Brasilien vor Achtelfinale gegen Chile Scolari, der Dämonenbändiger

Brasilien raus im Achtelfinale gegen Chile? Es wäre eine nationale Katastrophe. Trainer Luiz Felipe Scolari arbeitet mit Psycho-Tricks, um Neymar und Co. den Druck zu nehmen. Und mit Kalendersprüchen - ausgerechnet eines Briten.

AP/dpa

Aus Belo Horizonte berichtet


SPIEGEL ONLINE Fußball
Fußball kann so einfach sein, zumindest in der Welt von Luiz Felipe Scolari. Auf die Frage, welchen Plan er für das Achtelfinale gegen Chile in Belo Horizonte (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ARD) habe, antwortet der brasilianische Nationaltrainer: "Druck und Defensive, mehr nicht." Als den brasilianischen Journalisten das nicht reicht und sie von Scolari wissen wollen, ob er den zuletzt konteranfälligen Dani Alves wieder auf die rechte Abwehrseite stellen und Paulinho durch Fernandinho ersetzen werde, reicht es dem 65-Jährigen: "Ich habe eine Aufstellung im Kopf, seien Sie sicher, dass elf Spieler auf dem Platz stehen werden", poltert er, "aber verraten werde ich nichts."

Scolari weiß um die Wichtigkeit dieses Spiels, ein Aus im ersten K.o.-Spiel, noch dazu gegen Chile, es wäre eine Katastrophe nationalen Ausmaßes, und sie wäre auf ewig mit dem Namen Scolari verbunden. Der Druck, der auf dem Trainer und seiner Mannschaft lastet, ist erheblich. Brasilianische Medien beschwören die Angst vor einem "Mineiraço" herauf, dem Trauma vom Minerão, angelehnt an die schockierende WM-Niederlage gegen Uruguay 1950 im Maracanã-Stadion.

Doch der brasilianische Verband hat Scolari genau aus diesem Grund als Anführer der Mission zum sechsten WM-Titel verpflichtet, dem "Hexacampeão": Wenn es in seinen Augen einer schaffen kann, die seelischen Dämonen auf dem Weg der "Seleção" ins Finale von Rio de Janeiro zu bändigen, dann Scolari. Kenner des brasilianischen Fußballs sagen, er habe den Job weniger aufgrund seiner fußballerischen als seiner emotionalen Qualifikationen bekommen. Scolari sorgte 2002 für den bislang letzten WM-Sieg Brasiliens und er hat genug Erfahrung, um mit den hohen Erwartungen seines Heimatlandes umgehen zu können.

Brasilien steht unter großer Beobachtung

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Brasilien: Angst vor dem Trauma vom Minerão
Seine wichtigste Strategie ist es dabei, seine Spieler zu schützen; so ist auch seine etwas ungehaltene Reaktion auf die Nachfragen der Presse zu verstehen. Wohl nie zuvor stand die Gastgeber-Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft so sehr im Fokus der Öffentlichkeit wie jetzt in Brasilien. Bis zu einem gewissen Grad spielen die Teamverantwortlichen rund um Scolari dieses Spiel auch mit, sie wissen, dass von ihnen erwartet wird, zum Gelingen dieses Turniers medienwirksam beizutragen. Vor den Kameras nehmen sie deshalb brav ihre Rollen ein.

Doch nach innen ist Scolari darauf bedacht, ein Klima von größtmöglicher Normalität und mentaler Gesundheit zu schaffen. Um seinen Superstar Neymar macht er sich dabei die meisten Sorgen, denn der 22-Jährige ist das Gesicht dieser WM. Spricht man mit brasilianischen Fans über ihre Zweifel am Weiterkommen der "Seleção", bekommt man meist zu hören: "Zum Glück haben wir Neymar." Scolari mag die Fixierung auf diesen einen Spieler gar nicht, er hat Angst, dass die Last für ihn zu schwer wird. "Neymar spielt nicht, um der beste der Welt zu sein. Er spielt für die brasilianische Nationalmannschaft. Sein Wunsch ist es, mit Brasilien Weltmeister zu werden", sagt Scolari.

Nicht nur im Falle Neymars ist es dem Trainer ein Anliegen, seine Mannschaft auf dem Boden zu halten. "Wir haben mit den Spielern darüber gesprochen, dass es möglich ist, gegen Chile auszuscheiden", sagt er, "wir bereiten sie psychologisch auf alles vor." Er habe seiner Mannschaft deutlich gemacht, dass sie es mit einem schwierigen, einem hartnäckigen Gegner zu tun bekommen werde.

