WM 1930 in Uruguay Handstand auf dem Partydampfer

Als Uruguay 1930 zur ersten Fußball-Weltmeisterschaft einlud, hielt sich das Interesse der europäischen Vertreter in Grenzen. Lediglich vier Teams traten die 20 Tage dauernde Überfahrt über den Atlantik an - eine Zeit, in der die Spieler lieber feierten als trainierten.

Von Volker Stahl und Folke Havekost


Conte Verde: Von der Luxusjacht zum Kriegsschiff
AGON-Verlag

Conte Verde: Von der Luxusjacht zum Kriegsschiff

Gerade in Europa ist die Qualifikation für die WM 2006 in Deutschland heiß begehrt und kompliziert. Von den 14 Startplätzen ist bislang nur der an den Gastgeber vergeben. Im Juli 1930, als das neben den Olympischen Spielen größte Sportereignis zum ersten Mal stattfand, wäre die Teilnahme ein Leichtes gewesen. Wer meldete, war dabei. Doch aus der Alten Welt zeigten nur Belgien, Frankreich, Jugoslawien und Rumänien Interesse - die übrigen Europäer mieden aus verschiedenen Gründen die abenteuerliche Reise ins über 10.000 Kilometer entfernte Uruguay.

Linienflüge über den Atlantik gab es noch nicht, die europäischen Teilnehmer mussten per Schiff über den Ozean. Franzosen, Belgier und Rumänen reisten allesamt mit dem italienischen Luxusdampfer "Conte Verde". Die Rumänen, von denen zwölf Spieler zum ersten Mal das Mittelmeer sahen, fuhren mit dem Zug auf harten Holzbänken nach Genua, um sich dort am 19. Juni 1930 einzuschiffen. "Für das Geld, das ein Schlafwagen gekostet hätte, kauften wir uns einen Weltmeisterschaftsanzug", kalkulierte Alfred Eisenbeisser.

"Nach Amerika gehen zu können, war damals ein Kindertraum", schwärmte auch der kürzlich verstorbene erste WM-Torschütze Lucien Laurent. Seine Franzosen waren am 21. Juni an Bord gegangen, zwei Tage später betraten die Belgier in Barcelona das Schiff, das am 4. Juli endlich den Hafen Montevideos erreichte. Die Jugoslawen gingen eigene Wege und reisten auf der "Florida". Sie waren vom 18. Juni bis zum 8. Juli unterwegs.

DFB lehnte Teilnahme an Profiturnier ab

Uruguay, 1924 und 1928 Fußball-Olympiasieger, hatte gerade zwei Millionen Einwohner und galt damals als die "Schweiz Südamerikas". Acht-Stunden-Tag, kostenlose Schulbildung, zivile Ehescheidung, Mindestlöhne in Industrie und Handel - was in Europa längst nicht überall die Regel war, hatte der Kleinstaat zwischen den Riesen Argentinien und Brasilien mit Hilfe seiner hohen Exportüberschüsse durch Schafwolle und Rinderprodukte verwirklicht.

Belgiens Stürmer Moeschal demonstriert seine Turnqualitäten, Coach Goetinck (l.) und Mitspieler Versyp staunen
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Belgiens Stürmer Moeschal demonstriert seine Turnqualitäten, Coach Goetinck (l.) und Mitspieler Versyp staunen

Europas führende Länder gaben dem Gastgeber jedoch einen Korb. Die britischen Verbände waren 1928 schmollend aus der FIFA ausgetreten. In Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei, die bereits den Profifußball eingeführt hatten, weigerten sich die Vereine, ihre Spieler für zwei bis drei Monate abzustellen. Der am Amateurideal festhaltende DFB reiste nicht zu einem Turnier, an dem auch Berufsfußballer mitwirken durften.

