Fußball der Frauen in Katar Aufbruch und Feigenblatt

Mit Sportereignissen wie der Klub-WM und der WM 2022 arbeitet Katar am eigenen Image. Dafür hat sich das muslimische Land auch für den Fußball der Frauen geöffnet. Aber wie ernst gemeint ist das?

Das Video, das Shaima Abdullah auf ihrem Handy vorführt, zeigt sie fliegend. Jemand schießt einen Ball aufs Tor. Sie springt hinterher, saust durch die Luft - bis sie ihn fängt und festhält.

Shaima Abdullah ist Torhüterin. Beim Gespräch mit dem SPIEGEL in Doha trägt die 28-Jährige eine dunkle Brille, kein Makeup. Das schwarze Kopftuch hat sie locker um die Haare geschlungen. "Ich trage Hijab, aber ich spiele Fußball", sagt sie, als ob sie es erklären müsste.

Shaima Abdullah spielt für die katarischen Nationalmannschaft der Frauen. An das letzte Spiel kann sie sich nicht erinnern, sagt sie. Es sei schon länger her. Und darin liegt ein Problem ihrer Geschichte, die eigentlich Hoffnung gibt, aber auch misstrauisch macht.

Shaima Abdullah, Torhüterin der katarischen Fußball-Nationalmannschaft

Shaima Abdullah, Torhüterin der katarischen Fußball-Nationalmannschaft

Foto: Anne Armbrecht

Dass Frauen wie Shaima Abdullah in Katar Sport treiben, ist noch immer nicht selbstverständlich. Im Golf-Emirat sind sie nicht gleichberechtigt. Der Islam ist Staatsreligion und die Scharia Gesetzesgrundlage. Auch Abdullah stößt im Alltag auf Widerstände: "Manche sagen: Frauen, die Fußball spielen, finden keinen Mann, kriegen keine Kinder", erzählt sie. Manche Eltern würden es ihren Töchtern verbieten.

Andererseits will sich Katar modern präsentieren. Das kleine Land wirbt seit zwei Jahrzehnten mit Investitionen in Bildung, Kultur und Sport um die Gunst des Westens - auch, um sich unabhängig vom Öl zu machen. Die Leichtathletik-WM wurde im Herbst in Doha ausgetragen. Seit Mittwoch läuft die Fußball-Klub-WM mit Champions-League-Sieger FC Liverpool in Katar. 2022 findet hier die Fußball-WM statt.

Die Deutsche, die in Katar trainierte

Die Image-Offensive hat auch Auswirkungen auf den Sport der Frauen im Land. Im Jahr 2000 hat die damals zweite Frau des Emirs, Mozah Bint Nasser al-Missned, ein Frauen-Sportkomitee ins Leben gerufen. 2010, das Jahr, in dem über Katars Bewerbung um die Fußball-WM 2022 entschieden wurde, bestritt auch eine Nationalmannschaft der Frauen zum ersten Mal ein offizielles Länderspiel.

Man könnte das als Aufbruch verstehen. Und wenn man Nationaltorhüterin Shaima Abdullah zuhört, wie sie über den Fußball spricht, dass er ihr Selbstvertrauen gibt und Freude macht wie vielen anderen Frauen überall auf der Welt, dann ist es für sie persönlich tatsächlich ein Aufbruch. Die Frage ist nur, wie ernst und nachhaltig er gemeint ist von offizieller Seite. Denn vielleicht ist die Öffnung Katars für den Fußball der Frauen auch nur ein Feigenblatt.

Monika Staab war zwischen 2013 und 2014 Trainerin der katarischen Fußball-Nationalelf der Frauen . Die 60-Jährige ist eine Größe in der Branche. Mit dem 1.FFC Frankfurt gewann sie zwischen 1999 und 2004 viermal die deutsche Meisterschaft, fünfmal den Pokal und einmal den Uefa-Cup. Danach leistete Staab Fußball-Entwicklungshilfe - erst in Bahrain, dann in Katar. Die katarische Frauen-Nationalelf sei ihr als Nationaltrainerin damals vorgekommen, "wie ein Anhängsel der WM", sagt Staab dem SPIEGEL.

Monika Staab war zwischen 2013 und 2014 Trainerin der katarischen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen

Monika Staab war zwischen 2013 und 2014 Trainerin der katarischen Fußball-Nationalmannschaft der Frauen

Foto: Ulli Bünger/ DPA

Der Weltverband Fifa verpflichtet seine Mitglieder seit 2008 dazu, auch Frauen- und Mädchenfußball zu fördern. Wer sich ohne Frauen-Programm für eine WM bewerben will, hat keine Chance. Katars Bewerbung sah laut Fifa-Bericht  eines vor.

Nach Katar vergeben wurde die WM 2022 am 2. Dezember 2010. Anderthalb Monate zuvor, am 18. Oktober 2010, bestritt Katars Frauen-Nationalmannschaft ihr erstes Länderspiel - gegen Bahrain. Die Fifa liefert auf SPIEGEL-Nachfrage eine Übersicht mit bisher 15 gespielten Partien der katarischen Nationalelf, die sich im Fifa-Archiv finden lassen - darunter Spiele gegen Palästina, Syrien, Afghanistan und Jordanien.

