mir nicht aus dem Artikel. Das aber Chelsea viel mehr Druck auf einen 3 Ligisten als auf einen Top Bundesliga Club, der selbst Interesse an dem Talent hat, ausüben kann sollte klar sein. Allerdings sehe ich keinen Schaden der deshalb dem Jungen entsteht. Viktoria selbst spielt erste Bundesliga in den Jugendabteilungen und ist auch DFB Leistungszentrum. Sprich an Qualität mangelt es dort gegenüber Bayer nicht. Auch musste er nicht aus seinem sozialen Umfeld weg ziehen sondern kann einfach in die S6 steigen und ist in 10 Minuten in Höhenberg. Das der Weg dann über den Kanal in die Premier League geht ist bei ausreichendem Talent nur eine Frage der Zeit da dort schlicht und ergreifend das meiste Geld im Fußball ist. Einzig sehe ich Probleme bei diesem Fall in den Summen und das vielleicht Regularien verletzt worden sind. Das ist aber etwas für Juristen und kann ich nicht beurteilen.
Nonvaio01 12.09.2019
2. ist doch super
ein junges talent von der Elfenbeinkueste hat es in die PL geschafft. Fuer den Jungen ist bestimmt ein Traum in erfuellung gegangen.
zeisig 12.09.2019
3. Mit dem gerne tauschen.
Ich weiß jetzt nicht, was an diesem Fall anrüchig sein soll. Es ist vom "Geschäft mit minderjährigen Talenten" die Rede. Man kann das aber auch andersherum sehen. Dieser junge Kerl wird gefördert und behutsam aufgebaut, in einer behüteten Umgebung, damit er dann bei Zeiten seine Millionen scheffeln kann. Was glauben Sie, wieviele Jugendliche viel dafür geben würden, mit diesem Jungen tauschen zu können ?
Shismar 12.09.2019
4. Moralisch und rechtlich fraglich
Der FC Chelsea umgeht verbindliche Regeln der PL und das soll in Ordnung sein? Zudem werden die Eltern mit Knebelverträgen verpflichtet dafür zu sorgen, dass ihr Kind es sich nicht nochmal anders überlegt? Und um den Schmu zu kaschieren, wird der Junge zwei Jahre bei einem Drittligisten geparkt anstatt einfach weiter in Leverkusen trainieren zu können. Die rechtliche Seite ist Sache der PL. Gutheißen kann ich die Methode aber nicht, Jugendliche sind keine Schachfiguren, die von Eltern und ihren Geschäftspartnern hin und hergeschoben werden sollten.
lektra 12.09.2019
5. Handel mit Talenten
Interessant wird es, wenn man diesen Fall des Transfers eines Jugendlichen mit dem Fall Ödegaard vergleicht; vor 3 Tagen in SPON: "Wie Martin Ødegaards Vater vom Transfer zu Real Madrid profitierte", https://www.spiegel.de/sport/fussball/football-leaks-wie-martin-odegaards-vater-vom-transfer-zu-real-madrid-profitierte-a-1285860.html Im Fall Ballo wird ein Jugendtrainer, der das Talent eines afrikanischen Kindes entdeckt, dessen Vormund und unterschreibt in der Folge Verträge in dessen Namen. Und das in einer Situation, in der Eltern hochbegabter Jugendfußballer ganz "zufällig" gute Jobs ausgerechnet dort angeboten bekommen, wo ihr Kind von einem Fußballclub stark umworben wird. Vater Ødegaard erhält einen Trainervertrag für die Real-Jugend, millionenschwer, ein Vielfaches von dem, was andere, renommiertere Trainer dort bekommen. Bayern München holt z.B. drei Toptalente im Alter von 13 und 14 Jahren (Torben Rhein, Nemanja Motika, Nikola Motika) von Hertha BSC; die Eltern ziehen von Berlin nach München, weil sie - "natürlich" vollkommen unabhängig von den Bayern - dort Arbeit bekommen. Wenn Bayer Leverkusen ein Toptalent will, ist die Verbindung zum Bayer-Konzern sicher nicht hinderlich dabei, einen beruflichen Anlass zu finden, damit der Vormund von Österreich ins Rheinland zieht. Es ist schwierig genug, wenn man sieht, wie Eltern aus einer Unterschrift im Namen ihrer Kinder finanziell profitieren. Richtig bedenklich wird es, wenn Vormundschaften für Kinder, die sich in einer schwierigen Situation befinden, übernommen werden und die Vormünder davon wirtschaftlich profitieren können. Hertha hat eine ausgezeichnete Jugendabteilung. Da muss kein 13-/14-Jähriger wechseln, damit sein Talent weiterentwickelt wird. Ein 14-Jähriger hat in Leverkusen auch beste Entwicklungsmöglichkeiten. Chelsea ist nicht bekannt dafür, dass es Jugendliche besonders gut fördert. Dort wird auch im jungen Alter halt viel mehr Geld bezahlt. Wenn sich der Junge doch nicht so entwickeln sollte, hat man dieses Geld schon mal sicher. Zudem: ob man noch Geld von einem 18-Jährigen abbekommt, steht in den Sternen.
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