Nachruf auf Oranje-Star Wim Jansen Der stille Willem

Er war der Fleißarbeiter in der legendären niederländischen Fußballelf von 1974. 15 Jahre lang verrichtete Wim Jansen seinen Job im Mittelfeld für Feyenoord und das Nationalteam. Triumphe feierte er aber nur im Verein.
Wim Jansen im Trikot der Elftal

Wim Jansen im Trikot der Elftal

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Werek / IMAGO

Interviews gab er so gut wie nie, da mussten eben andere für ihn sprechen. Oder sogar singen. »Willem de Zwijger« wurde Wim Jansen genannt, das muss man nicht übersetzen, oder der »stille Willem«, es gibt sogar einen Song über ihn, der so heißt.

Und der große Amsterdamer Liedermacher und Fußballfan André Hazes, auch nicht mehr unter den Lebenden, hatte mal einen berühmten Auftritt im Stadion vor 60.000 Fans, in dem er die Berühmtheiten des Landes besang. Der Song fängt so an: »Hans van Breukelen, van der Sar, Neeskens und Wim Jansen.«

Zu den Großen gehörte er zweifellos, dieser Wilhelmus Marinus Antonius, kurz Wim Jansen, im Team Oranje, für das er 65 Mal auflief und mit 14 WM-Einsätzen über viele Jahre den Landesrekord hielt, vor allem aber für Feyenoord Rotterdam. Dort ließ er Taten sprechen, 15 Jahre verrichtete er seine Arbeit im Mittelfeld, halb links, halb rechts, wo die Trainer ihn haben wollten.

Moderner Fußball unter Happel

In Rotterdam war Jansen geboren, aufgewachsen, mit Rotterdam, dieser Stadt, die so anders ist als die anderen niederländischen Städte, schwer gezeichnet durch die Bombardements der Deutschen im Weltkrieg, danach ganz neu erstanden und die Modernste unter den Städten des Landes geworden. Feyenoord in den Sechziger- und Siebzigerjahren war ein Symbol für diesen Neubeginn. Hier wurde moderner Fußball gespielt.

Ernst Happel war der Trainer, auch einer, der wahrlich nicht viele Worte verlor, er und Jansen verstanden sich auf Anhieb, der junge seriöse Mittelfeldspieler wurde einer der Lieblingsschüler Happels. Jansen konnte es mit solchen nach außen schroff wirkenden Typen, auch Bondcoach Rinus Michels schloss ihn in sein Herz. Wahrscheinlich erkannten sie sich als Gleichgesinnte.

Mit Feyenoord erlebte er die beste Zeit, seine eigene und die des Klubs. 1970 gewann er unter Happel den Europokal der Landesmeister. Feyenoord war das erste niederländische Team überhaupt, dem ein Europapokalsieg vergönnt war, dieses 2:1 über den FC Celtic im Mailänder San Siro war der Anfangspunkt der großen niederländischen Zeit im Fußball. Man verbindet sie in der Rückschau immer mit Ajax Amsterdam, mit Johan Cruyff und Michels, aber Happel und Wim Jansen legten mit Feyenoord den Grundstein dafür.

Vier Jahre Blütezeit

Vier Jahre arbeiteten der Trainer und sein verlängerter Arm zusammen, nur vier Jahre, muss man sagen, aber diese vier Jahre waren die Rotterdamer Blüte: Feyenoord holte den Weltpokal, feierte 1971 die Meisterschaft, schlechter als Zweiter schnitt Happel nicht ab.

1973 verließ der Österreicher den Klub, die Arbeitsbeziehung zwischen Jansen und ihm war damit aber nicht beendet. Als Bondcoach führte Happel Oranje 1978 bis ins Finale, das die Niederlande in der Verlängerung gegen Gastgeber Argentinien verloren, weil Rob Rensenbrink kurz vor Schluss der regulären Spielzeit nur den Pfosten, aber nicht das Tor traf.

