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WM-Überraschung Costa Rica Echte Giganten

Viertelfinale! Costa Rica ist die Überraschung der WM. Gegen Griechenland kämpfte sich das Team in Unterzahl zum Sieg, Torwart Keylor Navas überragte. Das Elfmeter-Drama soll nun der Auftakt für ein noch größeres Wunder sein.

Eigentlich hatte Jorge Luis Pinto schon alle Fragen beantwortet, auch Keylor Navas, den Helden des Abends, hatte Costa Ricas Trainer ausführlich gewürdigt. Doch dann begegnete Pinto seinem Torhüter zufällig auf der Treppe zum Pressekonferenzpodium und wandte sich noch einmal an die Journalisten, die sich in dem Saal versammelt hatten. "Hört auf damit, diesen Mann Navas zu nennen", rief er und klopfte dem Keeper dabei anerkennend auf die Schultern, "nennt ihn ab jetzt nur noch Gigant."

Keylor Navas hatte im Elfmeterschießen einen Schuss von Theofanis Gekas abgewehrt, damit den Weg zu diesem 6:4 nach Elfmeterschießen geebnet, Costa Rica ins Viertelfinale gegen die Niederlande befördert und sich selbst zum großen Helden eines dramatischen Fußballabends gemacht. Er war es auch, der seine Mannschaft zuvor mit brillanten Reflexen überhaupt erst in dieses Elfmeterschießen hineingerettet hatte. "Ich glaube, dieser Typ ist vom Mars oder von der Venus", sagte Mittelfeldspieler Celso Borges. Damit hat die WM nach Lionel Messi, dessen Geburtsort von Nigerias Trainer Stephen Keshi auf dem Jupiter verortet wird, einen zweiten Außerirdischen.

Navas selbst sprach erstaunlich gefasst von einem "unglaublichen Moment". Dieser Erfolg sei "ein Traum", und die Trophäe, die er als Spieler des Spiels erhalten hat, werde er daheim aufstellen. "Sie wird mir für immer schöne Erinnerungen bereiten", sagte er. Die meisten Costa Ricaner werden sich aber auch ohne solch ein Andenken an diese süßen WM-Wochen erinnern.

In der Heimat feierten wie schon nach dem Sieg gegen Italien (1:0) und dem Erreichen des Achtelfinals Tausende ein großes Fest. Costa Rica ist endgültig die größte Sensation dieses Turniers geworden. "Wir können noch gar nicht ermessen, was hier passiert, das wird uns erst klar werden, wenn hier alles vorbei ist und wir wieder nach Hause kommen", sagte Borges.

Unvergessliches Drama

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Achtelfinalsieg gegen Griechenland: Navas hält Costa Ricas Traum am Leben

Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

Schließlich war die Mannschaft aus dem kleinen Vier-Millionen-Einwohnerstaat vor dem Turnier nicht einmal als allergeheimster Geheimtipp gehandelt worden, das Vorrunden-Aus in der Gruppe mit Italien, England und Uruguay hielten die meisten Experten für unausweichlich. Nun sind die drei ehemaligen Weltmeister bereits im Urlaub, und Pintos Team spielt nicht nur überzeugend Fußball, sondern hat seine Zuschauer an diesem Abend auch noch mit unvergesslichen Dramen beschenkt.

55 Minuten lang spielten die "Ticos" nach einer Gelb-Roten Karte für Óscar Duarte (66.) in Unterzahl, sie rannten, bis die Muskeln versagten, doch zu Beginn der Verlängerung sahen sie schon aus wie sichere Verlierer. Denn der Ausgleichstreffer des Dortmunder Sokratis in der ersten Minute der Nachspielzeit war ein Schlag, von dem sich nicht so viele Mannschaften erholt hätten. Ein Schock, der auch die vielen Anhänger erst mal zum Schweigen brachte.

Der Sieg war greifbar, und dann musste Costa Rica weitere 30 Minuten in Unterzahl überstehen. "Aber wir haben einfach zu zehnt unglaublich gut sortiert weiter gespielt", erklärte Júnior Díaz, der Linksverteidiger von Mainz 05, und sie hatten Navas, der für UD Levante in der Primera División spielt und gerade erst vom spanischen Fußballverband als bester Torwart der Liga ausgezeichnet worden war. Vor Víctor Valdés vom FC Barcelona und vor dem Shootingstar Thibaut Courtois, der mit Atlético Madrid im Champions-League-Finale stand.

"Einer der besten der Welt"

Im Wissen um diese Stärke zwischen den Pfosten sei das Ziel ab der ersten Minute der Verlängerung immer gewesen, irgendwie "ins Elfmeterschießen zu kommen", erzählte Pinto später, das Vertrauen des Trainers in seinen Torhüter ist anscheinend grenzenlos, "ich glaube jetzt, dass er einer der Besten der Welt ist", sagte Pinto.

Der kolumbianische Fußballlehrer, der als Hauptverantwortlicher für den Erfolg gilt, hat seiner Mannschaft ein beeindruckendes Selbstvertrauen vermittelt, das im Turnierverlauf nach den Siegen über Uruguay und Italien immer weiter gewachsen ist. Pinto ist ein Fußballbesessener, ein Stratege, ein Mann, der auf seiner Website anhand von kleinen Videos Feinheiten des Spiels erläutert und der eine Defensive geformt hat. Sokratis' Tor war der erste Gegentreffer für die "Ticos" aus dem Spiel heraus, in der Nachspielzeit der vierten WM-Partie.

Aber Pinto hat auch eine finstere Seite. Früher prügelte er sich schon mal am Spielfeldrand mit Schiedsrichtern oder gegnerischen Betreuern, musste lange Strafen absitzen. In der Partie gegen die Griechen konnte er sich kurz vor Schluss gerade noch davon abhalten, sein Bein ins Spielfeld zu halten, um den heranstürmenden Sokratis zu Fall zu bringen. Ein Hauch von Wahnsinn ist also noch vorhanden.

Torhüter-Held Navas hatte das passende Credo für die kommenden Tage schon parat: "Im Fußball geht es darum, Geschichte zu schreiben. Je größer, desto besser."

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