Karten mit Motivationssprüchen

Dass die Brasilianer sich in bisher drei WM-K.o.-Begegnungen 1962, 1998 und zuletzt 2010 gegen die Chilenen durchsetzen konnten, spielt für Scolari keine Rolle: "Ich glaube, dass Chile der schwierigste Gegner ist, auch weil es ein südamerikanisches Team ist. Wenn ich hätte wählen können, hätte ich eine andere Mannschaft genommen." Der Gegner sei sehr gut organisiert und dynamisch, spiele mit Mut und Leidenschaft. Gleichzeitig versprach Scolari, dass seine Mannschaft noch Platz für Steigerungen habe. "Bisher haben wir rund 80 Prozent von der Leistung gezeigt, die wir vor einem Jahr beim Confed-Cup erreicht haben", sagte er: "Jetzt müssen wir zu unserer Normalform finden."

Dass die Leistung nicht nur durch körperliches Training, sondern vor allem auch über psychologische Kniffe geweckt werden kann, dessen ist sich Scolari sicher. Schon in der Vorrunde pflegte er seinen Spielern kleine Kärtchen mit motivierenden Sätzen unter der Hotelzimmertür durchzuschieben. Laut der brasilianischen Zeitung "O Globo" soll auf einer das Zitat des britischen Theologen William George Ward zu lesen gewesen sein: "Der Pessimist beklagt den Wind. Der Optimist hofft, dass er sich dreht. Der Realist rückt die Kerzen zurecht."

Scolari wird sich seine eigenen Empfehlungen vermutlich mehr zu Herzen nehmen, als jeder andere.

insgesamt 6 Beiträge
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Gustav_Kuchenbecker 28.06.2014
1. Ausscheiden des Gastgeberlandes...
Zitat von sysopDPABrasilien raus im Achtelfinale gegen Chile? Es wäre eine nationale Katastrophe. Trainer Luiz Felipe Scolari arbeitet mit Psycho-Tricks, um Neymar und Co. den Druck zu nehmen. Und mit Kalendersprüchen - ausgerechnet eines Briten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-scolari-stellt-brasilien-auf-achtelfinale-gegen-chile-ein-a-977995.html
..von der Qualität Brasiliens gibt es nicht. SPON sollte sich sollte Gedanken nicht machen, sonst outete man sich als eine Zeitschrift, die die Strukturen im Fußball nicht kennt. Unter die letzten vier kommt Brasilien in jedem Fall wie jeder Gastgeber, wenn man mal von "Entwicklungsländern" im Fußball wie Südafrika und USA absieht. Bei diesen Ländern wäre es zu auffällig geworden. Das traut sich selbst die FIFA nicht. Man kann dann darüber diskutieren, ob man Brasilien im Halbfinale verlieren lässt, bleibt aber immer noch das Spiel um Platz 3 wie einst Deutschland 2006. Der Gastgeber bleibt damit bis zum Schluss im Turnier. Davon haben alle was, nicht zuletzt auch die Protestierer und auch die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten in Deutschland, weil dann die Werbeminuten kostbarer sind. Werbung sichert auch Arbeitsplätze in Paderborn. Es gibt eine umfassende FIFA-Regie des WM-Spielausgangs, in den eine Matrix von etwa 30 Kriterien eingehen, wobei wirtschaftliche Aspekte ganz oben stehen. Also, SPON, ruhig Brauner. Brasilien kommt heute weiter. Habt Vertrauen in die FIFA-Regie. Die können das schon.
nemensis_01 28.06.2014
2. Das wird
ein Spaziergang für Brasilien. Chile hat null Chancen.
Jonny_C 28.06.2014
3. Das Spiel gegen Chile....
....wird wie das erste Spiel durch eine falsche Schiedsrichterentscheidung zugunsten Brasiliens entschieden ! Da bin ich mir (leider, leider) sehr sicher. Brasilien darf (noch) nicht ausscheiden.
foxl 28.06.2014
4. ich sag mal: ABWARTEN!
gab schon einige Überraschungen bei dieser WM
mumu 28.06.2014
5. Klaro
Dieser Drops ist gelutscht. Brasilien machts.
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