Für den Arbeiter Jansen war es die zweite große Enttäuschung, die vier Jahre früher war vielleicht noch schwerer zu verdauen. Dieses große, elegante, durchs Turnier schwebende niederländische Team mit Cruyff an der Spitze, das im Endspiel gegen Deutschland dann doch verlor – und Wim Jansen hatte dabei seine besondere Rolle.

Hölzenbein fiel über Jansens Bein

In der 25. Minute drang Bernd Hölzenbein mit dem Ball am Fuß in den Strafraum ein, Jansen versuchte sich ihm in den Weg zu stellen, grätschte in den Laufweg des Deutschen. Hölzenbein nahm die Einladung geistesgegenwärtig an, ließ sich über das Bein des liegenden Jansen fallen, der Schiedsrichter pfiff Elfmeter, Paul Breitner lief an und traf zum 1:1.

Zwei Große, beide leben nicht mehr: Gerd Müller (l.) und Wim Jansen im WM-Finale 1974

Zwei Große, beide leben nicht mehr: Gerd Müller (l.) und Wim Jansen im WM-Finale 1974

Foto: Werek / IMAGO

Die niederländische Dominanz war mit diesem Moment beendet, und das Endspiel fand einen verdienten Sieger.

Die niederländische Öffentlichkeit hat das Jansen nicht übel genommen, dennoch bekam auch der stille Willem später den Volkszorn der Fans zu spüren – nämlich, als er zum Ende seiner Spielerkarriere, nachdem er zuvor ein Jahr bei den Washington Diplomats in den USA zusammen mit Cruyff gastiert hatte, noch einmal in die Niederlande zurückkehrte – aber nicht zu Feyenoord, sondern zum verhassten Rivalen Ajax.

Vom Schneeball getroffen

Ein Sakrileg für einen, der zuvor 476 Pflichtspiele für Rotterdam absolviert hatte, für einen, der Feyenoord mit der Muttermilch aufgesogen bekam. Als die beiden Klubs danach erstmals aufeinandertrafen, wurde Jansen vor der Partie aus der Feyenoord-Kurve mit einem Schneeball beworfen. Der traf ihn so unglücklich am Auge, dass er schon nach einer Viertelstunde mit Schwindelgefühl ausgewechselt werden musste. Meister wurde er mit Ajax trotzdem.

Das war aber nur eine kurze Episode des Fremdgehens. Feyenoord blieb sein Leben, »ich bin mal weggegangen, aber ich bin immer wiedergekommen«, sagte Jansen. Als es dem Klub am schlechtesten ging, als nichts mehr vom alten Glanz übrig schien und der Abstieg drohte, da nahm Jansen sich in die Pflicht und wurde Trainer seiner alten Liebe. Und natürlich brachte er den Erfolg zurück, schon ein Jahr später gewann Feyenoord den Pokal.

Meistertrainer beim FC Celtic

Meistertrainer beim FC Celtic

Foto: IMAGO / Colorsport

Technischer Direktor, Berater, Scout, Jugendtrainer, alles das hat Jansen später für und bei Feyenoord gemacht. Zwischendurch gab es Stationen im Ausland, ein Jahr lang trainierte er den FC Celtic, den Klub, den Feyenoord 1970 im Finale geschlagen hatte. Er sorgte dafür, dass der Verein 1998 erstmals seit zehn Jahren wieder schottischer Meister wurde, er verpflichtete als Teammanager die Klublegenden Henrik Larsson und Paul Lambert. Auch bei Celtic haben sie ihn nie vergessen.

Über Wim Jansen, am Dienstag im Alter von 75 Jahren an den Folgen einer Demenzerkrankung gestorben, hat Johan Cruyff gesagt, er gehöre zu den vier Menschen, bei denen er hinhöre, wenn sie über Fußball redeten. Der stille Willem brauchte dazu keine großen Worte.