Wissenschaftler Daum hat sich gedopt


Köln - Der Profifußball droht seine Kinder zu fressen: Die Affäre Christoph Daum ist möglicherweise nur eine unter vielen. Der Leistungsdruck in der Bundesliga trägt mittlerweile fast unmenschliche Züge.

"Drogen sind angesichts des enormen Drucks im Profifußball weiter verbreitet als angenommen, der Fall Christoph Daum ist kein Ausnahmefall", sagt Henning Allmer vom Institut für Sportpsychologie der Deutschen Sporthochschule Köln. "Der Druck auf den Einzelnen in der Bundesliga ist drastisch gestiegen. Und mit dem Druck steigt die Notwendigkeit, die Abwehrkräfte zu stärken. Da besteht ein enger Zusammenhang mit Aufputschmitteln und Alkohol, die kurzfristig helfen, aber langfristig in die Sucht führen. Ein Organismus ist eben nur für bestimmte Belastungen geeignet, Trainer brauchen psychologische und psychotherapeutische Betreuung", so Allmer.

"Der Druck ist durch das öffentliche Interesse an der Bundesliga enorm hoch. Dieser Druck macht auch vor dem privaten Umfeld, vor der Familie nicht Halt. Trainer in der Bundesliga brauchen verlässliche Partner. Wenn die nicht vorhanden sind, wird es gefährlich" sagt Werner Mickler, Ausbilder im Fußball-Lehrer-Lehrgang der Sporthochschule.

In der Ausbildung versuchen die Psychologen, angehende Trainer auf den Stress vorzubereiten: "Trainer müssen lernen, mit dem öffentlichen Druck umzugehen, mit der Situation, schon nach drei Niederlagen vollkommen in Frage gestellt zu werden. Trainer müssen Stressindikatoren vor allem frühzeitig erkennen. Und wenn sie es selbst nicht können, müssen es Leute in ihrer unmittelbaren Umgebung können."

Idealerweise müssten diese Leute Psychologen sein. Mickler: "Im Fall Daum gibt es unwahrscheinlich viele Hypothesen, die aber erst überprüft werden können, wenn das Ergebnis der B-Probe vorliegt." In Deutschland wurden an der Sporthochschule seit 1947 1200 Fußball-Lehrer ausgebildet. In der Bundesliga gibt es aber in 18 Vereinen nur jeweils Platz für einen Cheftrainer. Mickler: "Es gibt keinen zweiten Job, in dem man von Millionen bejubelt und im nächsten Moment beschimpft werden kann, keinen zweiten, in dem man so schnell gefeuert wird." Es gilt als weit verbreitet, dass Trainer mit Drogen den Stress bekämpfen. Nur redet niemand darüber.

"In diesem Business sind viele vom Ehrgeiz zerfressen und werden dafür gefeiert, Daum hat genau die Normen erfüllt, die von ihm verlangt werden", sagt der Soziologe Günter Amendt im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". "Christoph Daum ist Opfer und Täter zugleich. Selbst wenn man die Leute nicht kriminalisieren will, muss man aber sagen: Jeder ist selbst für seinen Drogenkonsum verantwortlich."

Dass Trainer im Profigeschäft Kokain nehmen, überraschte auch den Soziologen nicht: "Die Droge ist da, wo mit Hochgeschwindigkeit gearbeitet wird. Ein Fußballklub ist einer dieser hoch modernen Betriebe, wo alles unter einem unheimlichen Druck steht. Und Christoph Daum hat die Beschleunigung innerhalb des Betriebes am stärksten vorangetrieben." Die Attraktivität der Droge Kokain liege darin, dass man Dinge schafft, "zu denen man im Normalzustand nicht fähig ist".

Allmer sieht wie Amendt in der Affäre Daum auch einen Dopingfall. "Wenn ich versuche, unter Drogen eine besondere Leistung zu bringen, bin ich gedopt", sagt Amendt. Für Allmer ist das Phänomen des Falles nicht auf den Sport beschränkt: "Auch in den Konzernetagen, in Banken und in der Politik finden Wettkämpfe statt, die viele zu Drogen greifen lässt."



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