Frankfurt gewinnt die Europa League Sie haben sich ein Denkmal gebaut

»Wir wussten, wir sind dran«, jubelte Kevin Trapp - dann galt sein Dank den Fans. Über das Drama von Sevilla und seine Protagonisten auf den Rängen und dem Rasen.
Sie haben es geschafft: Eintracht Frankfurt ist Europa-League-Sieger

Sie haben es geschafft: Eintracht Frankfurt ist Europa-League-Sieger

Foto: SUSANA VERA / REUTERS

Wir sind Helden: Kevin Trapp war gerade zur Frankfurter Klublegende geworden. Kurz vor Ende der Verlängerung hatte der Eintracht-Keeper mit einer irrwitzigen Beinabwehr gegen Ryan Kent vom Rangers FC pariert (118. Minute), drei Minuten später fast lässig einen Freistoß von Glasgows Kapitän James Tavernier aus dem Winkel gekratzt. Und dann, im Elfmeterschießen, war Trapp es gewesen, der den entscheidenden Strafstoß pariert hatte, gegen Aaron Ramsey, für dessen Schuss der Eintracht-Keeper nicht mehr seinem Spickzettel, sondern seinem Gefühl folgte. Am RTL-Mikrofon ging Trapps Blick weg von sich, hin zu den Mitspielern, zu den Fans: »Wir sind alle die Helden. Schau dir das an«, deutete der Matchwinner ins weite Rund. »Wir wussten, wir sind dran. Ohne die hätten wir es nicht geschafft.«

Die Europapokal-Sieger von Eintracht Frankfurt

Die Europapokal-Sieger von Eintracht Frankfurt

Foto: Arne Dedert / dpa

Das Ergebnis: 1:1 nach 90 Minuten, 1:1 nach 120 Minuten, und dann: 5:4 im Elfmeterschießen gegen die Glasgow Rangers. Eintracht Frankfurt, der Bundesliga-Elfte, gewinnt die Europa League 2022 und spielt kommendes Jahr in der Champions League. Den Spielbericht zu einem geschichtsträchtigen Abend lesen Sie hier.

Ein Spiel, größer als der Wettbewerb: Das Estadio Ramón Sánchez Pizjuán, Stadion des Europa-League-Rekordsiegers FC Sevilla, war schon einige Male Schauplatz großer Fußballabende. Der »Thriller in Sevilla« 1982 ging in die Fußball-Annalen ein. Doch für dieses Endspiel schien der andalusische Fußballtempel, von Eintracht-Präsident Peter Fischer abschätzig zum »Micky-Maus-Stadion« erklärt, anderthalb Nummern zu klein: 150.000 Fans hatten sich aus Schottland und Hessen gen Finale aufgemacht, etwa 44.000 Plätze bot die Arena. Schon vor der Partie hatten Rangers- und Eintracht-Fans die Innenstadt förmlich überrannt, nicht alle Begegnungen verliefen friedlich. In Frankfurt reichten selbst die Daheimgebliebenen aus, um das Waldstadion vollzumachen.

Mit den Füßen in Frankfurt, mit dem Herzen in Sevilla: Eintracht-Fans beim Public Viewing

Mit den Füßen in Frankfurt, mit dem Herzen in Sevilla: Eintracht-Fans beim Public Viewing

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Zwei, drei Generationen gewartet: Man konnte der Uefa kaum vorwerfen, von der großen Bedeutung der Partie überrascht zu sein. Die Europa League fristete bislang ein Schattendasein hinter dem großen Bruder Champions League. Sie war der Ort, an den sich enttäuschte Spitzenklubs zurückzogen, um zumindest noch irgendetwas zu gewinnen. Zehn Jahre lang ging der Titel entweder nach Spanien oder England – diesmal standen sich zwei heiß geliebte Außenseiter gegenüber. Keine Dauergäste in der Königsklasse, Klubs, die seit 1980 (Eintracht) oder 1972 (Rangers) auf einen Europapokal warten. So verblasste schon die Uefa-Eröffnungszeremonie mit ihren hilflosen, durchs taghelle Stadion blinkenden Leuchtstäben neben der Choreografie des Eintracht-Blocks, deren skelettierter Superfan auf der Tribüne für Eindruck sorgte.

