Leben ohne Lieblingsverein Small Talk über René Tretschok

Die Frage nach dem Lieblingsverein ist ein wunderbarer Gesprächseinstieg, gerade im Ausland, gerade unter Männern. Ein Problem für unseren England-Autor Hendrik Buchheister.

René Tretschok
imago/Team 2

René Tretschok


Neulich habe ich wieder einmal eine dieser Unterhaltungen geführt, die mich immer wieder vor dasselbe Problem stellen.

Ich hatte gerade meinen Platz auf der Pressetribüne im Old Trafford in Manchester bezogen und machte mich mit meinem Nebenmann bekannt. Wie wir heißen, woher wir kommen, für wen wir arbeiten, die Standards. Und natürlich fragte er mich auch nach meinem Lieblingsverein.

Natürlich, weil davon auszugehen ist, dass Menschen, die sich mit Fußball befassen, einen Lieblingsverein haben. Kann ja gar nicht sein, sich für Fußball zu interessieren und keinem Klub besondere Verehrung zukommen zu lassen. Dem Spiel gänzlich neutral gegenüber zu stehen, ist nicht vorgesehen.

Die Frage nach dem Lieblingsverein ist auch eine Frage nach Identität, sie hilft dabei, Menschen einzuordnen, zumindest grob. Wer Fan des FC Bayern ist, hat vermutlich ganz gern Erfolg, wer Fan des Hamburger SV ist, muss über eine austrainierte Leidensfähigkeit verfügen. Außerdem ist die Frage ein wunderbarer Einstieg in leichte Gespräche, ein Small-Talk-Türöffner, gerade im Ausland.

Und damit zu meinem Problem.

Ich habe keinen Lieblingsverein, zumindest nicht so richtig. Das Fansein ist mir irgendwann abhandengekommen, einfach so, ohne, dass ich aktiv etwas dafür getan hätte. Das ruft bei anderen Fußballinteressierten regelmäßig Verwunderung hervor, als ob etwas mit mir nicht stimmen würde und man sich Sorgen machen müsse. Da kann ich beruhigen. Die meiste Zeit ist mein Leben nicht beeinträchtigt.

Borussia Dortmund in Neongelb

Nur mit dem Small Talk ist es natürlich schlecht ohne Lieblingsverein, wie ich festgestellt habe. Ich habe mir deshalb einen gewissen Pragmatismus zugelegt, wenn ich in England gefragt werde, welches denn mein Klub sei. Ich nenne seit einer Weile immer den Verein meiner Jugend: Borussia Dortmund.

Ich erlebte meine fußballerische Sozialisation Mitte der Neunziger. Die beiden Dortmunder Meisterschaften und der Gewinn der Champions League unter Ottmar Hitzfeld, Ricken, "lupfen jetzt" - das war meine Zeit. Mein Zimmer war in Schwarz und Gelb tapeziert, was keine Übertreibung, sondern wörtlich gemeint ist. Auf dem Bolzplatz in meiner Heimat in Niedersachsen habe ich versucht, die Torwartparaden von Stefan Klos nachzustellen. Als meine Freunde nach dem Bundesliga-Aufstieg des VfL Wolfsburg damit anfingen, Wolfsburg-Trikots zu tragen, weil man doch stolz sein müsste auf den Verein aus der Region, bin ich erst recht im Dortmund-Trikot erschienen.

Autoren-Info
  • Verena Knemeyer
    Hendrik Buchheister, Jahrgang 1986, sah seine ersten Fußballspiele im alten Wolfsburger VfL-Stadion. Später - als Journalist - war er für den Fußballnorden zuständig. Nachdem es nicht gelang, den HSV in die zweite Liga zu schreiben, folgte der Wechsel nach England: Er berichtet seit August 2017 aus Manchester über britischen Fußball und hofft weiterhin auf eine Karriere als Torwart.

