WM 2011 in Deutschland Bundesliga-Giganten entdecken Frauenfußball

1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam, FCR 2001 Duisburg: Im deutschen Frauenfußball dominieren die kleinen Clubs - noch. Denn immer mehr finanzstarke Vereine aus der Herren-Bundesliga bauen eigene Teams auf. Sie hoffen auf den Boom durch die Frauen-WM 2011 im eigenen Land.

dpa

Der Klassiker bekommt Konkurrenz. Hamburger SV gegen den FC Bayern München gibt es jetzt viermal im Jahr. Denn beide Bundesligisten haben mittlerweile verstanden, dass Fußball keine reine Männersache ist. Sie haben in den Frauenfußball investiert und wollen ihr Engagement weiter ausbauen. Auch, um neue Zielgruppen zu gewinnen.

Schließlich findet 2011 die Frauenfußball-WM in Deutschland statt. Wenn am Montagabend in Frankfurt am Main die Gruppen für das Turnier ausgelost werden (19.25 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), stehen einige Dinge bereits fest: Die 16 Teams werden auf vier Gruppen verteilt, Deutschland ist in Gruppe A gesetzt. Und die deutsche Nationalelf wird im kommenden Sommer größtenteils aus Spielerinnen dreier Vereine bestehen: 1. FFC Frankfurt, 1. FFC Turbine Potsdam und FCR 2001 Duisburg. Noch.

Denn das seit vielen Jahren erfolgreiche Trio bekommt zunehmend Konkurrenz. Immer mehr Großvereine aus der Männer-Bundesliga streben mit eigenen Teams ins Oberhaus des Frauenfußballs - durch Kooperationen, Übernahmen ganzer Abteilungen höherklassiger Vereine oder über den normalen sportlichen Erfolgsweg. Neben Bayern München und dem Hamburger SV arbeiten beispielsweise auch Werder Bremen oder Bayer Leverkusen daran, mittelfristig den Kader des Auswahlteams ebenso aufzumischen wie die Frauen-Bundesliga.

Nationalelf-Managerin Doris Fitschen sieht die Vereine von Männer-Erstligisten als attraktive Adresse für junge und hochtalentierte Spielerinnen. "Von den Trainingsmöglichkeiten bis zur medizinischen Versorgung finden sie dort professionelle Bedingungen vor. Das sind Voraussetzungen, die für jede Spielerin reizvoll sind", sagt Fitschen, die selbst 144-mal für die A-Nationalmannschaft auflief.

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Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011: Das sind die 16 WM-Teilnehmer
Bayer Leverkusens Trainerin Doreen Meier, die zu Saisonbeginn mit ihrer Elf erstmals in die oberste Klasse des deutschen Frauenfußballs aufgestiegen ist, nachdem man 2008 die Abteilung des Zweitligisten "TuS Köln rrh." übernommen hatte, spricht im Zusammenhang mit Leverkusen sogar von einem "Sechser im Lotto". Sie sollte es wissen, denn als Spielerin und Coach war Meier zuvor in Jena, Bad Neuenahr und Köln aktiv. Jeder Club hätte zwar seinen eigenen Charme und auch seine Vorteile gehabt, aber "die hervorragende Infrastruktur, die Bayer bietet", kannte sie so bisher nicht.

Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt und einer der wichtigsten Impulsgeber des Frauenfußballs in Deutschland, glaubt, dass reine Frauenfußballvereine keine große Zukunft haben. "Langfristig werden über 80 Prozent der Frauenbundesligisten Erst- oder Zweitligavereinen der Männer angehören." Der Grund, so Dietrich, sei klar: "Weil die mit ihren vorhandenen Strukturen die schnelle Entwicklung mitgehen können."

Dass seine Frankfurterinnen dann zu den verbliebenen 20 Prozent der echten Frauenclubs zählen werden, steht für Dietrich außer Frage: "Wir haben bereits seit über einem Jahrzehnt professionelle Möglichkeiten und verfügen über Frauenfußball-Knowhow. Darum wird jede Aufwertung durch konkurrenzfähige Clubs auch unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken."

Doch längst nicht alle Frauenfußballclubs waren in den vergangenen Jahren in der Lage, sich wie Frankfurt, Duisburg und Potsdam eine professionelle Infrastruktur zu geben sowie für dauerhafte Finanzkraft zu sorgen. Tina Hoffmann, Präsidentin des Süd-Zweitligisten 1. FFC 08 Niederkirchen, ist deshalb sehr skeptisch. "Bei der jetzigen Entwicklung wird es für die reinen Frauenfußballvereine sehr schwer werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die meisten dieser Traditionsclubs verschwunden sind."