Wer aufbrach, erlebte Luxus. Die Kicker waren auf der "Conte Verde" in Zwei-Personen-Kabinen der Ersten Klasse untergebracht. Für Fußballreisende war das 2400 Passagiere fassende Schiff mit großem Friseursalon und kleinem Turnsaal jedoch nicht gerade ideal. Leichtathletik, Gymnastik und Turnübungen waren die einzigen Möglichkeiten zum Training, das meistens auf die Zeit zwischen 6 und 8 Uhr beschränkt wurde, um die Mitreisenden nicht zu stören. So sprangen die Kicker im Morgengrauen Seil, übten Handstand und Bockspringen, spielten Curling, schwangen sich an den Ringen - oder ließen es auch bleiben, weil das Kartenspielen am Vorabend etwas länger gedauert hatte...

An Zerstreuungen mangelte es nicht. Allabendlich fanden Tanz, Kino und Komödie statt, die Menükarte wurde als gesellschaftliches Ereignis in der Londoner "Times" abgedruckt. Man feierte die Feste, wie sie fielen, und war dabei nicht übertrieben wählerisch. "Am ersten Tag feierten wir die Abreise des Schiffes, am nächsten Tag die Fernsicht des afrikanischen Ufers, dann die Überquerung des Äquators", schilderte Belgiens Torwart Arnold Badjou die Stimmung an Bord. Zur Unterhaltung hatte die Reederei auch die beiden Opernsänger Fjodor Schaljapin und Marthe Nespoulos engagiert.

Gastgeber behielt den Pokal im Land

Beim Zwischenstopp in Rio de Janeiro, bei dem auch Brasiliens Selecão an Bord ging, wurden die "exotischen" Europäer von Journalisten bestürmt. "Die Herren Fischer und Rimet bekamen auf diese Weise die Gewichtigkeit ihres Daseins schwer genug zu fühlen", spöttelte Entertainer Langenus über das FIFA-Führungsduo.

Präsident Jules Rimet platzte fast vor Stolz, weil seine Tochter beim Festball mit einem aus Bettlaken geschneiderten Kostüm ausgezeichnet worden war. Rimets Stellvertreter Moritz Fischer staunte über "zwei Neger" in der brasilianischen Expedition: "Die Neger spielten Gitarre, sangen dazu, und die anderen fielen ein. Immer waren es die traurig-süßen Lieder des Südens, nur selten stimmten sie ein fröhliches Lied an."

Kapitäne Nasazzi (Uruguay, l.) und Ferreira (Argentinien) vor dem Endspiel. In der Mitte Schiedsrichter und Berichterstatter Langenus
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Kapitäne Nasazzi (Uruguay, l.) und Ferreira (Argentinien) vor dem Endspiel. In der Mitte Schiedsrichter und Berichterstatter Langenus

Brasilien schied bereits in der Vorrunde aus, von den Europäern erreichten nur die Jugoslawen das Halbfinale und verloren dort mit 1:6 gegen Uruguay. Der Gastgeber gewann am 30. Juli 1930 auch das Endspiel gegen Nachbar Argentinien mit 4:2. Während die "Urus" ihren Ruf als führende Fußball-Nation untermauerten, spielte der Dampfer "Conte Verde" später eine wichtige Rolle bei der Rettung vieler Flüchtlinge aus NS-Deutschland.

12.000 deutsche und 4000 österreichische Juden flohen zwischen 1938 und 1940 in das Visa-freie Shanghai, viele von ihnen auf der "Conte Verde". Als Italien am 8. September 1943 gegenüber den alliierten Truppen kapitulierte, geriet der Dampfer in der japanisch besetzten Stadt in Turbulenzen.

Am Folgetag versuchte die Besatzung, die "Conte Verde" vor dem Zugriff der japanischen Truppen zu versenken. Die Japaner bargen das Schiff jedoch und verwendeten es unter dem Namen "Kotobuki Maru" als Truppentransporter. In der Nacht zum 8. August 1944 wurde das Schiff durch zwei Bomben des US-amerikanischen B24-Fliegers William D. Hopson versenkt.

Von den Autoren ist im Agon Sportverlag das Buch "Fußballweltmeisterschaft 1930 Uruguay" (128 Seiten, 22 Euro) erschienen.



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