kicker.tv

Deutschland gegen Portugal Löw geht in Brasilien volles Risiko

Die Erwartungen vorm Spiel gegen Portugal sind riesig: Millionen Fans hoffen, dass Deutschland Weltmeister wird. Bundestrainer Löw will in Brasilien durch die Rotation seines Teams Erfolg haben - doch das ist schon mal gründlich schiefgegangen.

Per Mertesacker soll eigentlich Tore verhindern. Aber vor dem Spiel Deutschlands gegen Portugal (18 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) muss der Verteidiger des FC Arsenal auch Fragen zur Offensive beantworten. Denn es ist der Angriff, der Rätsel aufgibt.

Angesprochen darauf, wer eigentlich die deutschen Tore schießen soll, da bis auf Miroslav Klose kein echter Stürmer im Kader ist, sagt Mertesacker: "Das ist altes Denken. Tore kann jeder bei uns schießen. Sogar ich." Außer ihm selbst fallen dem Abwehrspieler noch Lukas Podolski, André Schürrle, Mario Götze und Thomas Müller als potenzielle Torschützen ein, "aber ich könnte auch noch fünf, sechs andere nennen. Wir sind sehr breit aufgestellt."

Der aktuelle Kader ist tatsächlich mit so viel spielerischer Flexibilität ausgestattet wie möglicherweise kein anderer in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft . Philipp Lahm, der Außenverteidiger, wird im Mittelfeld spielen. Benedikt Höwedes und Jérôme Boateng, eigentlich beide Innenverteidiger, sollen auf den Außenbahnen beginnen. Götze oder Müller, gelernte Mittelfeldspieler, werden wohl auch im Sturm auftauchen. Im DFB-Team gibt es kaum eine Konstante, ausgenommen Torhüter Manuel Neuer sowie Mats Hummels, Mertesacker und Klose.

Flexibilität ist das Zauberwort beim DFB

Der Rest kann durchweg mehr als eine Position spielen, sogar Ersatzkräfte wie Erik Durm oder Shkodran Mustafi können auf unterschiedlichen Positionen eingesetzt werden. Bundestrainer Joachim Löw hat nicht nur personell, sondern auch taktisch die Wahl. Die Nationalelf also als Wundertüte: Man weiß nicht, was einen erwartet.

Wird der Coach seiner neu formierten Abwehr, die vermutlich aus vier Innenverteidigern bestehen wird, tatsächlich befehlen, die Mittellinie nur bei Standardsituationen zu überqueren? Wird das DFB-Team von seiner bisherigen Philosophie abrücken - und damit, wie der Chefscout Urs Siegenthaler andeutete, vom Ballbesitzfußball?

Über die geheimen Trainingseinheiten der Mannschaft ist zu hören, dass auch lange Bälle hinter die letzte Abwehrreihe des Gegners eingeübt wurden - mit Thomas Müller als erstem Abnehmer, dessen unergründliche Laufwege die gegnerischen Verteidiger fordern sollen. Taktisch ist viel möglich mit diesem Kader.

In ein Turnier ohne eine einstudierte Taktik oder ein feststehendes Personalkorsett zu gehen, kann allerdings auch gefährlich sein. "Wir arbeiten noch an Details in der Abstimmung. So haben wir ja noch nicht oft zusammen gespielt", gibt Höwedes zu.

"Wir haben keine Stammspieler, wir haben WM-Teilnehmer"

Tatsächlich hat die Mannschaft, die gegen die Portugiesen auflaufen wird, in der erwarteten Startformation noch kein wichtiges Spiel bestritten. Die Taktik mit den vier Innenverteidigern ist bewusst auf Portugal zugeschnitten. Dass man gegen Ghana wieder mit dieser Elf anfangen wird, steht nicht fest. Die klassische Stammelf hat ausgedient.

"Wir haben keine Stammspieler, sondern WM-Teilnehmer. Jeder ist gefordert, jeder muss bereit sein", sagt Löw. Sein Assistent Hans-Dieter Flick ergänzt, dass die Aufstellung sich sowohl an der Form, der persönlichen Konstitution, aber auch am Gegner orientieren werde.

Das DFB-Team kalkuliert also mit der Rotation. Denn der ganze Kader von Löw hat eine hohe Qualität. Und das will der Bundestrainer ausschöpfen - auch, um den Belastungen des brasilianischen Klimas etwas entgegenzusetzen. Denn bis zum Titel wären es sieben harte Spiele bei Hitze und Schwüle. Da braucht es Reserven.

Doch Löw hat schon einmal schlechte Erfahrungen mit dieser Art der Mannschaftsführung gemacht. 2012 bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine begann der Nationalcoach zum Ende der Vorrunde damit, Spielerwechsel vorzunehmen. Bis zum Halbfinale wurde Löw dabei für sein "Glückshändchen" gefeiert, gegen Teams wie Dänemark (Siegtorschütze Lars Bender als rechter Außenverteidiger) oder Griechenland (mit den zuvor kaum eingesetzten Schürrle, Marco Reus und Klose) schien sein Rotationsexperiment aufzugehen.

Im Halbfinale zeigte sich allerdings, was beim Experimentieren auch geschehen kann: Löw verzockte sich. Die völlig überraschende Hereinnahme von Toni Kroos als eine Art Manndecker von Italiens Regisseur Andrea Pirlo scheiterte eklatant, die Aufstellung von Warschau war der wohl größte strategischen Fehlgriff in der Karriere des Bundestrainers.

Den Mut scheint Löw dadurch nicht verloren zu haben. Er geht das Risiko einfach noch einmal ein.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.