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07. Dezember 2013, 13:09 Uhr

WM-Gruppe D

England gibt auf und Italien entspannt sich

Aus Rom und London berichten und

England, Italien und Uruguay: In der Gruppe D treffen drei Fußball-Mächte aufeinander. Während sich die Briten schon vorab mit dem Vorrunden-Aus abfinden, kennt Fußball-Italien keine Angst. Im Gegenteil, der stärkste Gegner ist für den Nationalcoach ohnehin ein anderer.

Die Handbewegung sagte alles. Greg Dyke, Chef des englischen Fußballverbands FA, fuhr sich mit dem Zeigefinger an der Kehle entlang, als die WM-Gegner von England feststanden. Und er war nicht allein mit seiner Reaktion. "Oooh", stöhnte auch der BBC-Kommentator: "Das war kein guter Tag für England." Die Gruppe mit Italien, Uruguay und Costa Rica wurde in den englischen Medien sogleich zur "Todesgruppe" erklärt.

"Ein Alptraum", klagten die Boulevardblätter "Sun" und "Daily Mail" unisono. Die Bilanz gegen Italien ist desaströs, zuletzt hatten die Azurri England 2012 aus der EM geworfen. Auch Uruguay mit dem Liverpool-Stürmer Luis Suárez gilt auf der Insel als Top-Mannschaft, bei der WM 2010 war sie immerhin Halbfinalist. Selbst Costa Rica habe "Schockpotential", warnte die "Sun", die auf ihrer Titelseite die Jesus-Statue von Rio de Janeiro zeigte und schrieb: "Herr, hilf uns!"

Gary Lineker, Ex-Nationalspieler und BBC-Sportmoderator, twitterte: "England hat noch nie in der Endrunde eines großen Turniers gegen Italien, Uruguay oder Costa Rica gewonnen. Schönes Wochenende."

Auch mit den Spielorten hadern die Kommentatoren. Zum Auftakt muss das Team nach Manaus in den Regenwald fliegen. Gegen Italien bei 99 Prozent Luftfeuchtigkeit, das sei das Letzte, was Nationaltrainer Roy Hodgson sich wünsche, kommentierte Ex-Nationalstürmer Alan Shearer.

Schon vor der Ziehung waren die Erwartungen auf der Insel sehr niedrig. Ein frühes Ausscheiden galt ohnehin als sicher, alles andere wäre eine Überraschung. Während England sich bei früheren Turnieren gelegentlich in der Rolle des Geheimfavoriten wähnte, wollen die leidgeprüften Fans dieses Mal gar nicht erst hoffen. Im Internet machte sich nach der Ziehung Galgenhumor breit. Immerhin scheide man nicht durch Elfmeterschießen aus, twitterten Witzbolde in Anspielung auf ein mögliches Aus in der Gruppenphase. Die Londoner Buchmacher reduzierten die Wahrscheinlichkeit eines englischen WM-Siegs von 25/1 auf 40/1. In einer Online-Umfrage der Zeitung "Daily Telegraph" waren Deutschland und Brasilien am Freitagabend die Top-Favoriten, an das eigene Team hingegen glaubten nur zwei Prozent.

Italien-Coach Prandelli: "Wir sind nicht besorgt"

In Italien wird die vermeintlich schwerste Gruppe der WM vergleichsweise gelassen hingenommen. Von einem "Girone di ferro", einer Hammergruppe, ist nur in fußballfernen Blättern wie der "Repubblica" die Rede. In Fachkreisen sieht man die Sache entspannt.

Zwar wird auf Italien "in der Hölle von Manaus" zuallererst England warten. Das ist nicht schön, aber andererseits: Hat man die Engländer nicht zuletzt bei der EM 2012 aus dem Wettbewerb geschmissen, dank des unnachahmlichen "Löffelchens", dem gechipten Elfmeter von Spielmacher Andrea Pirlo? Klar, die anderen Gruppen-Gegner, Uruguay und Costa Rica, sind auch kein Geschenk. Eher "tostissimo", äußerst hart, wie der Kommentator im Staatssender Rai stöhnt; beziehungsweise "nicht leicht", wie der zweifache WM-Teilnehmer Angelo di Livio verkündet. Jener di Livio, der es gleichzeitig nicht versäumt, darauf hinzuweisen, dass - historisch gesehen - "Gegner von einem gewissen Niveau" für die italienische Fußballerpsyche eher hilfreich seien.

Der Alptraum von der WM 2010, als den zwei Unentschieden gegen die Außenseiter Paraguay und Neuseeland am Ende eine Niederlage gegen die Slowakei und das Vorrunden-Aus folgte, ist in Italien unvergessen.

Drei der Versager von damals, der Kämpfer Daniele de Rossi, der Künstler Pirlo und Torhüter Gigi Buffon, waren zuvor schon 2006 beim WM-Sieg in Berlin gegen Frankreich dabei und wollen sich nun in Brasilien rehabilitieren. Dass Italien als Weltranglistensiebter und mit vier WM-Titeln im Gepäck sich bei der Auslosung diesmal nicht im ersten Lostopf wiederfand, nennt nicht nur der italienische Erfolgscoach Fabio Capello, inzwischen Nationaltrainer Russlands, "ungerecht". Auch der Trainer der "Squadra-Azzurra" selbst, Cesare Prandelli, war empört.

Andererseits gilt: Auch wenn die Zeitungen nun noch so oft daran erinnern, dass in der Gruppe D Fußball-Schwergewichte mit insgesamt sieben WM-Titeln aufeinander treffen, und dass dabei Männer wie der Uruguayer Edison Cavani - 49 Erstliga-Tore in zwei Jahren beim SSC Neapel - am Start sein werden - Fußball-Italien kennt keine Angst.

Nationaltrainer Prandelli ging in diesem Sinne vorbildlich voran und ließ bereits kurz nach Ende der Auslosung, um exakt 18:36 Uhr, die Tifosi zu Hause wissen: "Wir sind nicht besorgt; eher hätte mich eine leichte Gruppe beunruhigt." Mehr als die Frage, gegen wen Italien spiele, zähle letztendlich die Frage, "wie wir spielen werden". Der schwierigste Gegner, so spottet Prandelli, sei ohnehin schon klar: "Das ist Costa Rica, denn die kennen wir nicht."

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