Halten für den Verein die Knochen hin: Frankfurts Ultras

Halten für den Verein die Knochen hin: Frankfurts Ultras

Foto: JOHN SIBLEY / REUTERS

Turban Legend: Bis zum ersten Aufreger des Spiels dauerte es keine fünf Minuten. Rangers-Abräumer John Lundstram hatte den Stollenschuh im Kampf um den Ball bis auf Kopfhöhe von Sebastian Rode in die Luft gerissen, der Frankfurter Kapitän ging blutüberströmt zu Boden. Kein harter Einschlag, eher ein feiner Schnitt, der Rode eine Platzwunde bescheren sollte, aber keine fiesere Kopfverletzung. Turban auf, weiter geht's. »Ich musste sofort an Schweini denken, WM Zwovierzehn«, sagte Rode nach Spielschluss am RTL-Mikrofon.

Sebastian Rode: Ging blutüberströmt zu Boden

Sebastian Rode: Ging blutüberströmt zu Boden

Foto: Alex Grimm / Getty Images

Frankfurter Dominanz: Die Eintracht hatte vorab als Favorit auf den Titel gegolten, auf dem Platz bildeten sich diese gefühlten Kräfteverhältnisse auch in Chancen ab. Daichi Kamada und Djibril Sow (12.) prüften mit einer Doppelchance den 40 Jahre alten Rangers-Schlussmann Allan McGregor, Ansgar Knauff hatte nach einem Dribbling eine gute Gelegenheit (20.). Noch bemerkenswerter, weil überraschender, war aber die Frankfurter Überlegenheit auf den Rängen: Der neutrale Zuschauerbereich leuchtete mehrheitlich in Rangers-Blau, doch die »Bestia Blanca« im Eintracht-Weiß feierte einen Kantersieg auf der Dezibelskala. Bis zur Pause sprach viel für einen Frankfurter Sieg, nur das Ergebnis noch nicht: ein torloses Remis.

Tutas Tragik: Lucas Silva Melo, genannt Tuta, hatte gute Stunden hinter sich. Erst am Vortag hatte der Brasilianer seinen Vertrag bei der Eintracht bis 2026 verlängert. Im Endspiel durfte Tuta natürlich starten. Selbst ein fitter Martin Hinteregger hätte den 22-Jährigen wohl nicht aus der Anfangsformation von Oliver Glasner verdrängt, zu gut war Tutas Saison. Zumindest bis zur 57. Minute: Dann nämlich, als Djibril Sow völlig unvermittelt hinter die eigene Abwehr köpfte. Tuta drehte sich um, um Rangers-Stürmer Joe Aribo noch aufzuhalten – rutschte aber weg. Die Folge: Die Führung für die Schotten, die Auswechslung für Tuta, der sich bei der Aktion verletzte.

Tuta im Zweikampf mit Joe Aribo

Tuta im Zweikampf mit Joe Aribo

Foto: IMAGO/Patrick Scheiber / IMAGO/Jan Huebner

Instinktfußball: Nun musste die Eintracht liefern. Und das tat sie: Kamada lupfte noch aufs Tornetz (67.), dann machte Filip Kostić das, was Filip Kostić nun einmal macht. Scharf brachte die Frankfurter Institution auf dem linken Flügel den Ball in die Mitte, dort bekam Rafael Borré den Fuß an den Ball (69.). Wie schon im Rückspiel gegen Barcelona, wie schon im Rückspiel gegen West Ham zeigte der Kolumbianer, dass er im Laufe dieser Europapokalsaison einen veritablen Killerinstinkt entwickelt hatte.

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Mit letzter Kraft: Die spielerischen Vorteile der Eintracht fielen immer weniger ins Gewicht, je länger die Partie andauerte. Die Beine wurden schwerer, die Zweikämpfe wurden härter. Borré fehlte zu Beginn der Verlängerung die Kraft, den schon ausgerutschten Calvin Bassey abzuschütteln (95.), Kristijan Jakić die Präzision aus der Distanz (112.). So hing es an Trapp, immer wieder an Trapp, und dann auch an Christopher Lenz, an Ajdin Hrustić, an Kamada und dem Innenpfosten, an Kostić und schon wieder an Borré. Alle fünf verwandelten ihre Elfmeter – und zugleich ganz Frankfurt (und damit auch halb Sevilla) in ein Meer aus Glücksgefühlen.