Brasiliens Stürmer Fred Ausgepfiffen, beschimpft, gedemütigt

Brasiliens Stürmer Fred hat bei der WM schwach gespielt. Gegen Deutschland ging der 30-Jährige mit unter. Dennoch musste er für die Fans erneut als alleiniger Sündenbock herhalten.

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Hamburg - Schon nach einer halben Stunde war die Niederlage Brasiliens im WM-Halbfinale gegen Deutschland besiegelt. Die Fans im Mineirão-Stadion waren schockiert, einige weinten. Andere entluden ihren Frust auf die Mannschaft. Beim Gang in die Kabine wurde die Seleção heftig ausgepfiffen. In der zweiten Hälfte hatten es die Anhänger dann besonders auf einen Spieler abgesehen: Fred. Der Stürmer musste böse Schmähgesänge ertragen.

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"Gestern war Fred der Sündenbock. Er war die Personifizierung der Inkompetenz, völlig nutzlos auf dem Feld", sagt Fernando Duarte, europäischer Fußballkorrespondent für UOL, die führende Nachrichtenseite Brasiliens: "Und die Fans brauchten jemanden, auf dem sie ihre Wut ablassen konnten."

Beim 1:7 gegen Deutschland aber war Fred der falsche Sündenbock. "Er konnte nichts dafür. Was willst du als einzige Sturmspitze gegen so eine deutsche Mannschaft tun?", fragt Duarte rhetorisch. Trainer Luiz Felipe Scolari hatte den 30-Jährigen immer in Schutz genommen und er tat es wieder. In der 69. Minute nahm der Coach Fred vom Feld, um ihn vor weiteren Demütigungen zu bewahren. Ein letztes Pfeifkonzert gab es für den Profi von Fluminense Rio de Janeiro. Mit blassem Gesicht saß Fred bis zum Schlusspfiff auf der Bank.

Fred stand während der gesamten WM in der Kritik

Den Frust auf einen Einzigen abzuladen, wirkte unfair angesichts des kollektives Versagens der Seleção. Und wie sollte Fred überhaupt eine gute WM spielen? Mit Fluminense wäre er beinahe abgestiegen, zudem hatte er in der vergangenen Saison wegen Verletzungen lediglich neun Ligaspiele bestritten.

Schon vor dem Turnier und auch währenddessen war es meist Fred, den die brasilianischen Fußballfans als Sündenbock für durchschnittliche Leistungen auserkoren hatten. Ein Mittelstürmer, der zu selten aufs Tor schießt und - noch viel schlimmer - nur wenig Treffer erzielt. Beschwichtigen konnten die Anhänger selbst die fünf Tore beim Confederations Cup im vergangenen Jahr nicht.

Dabei hatte die WM für Fred gar nicht so schlecht begonnen. Im Eröffnungsspiel gegen Kroatien hatte er einen wichtigen Elfmeter herausgeholt, auch wenn es eine Schwalbe war. In der letzten Vorrundenpartie gegen Kamerun schoss er zudem ein Tor. Aber auch das verschaffte ihm keine Ruhe vor der Kritik der brasilianischen Öffentlichkeit. Und dass, obwohl auch die anderen Angreifer Brasiliens - bis auf Superstar Neymar - den Erwartungen nicht gerecht wurden.

Statistisch enttäuschte Fred im Vergleich zu anderen Stürmern

Ein Blick auf die Statistiken beweist dennoch, dass Fred bei der WM enttäuschte. Zwar hatte ihn Scolari nicht als Torjäger auserkoren, aber der erfahrene Fred sollte Bälle halten, sie verteilen. Das gelang nur mäßig. Im Vergleich mit Argentinien Gonzalo Higuaín, ebenfalls einem klassischen Mittelstürmer, wird das besonders deutlich.

Nur rund 67 Prozent von Freds Pässen kamen beim Mitspieler an, bei Higuaín sind es bislang 85 Prozent. Zumal die Diskrepanz bei der Anzahl der Ballkontakte pro 90 Minuten nicht so groß ist: 29 bei Fred, 36 bei Higuaín. Fred war damit für einige Ballverluste verantwortlich.

