Robert Lewandowski Die Wandlung des Egozentrikers

Bei Bayerns 4:0 gegen Köln erzielte Robert Lewandowski seine Saisontore acht und neun. Bemerkenswerter war ein Elfmeterverzicht. Der einst selbstbezogene Torjäger hat sich zum Teamplayer entwickelt - und wird nun geliebt.

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Von Florian Kinast, München


Nach einer Stunde Spielzeit beim 4:0 des FC Bayern gegen Köln, sofort nach dem Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Patrick Ittrich, holte sich Robert Lewandowski den Ball. Der Pole ist in München der unumstrittene Strafstoßschütze Nummer eins. Doch dann geschah Ungeahntes. Er schritt zum Elfmeterpunkt - um urplötzlich dem verblüfften Philippe Coutinho den Ball an die Brust zu drücken. Der Zugang aus Barcelona bedankte sich und erzielte das 3:0. Sein erstes Pflichtspieltor für den FC Bayern. "An amazing gesture", sagte Coutinho später auf Englisch, "eine tolle Geste."

Eine Geste, die auch etwas erzählt über die verblüffende Wandlung des Robert Lewandowski in der jüngsten Vergangenheit. Denn dass dieser einen Elfmeter freiwillig einem Mitspieler überlässt, dass er nach seinen beiden Treffern zur 2:0-Führung auf die Chance zu seinem dritten Tor einfach verzichtet, das wäre vor zwei Jahren noch unvorstellbar gewesen. Lewandowski hat sich im gehobenen Fußballeralter von 31 Jahren beim FC Bayern noch einmal entwickelt: vom Egozentriker zum Teamspieler. Und vielleicht macht ihn genau das gerade so gut.

Er traf stets, aber geliebt wurde er nie

2014 kam der polnische Nationalstürmer aus Dortmund nach München, doch in den ersten Jahren herrschte eine seltsame Distanz zwischen ihm und dem Klub. Lewandowski war bei den Fans nie Publikumsliebling, nie Identifikationsfigur. Er traf und traf und traf. Doch in die Herzen der Zuschauer schoss er sich nie. Anders als etwa Franck Ribéry und Arjen Robben, zwei Helden der Südkurve.

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Rober Lewandwoski: Plötzlich Publikumsliebling

Ein bedingungsloses Bekenntnis zum FC Bayern hörte man auch auf Nachfrage nicht von ihm, im Gegenteil: Immer wieder schien es, als wollte er mit gezielten Störaktionen seinen gewünschten Abgang zu einem internationalen Topteam wie Real Madrid provozieren: 2017, als er sich etwa über die fehlende Unterstützung seiner Mitspieler beschwerte, um mit weiteren Treffern am letzten Spieltag noch Pierre-Emerick Aubameyang die Torjägerkanone zu entreißen. 2018, als er Trainer Jupp Heynckes brüskierte und ihm nach einer Auswechslung den Handschlag verweigerte. Das scheint der alte Lewandowski gewesen zu sein.

Fiorentino Peréz, Präsident von Real Madrid, verriet jüngst: "Wir haben uns mehrere Jahre um Lewandowski bemüht und es klappte nicht, denn er hat keine Ausstiegsklausel und sie verkaufen ihn nicht." Das musste dann auch Lewandowski im Sommer 2018 einsehen. Also arrangierte er sich mit dem FC Bayern - und fand plötzlich Gefallen.

Neun Tore in den ersten fünf Saisonspielen

Schon in der vergangenen Saison entwickelte er eine immer größere Spielfreude, spielte mannschaftsdienlicher, leistete mehr Defensivarbeit als bis dahin, und vor allem - man traute seinen Ohren kaum - sprach er auch lobende Worte über Teamkollegen.

Doch so richtig auf dem Zenit seiner Karriere angekommen ist er erst in dieser Saison, mit 31 Jahren. Neun Tore in den ersten fünf Bundesligaspielen, das gelang bisher nur dem Gladbacher Peter Meyer 1967. Dazu mindestens ein Tor in den ersten sieben Pflichtspielen für die Bayern, das glückte ihm in München bislang noch nicht.

Natürlich wissen die Münchner Klub-Bosse ganz genau, was sie an Lewandowski haben. Uli Hoeneß, der zuletzt mit umstrittenen Aussagen in der DFB-Torwart-Debatte für Wirbel gesorgt hatte, meinte unlängst: "Robert hat sich total geändert und ist ein richtiger Bayern-Spieler geworden." Zumindest hier ist dem Präsidenten nicht zu widersprechen.