Eine Lösung hat die Vorsitzende des Deutschen Meisters von 1993 zwar nicht, sich aber einfach von der Bildfläche zu verabschieden, kommt auch nicht in Frage. "Wir sind momentan in einer Phase, wo wir alle Möglichkeiten prüfen, mit den Großen auch in Zukunft mithalten zu können", sagt Hoffmann, "da ist eine Kooperation mit anderen Clubs nicht ausgeschlossen."

Kooperationen dieser Art existieren hierzulande bereits einige. So unterstützt beispielweise Hertha BSC Berlin den Zweitligisten 1. FC Lübars, Schalke 04 fördert mit dem 1. FFC Recklinghausen ebenfalls einen Club aus dem Unterhaus. Lübars-Präsident Michael Reinke weiß denn auch nur Positives zu berichten: "Mit dem Abschluss des Kooperationsvertrages haben wir finanzielle Schwierigkeiten gemeistert und unsere talentierten Frauen haben die Möglichkeit erhalten, ihren sportlichen Weg zu gehen."

Dass einige Clubs nach der WM schnell wieder das Interesse am Frauenfußball verlieren könnten, wenn es mit dem erhofften Imagegewinn nicht richtig geklappt haben sollte, ist nicht anzunehmen. Frankfurts Manager Dietrich ist sicher: "Die Großvereine werden auch nach der WM dem Sog der Gesamtentwicklung im Frauenfußball folgen."



insgesamt 4 Beiträge
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onkel hape 29.11.2010
1. Erfreulich.
Dass der lange belächelte Frauenfußball sich zu einer attraktiven Sportart entwickelt, die was Technik, Taktik, Athletik angeht, enorme Fortschritte gemacht hat, ist sehr erfreulich. Was den Verzicht auf brutale Fouls und Fairness angeht, kann das Spiel der Damen durchaus Vorbild für ihre männlichen Sportskameraden sein. Der oft gescholtene Herr Zwanziger hat sich um den deutschen Frauenfußball große Verdienste erworben. Es ist kein Wunder und wird auch langsam Zeit, dass jetzt auch die Liga-Vereine den Stellenwert des Frauenfußballs entdecken und dadurch für seine steigende Popularität sorgen. Die WM 2011 wird sicher ein ganz toller Erfolg!
panzerknacker51, 17.01.2011
2. Nachtigal...
... ick hör Dir trapsen! Also die Berichte hören sich für mich so an wie das Herbeireden von Zuständen, die man gern hätte. Vom Bekanntheitsgrad auf Teilhabe zu schließen ist wohl auch nicht ganz angebracht. Wenn ich lese, daß im Schnitt die BuLi-Spiele von 8oo (iW achthundert!) Zuschauern betrachtet werden, möchte ich wissen, wo die 450000 verkauften WM-Karten geblieben sind; wahrscheinlich bei irgendwelchen Firmen oder Sponsoren, die kontingentweise abnehmen, um sie an Mitarbeiter zu verschenken, die diese dann schamhaft in der nächsten Schublade verschwinden lassen. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, daß im freien Verkauf noch genügend Leute mobilisiert werden können, um diesem langweiligen Ballgeschiebe auf Drittliga-Niveau beizuwohnen. Das wird ein voraussehbares finanzielles Desaster erster Güte. Und dann auch noch der Vergleich mit Eishockey - da sind doch wohl die Stadien voll.
frubi 17.01.2011
3. .
Zitat von sysop1. FFC Frankfurt, Turbine Potsdam, FCR 2001 Duisburg: Im deutschen Frauenfußball dominieren die kleinen Clubs - noch. Denn immer mehr finanzstarke Vereine aus der Herren-Bundesliga bauen eigene Teams auf. Sie hoffen auf den Boom durch die Frauen-WM 2011 im eigenen Land. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,731400,00.html
Die Frauen Bundesliga braucht Stars. Techniker, wie Sie im Männerfußball so häufig zu bestaunen sind. Ansonsten hat der Frauenfußball leider keine Chance auf mehr Aufmerksamkeit. So schade das auch ist. Wobei man auch sagen muss, dass Frauenfußball von den Medien nicht wirklich gefördert wird. Sport1 bringt in der Woche ca. 30 Stunden an Werbeshows. Damit holen die sich zwar auch die letzten Cents der Unterschicht aber andere Sportarten bleiben auf der Strecke. In diese 30 Stunden könnte man einiges hineinpacken.
saxonian81 18.07.2014
4.
Der Frauenfußball hinkt bzgl. Athletik, Technik und vor allem Spielverständnis und taktische Schulung weit hinterher. Daraus resultiert dann auch die unglaublich geringe Beteiligung hier in diesem Fred, trotz des brisanten und allgegenwärtigen Themas...
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