Wirbel um St.-Pauli-Sieg Bremer in Rage über die Rutschpartie

Anpfiff oder nicht – auch am Tag nach dem glatten Sieg von St. Pauli gegen Werder im DFB-Pokal kochen die Emotionen hoch. Das Spiel hätte wegen irregulärer Platzverhältnisse nicht angepfiffen werden dürfen, wettern die Bremer. SPIEGEL ONLINE zeichnet die Vorgeschichte des Chaosspiels nach.

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Werder-Trainer Thomas Schaaf spuckte schon vor dem Anpfiff Gift und Galle: "Wenn sich hier jemand verletzt, werden wir richtig laut. Der Platz ist indiskutabel, der Anpfiff verantwortungslos." Bis drei Stunden vor Spielbeginn versuchten die Bremer, die Austragung des Spiels am Hamburger Millerntor zu kippen. "Bremen wollte das Spiel mit aller Macht verhindern", sagte St. Paulis Pressesprecher Christian Bönig im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Darin äußerte er auch sein Unverständnis über das Verhalten der Gäste.

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Pokalsensation St. Pauli: Schneefälle und Schneebälle

Die Bremer Verantwortlichen hätten laut Bönig dafür eigens eine Platzkommission für den Vormittag beim DFB bestellt - eigentlich die Aufgabe des gastgebenden Vereins. "Um kurz nach 10 Uhr habe ich einen Anruf erhalten, dass der Rasen um 11 begutachtet wird. Das kam doch sehr überraschend", so Bönig, der sich über den frühen Termin gewundert hat: "Eine Begehung macht eigentlich erst zwei, drei Stunden vor dem Anpfiff Sinn."

Wenig später klingelte sein Telefon abermals: "Eigentlich war der zweite Visite-Termin für 16.30 Uhr angesetzt. Um 13.15 Uhr habe ich dann erneut einen Anruf vom DFB erhalten, in dem mir mitgeteilt wurde, dass sich Herr Allofs und Herr Schaaf mit dem Schiedsrichter um 13.30 Uhr erneut den Platz ansehen wollen." Dieser war in der Zwischenzeit von 30 Helfern bearbeitet worden.

Eine chemische Keule aus Kalium und Magnesium hatte den Boden aufgetaut. Bei der dritten Besichtigung um 16.30 Uhr entschied Schiedsrichter Felix Brych, dass die Partie um 20.30 Uhr angepfiffen wird.

FC-Präsident Corny Littmann ging sogar noch weiter: "Wie Allofs die Platzkommission unter Druck gesetzt hat, das war am Rande der Nötigung", schimpfte Littmann. "Er hat den Schiedsrichter gefragt, ob der nicht wisse, wie viel Werders Spieler wert sind und ihm dann gedroht: 'Wenn sich ein Nationalspieler verletzt und wir deshalb die WM nicht gewinnen, sind Sie schuld'", so Littmann.

Bremen verzichtet auf Protest

Die Entscheidung zu spielen, hat dem FC St. Pauli nicht nur sportlich "in die Karten gespielt", wie Trainer Andreas Bergmann nach dem 3:1-Sieg zugab. Finanziell hätte sich eine Spielverlegung nämlich negativ ausgewirkt. "Die ARD hatte bereits alternativ eine Liveschaltung vom Spiel 1860 München gegen Frankfurt angeschoben", so Bönig. Dies bestätigte ein ARD-Mitarbeiter auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. "Ein Nachholtermin hätte während der Olympischen Spiele stattgefunden. Eine Übertragung wäre dadurch nahezu unmöglich geworden", so der ARD-Mitarbeiter. Den Hamburgern wäre so ein sechsstelliger Betrag entgangen.

Von einer Beeinflussung des Unparteiischen will allerdings keiner der Beteiligten sprechen. "Wenn wir mehr Macht als Werder Bremen hätten, würde ich den Hut vor uns ziehen", sagte Bönig. Auch der ARD-Mitarbeiter weist dieses Szenario von sich: "Wir müssen uns der Einschätzung des Schiedsrichters beugen."