Schon vergangenen Winter beförderte Niko Kovac Lewandowski zum dritten Kapitän hinter Manuel Neuer und Thomas Müller - und erst Ende August verlängerten die Bayern den bis 2021 laufenden Vertrag mit Lewandowski vorzeitig um weitere zwei Jahre. Neuer und Müller warten weiter auf eine Verlängerung ihrer Arbeitspapiere über 2021 hinaus.

Ovationen vom Publikum bei seiner Auswechslung

Als Lewandowski am Samstag nach 70 Minuten ausgewechselt wurde, gab es stehende Ovationen, der zweifache Torschütze und Elfmeterverzichtserklärer lachte, klatschte und winkte den Zuschauern entgegen. So innig hatte man die Beziehung zwischen Lewandowski und den Fans in München noch selten erlebt.

Zu seiner generösen Geste beim Elfmeter sagte Lewandowski noch: "Philippe ist ein großer Spieler. Ich wollte ihm einfach helfen, das erste Tor zu schießen. Das soll ihm Selbstvertrauen bringen." Ob er Coutinho ab sofort regelmäßig schießen lassen werde, wurde er noch gefragt. Lewandowski schmunzelte und drehte wortlos ab. Ein bisschen Ego braucht es schon noch.



insgesamt 73 Beiträge
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lektra 21.09.2019
1. Man muss auch an die Karriere nach der Karriere denken!
Dass sich Robert Lewandowski in letzter Zeit nicht zwingend das Ergebnis einer inneren Wandlung zum Teamplayer. Lewandowski ist jetzt in einem Alter, in dem man auch mal an die Karriere nach der Karriere denken muss. Für die zweite Karriere ist das Bild des erfolgreichen Egomanen, das man bislang von ihm kannte, wahrscheinlich nicht so förderlich, denn da lebt man auch von Beliebtheit und Sympathie. Auch weil Lewandowski nur in der Bundesliga gespielt hat (und nie in Spanien oder England) gelten seine Erfolge international betrachtet nicht als so herausragend. Andererseits: Philippe Coutinho ist eine globale Marke, die viel Aufmerksamkeit zieht (z.B. 20,5 Mio. Follower auf Instagram). Der Brasilianer stand bei der internationalen Berichterstattung über diesen BL-Spieltag absolut im Fokus. Wenn Coutinho Lewandowski nun auf English für dessen "amazing gesture" vor Kameras und Mikrophonen preist, dann ist das wahrscheinlich mehr wert als ein schnödes weiteres Tor bei einem sicheren Sieg in der Bundesliga.
Pixelpu 22.09.2019
2. Da kann man großzügig sein
Da man in jedem Spiel einen oder mehrere Strafstöße geschenkt bekommt, kann man sehr großzügig sein. Wenn die lieben Schiedsrichter dann auch noch Bayernarmblind, wie beim Spiel gegen Schalke, sind, steht der nächsten, vom DFB geförderten, Meisterschaft ja nichts im Weg.
stoffi 22.09.2019
3.
Zitat von PixelpuDa man in jedem Spiel einen oder mehrere Strafstöße geschenkt bekommt, kann man sehr großzügig sein. Wenn die lieben Schiedsrichter dann auch noch Bayernarmblind, wie beim Spiel gegen Schalke, sind, steht der nächsten, vom DFB geförderten, Meisterschaft ja nichts im Weg.
Wer das Spiel nicht durch eine bestimmte Vereinsbrille gesehen hat, kann keine Bevorteilung der Bayern erkennen. Geschenkt wurde ihnen gar nichts.
telarien 22.09.2019
4. Karriere danach?
Lewandowski hat es sicher nicht nötig, sich darüber Gedanken zu machen. Zumindest nicht aus finanziellen Gründen. Seine Klasse ist unbestritten, was ihn aber von Robben und Ribéry unterscheidet: er ist fast nie verletzt. Warum er in den großen Spielen oft blass bleibt, ist mir unerklärlich.
GWT 22.09.2019
5.
Zitat von PixelpuDa man in jedem Spiel einen oder mehrere Strafstöße geschenkt bekommt, kann man sehr großzügig sein. Wenn die lieben Schiedsrichter dann auch noch Bayernarmblind, wie beim Spiel gegen Schalke, sind, steht der nächsten, vom DFB geförderten, Meisterschaft ja nichts im Weg.
Wow, Bayern hat letzte Saison also mind. 34 Elfmeter bekommen und dies Jahr auch schon wieder mind. 5. Das ist ja wirklich wahnsinn, vorallem wenn man bedenkt dass dies einfach in den Statistiken verschwiegen wird und teilweise nichtmal im TV gezeigt wird. Einfach wahnsinn wer da alles mitmischt bei dieser riesen Verschwörung....
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