Im Kontrast mit einem modernen Stürmertypen wie Thomas Müller steht Fred noch schlechter da. Insbesondere bei den Ballberührungen pro 90 Minuten (50:29 für Müller). Aber vor allem bei der Statistik, die für Angreifer am wichtigsten ist: Fünf Tore für den Deutschen, eines für den Brasilianer.

Um die Fans zu besänftigen, hätte es wohl andersherum sein müssen.



insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
niska 09.07.2014
1.
Zitat von sysopDPABrasiliens Stürmer Fred hat bei der WM schwach gespielt. Gegen Deutschland ging der 30-Jährige mit unter. Dennoch musste er für die Fans erneut als alleiniger Sündenbock herhalten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-stuermer-fred-ist-der-suendenbock-fuer-brasiliens-fans-a-980090.html
Wo ist Fred? Hoffentlich hat er wenigstens einen handsignierten Siegerball mitbekommen...
Immanuel K. 09.07.2014
2. ...und trotzdem ist diese
...Zuweisung der Brasilianer einem Spieler gegenüber (sei es Neymar als Messias oder Fred als Sünder), Teil des Problems der Seleção - Fussball ist nun mal ein Mannschaftssport - als Fussball noch deutlich langsamer gespielt wurde, konnte ein einzelner überragender Spieler tatsächlich noch einem Spiel seinen Stempel aufdrücken - diese Zeiten sind mindestens 10 Jahre vorüber. Brasilien ist eben noch nicht im moderen Fussball angekommen.
c218605 09.07.2014
3. Ungeheuerlich und menschenverachtend
Zitat von sysopDPABrasiliens Stürmer Fred hat bei der WM schwach gespielt. Gegen Deutschland ging der 30-Jährige mit unter. Dennoch musste er für die Fans erneut als alleiniger Sündenbock herhalten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-stuermer-fred-ist-der-suendenbock-fuer-brasiliens-fans-a-980090.html
Die wollen Fans sein? Das sind doch auch die, die bisher die gegnerische Mannschaften gandenlos niederpfiffen. Wie dann der SPON an gleicher Stelle sie dann aber gute Verlierer nennt, erschliesst sich mir im Kontext mit diesem Beitrag ueberhaupt nicht: http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-brasilien-7-1-sieg-im-wm-halbfinale-a-980006.html
glen13 09.07.2014
4.
Zitat von sysopDPABrasiliens Stürmer Fred hat bei der WM schwach gespielt. Gegen Deutschland ging der 30-Jährige mit unter. Dennoch musste er für die Fans erneut als alleiniger Sündenbock herhalten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/wm-2014-stuermer-fred-ist-der-suendenbock-fuer-brasiliens-fans-a-980090.html
Was sich "internationale sogenannte Fachleute", Presse und auch einige Foristen bei der Beurteilung von Spielern herausnehmen ist eine Frechheit. Ich glaube nicht, dass solche unsachlichen Äußerungen von diesen Personen selbst ausgehalten würden, wenn es sie selbst beträfe. Der TRainer hat Fred aufgestellt und sich was dabei gedacht. Da Fred nach jedem Brasilienspiel von der brasilianischen Presse geschlachtet wurde und der Trainer ihn immer wieder aufgestellt hat, muss es ja wohl auch am Trainer liegen, wenn er denn wirklich so schlecht sein soll. Es gibt einfach keinen Respekt mehr vor Menschen. Man meint, weil einer viel verdient, darf man ihn in völlig unsachlicher Weise verhöhnen und beleidigen. Dies betrifft nicht nur Sportler, sondern auch Politiker, und eben alle anderen, auf die man neidisch ist. Wohlgemerkt: Nichts gegen sachliche Kritik, aber Verhöhnungen und Beleidigungen zeigen nur, was der Verfasser für ein mieser Charakter ist.
DracheNimmersatt 09.07.2014
5. 100% Zzustimmung
Zitat von c218605Die wollen Fans sein? Das sind doch auch die, die bisher die gegnerische Mannschaften gandenlos niederpfiffen. Wie dann der SPON an gleicher Stelle sie dann aber gute Verlierer nennt, erschliesst sich mir im Kontext mit diesem Beitrag ueberhaupt nicht: http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-gegen-brasilien-7-1-sieg-im-wm-halbfinale-a-980006.html
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