Das letzte, der Fifa bekannte Länderspiel Katars fand 2014 statt

In der Weltrangliste wird Katars Frauen-Team derzeit nicht geführt. Das gelte für "inaktive Teams", die mindestens 18 Monate nicht gespielt haben, heißt es von der Fifa. Das letzte Spiel der Katarerinnen in den Fifa-Archiven ist ein 2:8 gegen Bahrain. Es ist datiert auf den 19. April 2014.

Eine SPIEGEL-Anfrage, ob Katars Frauen-Fußball-Förderung damit noch den Mindeststandards der Fifa genügt, lässt der Weltverband unbeantwortet.

Monika Staabs Vertrag als Nationaltrainerin wurde 2014 nicht verlängert. Der Verband habe einen Mann bevorzugt, der Arabisch spricht. Das sei die offizielle Begründung gewesen, erzählt Staab. Sie aber hatte eine andere Vermutung: "Als Frau darf man nicht zu erfolgreich sein, gerade im Fußball", sagt Staab.

Monika Staab (links) mit Spielerinnen der katarischen Nationalelf: "Ein Anhängsel der WM."

Monika Staab (links) mit Spielerinnen der katarischen Nationalelf: "Ein Anhängsel der WM."

Foto: Ulli Bünger/ DPA

In ihrer Zeit in Katar habe sie auch eine U14- und eine U16-Auswahl aufgebaut, für die sie Spielerinnen in Schulen rekrutierte, sagt Staab. Es habe regelmäßige Spiele gegeben. Wenn keine Männer zuschauten, sogar in kurzen Hosen und ohne Kopftuch. Es hätten sogar Töchter der Königsfamilie mitgespielt. Das sei aber nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegangen.

Seit Staabs Abschied sei das Programm "ein bisschen eingeschlafen", sagt sie. Staab glaubt, dass es Katar an einer Vision und strategischen Ausrichtung mangelt, um den Fußball der Frauen im Land voranzubringen: "Es muss aber von oben auch gewollt sein", sagt sie. Ihr habe die Unterstützung des Verbands gefehlt.

Der katarische Verband gibt keine Antworten

Beim Versuch herauszufinden, warum das so ist, wartet man vergeblich auf Antworten. Der katarischen Fußball-Verband (QFA) reagiert nicht auf mehrere schriftliche Bitten um Stellungnahme. Was ist der aktuelle Zustand des Frauen-Fußballs in Katar? Und wurde das Frauen-Nationalteam nur gegründet, weil die Fifa es für eine WM-Zusage zur Bedingung gemacht hatte, dass Frauen- und Mädchen-Fußball gefördert werden? Keine Antwort.

Auf der englischsprachigen Homepage des Verbands findet sich kein Hinweis auf die Existenz eines Frauenteams. Beim Frauensport-Komitee gibt es in der Rubrik Fußball zumindest sechs Fotos von Spielerinnen. Weitere Informationen finden sich dazu nicht. Auch vom Frauensport-Komitee gibt es keine Rückmeldung auf eine SPIEGEL-Anfrage.

Klassiker aus der Sportredaktion
Foto: ANTHONY BOLANTE/ REUTERS

Das Coronavirus legt den Alltag lahm. Auch der Sport ist betroffen - Veranstaltungen fallen aus. Für die Zeit empfehlen wir Klassiker aus der Sportredaktion. Hier finden Sie eine Übersicht.

"Wir hatten nicht den Eindruck, dass da irgendwas gefördert wurde"

Dass es Katar möglicherweise nicht ganz ernst meint mit der Nachhaltigkeit seines Frauen-Fußballs, vermutet auch Pia Mann. Die 38-Jährige arbeitet für Discover Football , einem gemeinnützigen Verein aus Berlin, der Fußball für Entwicklungsarbeit mit besonderem Fokus auf Frauen nutzt. 2017 wurden Mann und Discover Football nach Katar eingeladen. Mit dem dortigen Frauen-Nationalteam gab es ein gemeinsames Essen und ein Trainingsspiel. Ein Image-Video zur WM 2022 wurde gezeigt. Aber als die Discover-Football-Delegation fragte, ob es für den Fußball der Frauen in Katar auch eine Perspektive über die WM hinaus gebe, bekam sie keine Antwort.

"Wir hatten nicht den Eindruck, dass da irgendwas gefördert wurde", sagt Pia Mann dem SPIEGEL. "Ich glaube nicht, dass da nach der WM 2022 noch etwas übrig bleibt. Das Traurige ist: Die Frauen gehen von etwas anderem aus."

Shaima Abdullah, die Nationaltorhüterin, geht weiter zweimal pro Woche zum Training. Hin und wieder trainiert sie auch Mädchen in einer Schule in Doha. Fußball gebe ihnen Selbstvertrauen, sagt sie. Irgendwann möchte sie Torwarttrainerin werden. "Die erste in Katar", sagt Shaima Abdullah. Dann hebt sie die Hände hoch und seufzt: "Inschallah." Wenn Gott will.

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