  • Alle Folgen der Kolumne "Life Goals"

Ich habe immer noch ein Trikot von damals, Saison 1994/1995, langarm. Es sitzt nicht mehr ganz ideal, dafür leuchtet es nach wie vor so wunderbar neongelb, dass es vermutlich auch aus dem Weltall zu sehen ist. Als ich es neulich zum Spiel mit meiner Freizeitmannschaft in Manchester trug, fragten meine Mitspieler, ob das wirklich mal die offizielle Arbeitskleidung eines ernst zu nehmenden Bundesligaklubs gewesen sei. Jesus Christ!

Seit ich in England wohne, bin ich latent auf der Suche nach einem neuen Lieblingsverein. Meine Mitspieler haben mir bislang unter anderem Leeds United, Norwich City ("Haben einen deutschen Trainer und deutsche Spieler") und Kidderminster Harriers ans Herz gelegt, bislang allerdings ohne Erfolg. Ich werde also erst mal bei Borussia Dortmund bleiben, wenn ich gefragt werde, welchem Klub ich denn die Daumen drücken würde, allein schon wegen des Small Talks.

Das Gespräch neulich im Old Trafford ging dann nämlich so weiter, dass mein Nebenmann ganz angetan war. Dortmund, da sei er natürlich auch schon mal gewesen. Er schwärmte vom Dortmunder Stadion, dass er trotz verkaufter Namensrechte Westfalenstadion nannte, von der Stimmung und von der Gelben Wand. Wir sprachen über Jürgen Klopp, über Thomas Tuchel - und über René Tretschok, den er für ein Dortmunder Legende halten musste, weil Tretschok 1997 im Halbfinale der Champions League gegen Manchester United getroffen hatte.

Mein Nebenmann erinnerte sich ganz genau daran, doch es sind schmerzliche Erinnerungen. Er ist United-Fan.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Pless1 05.10.2018
1.
Ich kenne zwar etliche Menschen ohne Lieblingsverein aber gar keine, die früher mal einen hatten. Man fragt sich mit Bedauern, was die alte Liebe hat erkalten lassen. Meine fußballerische Sozialisation liegt etwas weiter zurück, bei "Susi", "Frankie" und "dem Held von Berliiiin" aber ich bin ja auch ein Jahrzehnt älter. Wenn man als ausgewanderter Borussen-Fan eine neue Liebe in England sucht ist das doch nicht so schwierig. Was sind die Skills? - Arbeiterclub mit legendärer Tradition - Kult-Fantribüne im besten Stadion der Liga - geile Derbys, aber der Nachbarclub holt nie die Meisterschaft - zweiterfolgreichster Club des Landes - YNWA - Kloppo!!!! Noch Fragen, Kienzle? ;o)
Pless1 05.10.2018
2. Crosscheck
Mir fällt da gerade eine kleine Ungereimtheit auf: Der Autor habe, so schreibt er, "neulich" noch ein Trikot getragen, welches er "noch von damals" habe. Es "sitzt nicht mehr ideal", so sagt er, und sei aus der Saison 94/95. Laut seiner Vita war er damals 10 Jahre alt. Ja nee, is klar...
aurichter 05.10.2018
3. @ #2
Damals waren die Trikots beileibe nicht auf Taille geschnitten, was dann heute beim Noch-träumenden-Torhüter evtll der Fall wäre. Das dann andere Spieler merkwürdig dreinschauen, dies verwundert nicht :-)
aggro_aggro 05.10.2018
4. Keine Seltenheit
Als ostdeutsches Kind der Neunziger hatte ich keinen ernstzunehmenden Verein aus der Region und wenig Lust den Platzhirschen aus München oder Dortmund zu folgen. Gladbach, Bremen, Leverkusen waren ganz sympathisch, aber es gab keine emotionale Verbindung. Dresden, Rostock - Abstiegskampf und hässliche Trikots. So wurde ich: Bayern-Antifan. 2001 Schalker, zwischendurch Leverkusener, Bremer, Stuttgarter. Alles was Bayern schlagen konnte war interessant, auch um die doofen Bayern/Chicago Bulls/Schuhmacher - Fans auf dem Schulhof ärgern zu können. Und wie es oft ist, die Sozialisierung in der Grundschule wirkt lebenslänglich. Hoffentlich schlägt Gladbach morgen die Bayern und Hertha wird Meister. Oder Dortmund.
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