Auch DFB-Schiedsrichter-Abteilungsleiter Hellmut Krug will von einer Einflussnahme nichts wissen. "Ich wurde von Felix Brych über die Geschehnisse nach jeder Begehung informiert. Der Schiedsrichter vor Ort hat mir nach seiner Platzbesichtigung um 16.30 Uhr mitgeteilt, dass der Rasen gut präpariert wurde und bespielbar ist", so Krug auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Dennoch kam es auf dem Rasen, der an diesem Abend einer Mischung aus Schneematsch und Eisfläche glich, zu einer schweren Verletzung. Nationalstürmer Miroslav Klose rutschte in der 42. Minute nach einem Zweikampf mit St. Paulis Kapitän Fabio Morena aus und zog sich einen Sehnenanriss in der rechten Schulter zu. Der Nationalstürmer fällt damit vier Wochen aus. Nach Angaben des Clubs ist eine Operation nicht notwendig.

"Diese Verletzung ist bedauerlich, hätte aber auch auf regennassem Rasen passieren können", so Bönig. Das sah Werder-Manager Klaus Allofs im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE anders: "Wir haben bereits vor dem Spiel unser Unverständnis über die Austragung geäußert und auf die widrigen Bedingungen hingewiesen. Den Schuh des schlechten Verlierers werden wir uns deshalb nicht anziehen."

Zwanziger lobt Werder

Schiedsrichter Brych bestritt ebenfalls, dass Kloses Verletzung ausschließlich auf die Beschaffenheit der Spielfläche zurück zu führen sei. "Wenn man sich die Szene genau ansieht, erkennt man, dass die Verletzung nicht durch das Ausrutschen, sondern erst durch den Zusammenprall mit dem Gegenspieler passiert", sagte der Unparteiische dem "Tagesspiegel".

Theo Zwanziger, Geschäftsführender DFB-Präsident, lobte immerhin die Werder-Verantwortlichen für deren sportliche Einstellung, "dass sie zu keinem Zeitpunkt den Erfolg des FC St. Pauli in der Öffentlichkeit geschmälert haben". Allerdings kündigte Zwanziger an, dass die Platzverhältnisse und die Durchführung dieser Partie im Verband intensiv thematisiert würden. "Als Veranstalter des DFB-Pokals haben wir Wert darauf zu legen, dass die im Spitzensport üblichen Platzverhältnisse eingehalten werden", betonte Zwanziger.

Kalte Würste, stumme Lautsprecher

Doch nicht nur der Platz bereitete den Verantwortlichen Sorgen. Eine Stunde vor dem Spiel fiel einer von drei Stromkreisen aus. Die Folge: Toiletten und Imbiss-Stände auf der Haupttribüne waren ohne Licht und Strom. Viel schlimmer als kalte Würste wirkte sich der Voltverlust allerdings auf die Sicherheitsmaßnahmen aus. Sowohl Stadionsprecher als auch Polizei hatten bis 25 Minuten vor dem Spiel keinen Strom. Die Einsatzkräfte überlegten sogar, die Partie aus Sicherheitsgründen abzusagen.

Hätte der Verein nicht um kurz nach 20 Uhr die Stadionanlage in Gang bekommen, wäre ein Anpfiff nicht in Frage gekommen. Der DFB schreibt eine funktionierende Beschallung für Notfalldurchsagen in seinen Durchführungsbestimmungen zwingend vor.

Trotz aller Verärgerung wird die Partie kein Nachspiel haben: "Meldungen, dass wir Protest eingelegt haben, sind aus der Luft gegriffen", sagte Allofs, der die Beschwerden seines Trainers keineswegs als Alibi für den desolaten Auftritt seiner Elf gelten lassen wollte. Selbstkritischer zeigte sich auch der Bremer Stürmer Ivan Klasnic, der bis 2001 für den FC St. Pauli stürmte: "Ich war heute einfach schlecht. St. Pauli hat verdient gewonnen", so der kroatische Nationalspieler.



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