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Niederlande gegen Chile Van Gaals Plan B geht auf

Drei Spiele, drei Siege, 10:3-Tore - die Niederlande haben ihre Gruppe souverän gewonnen. Gegen Chile tat sich "Oranje" zunächst schwer, demonstrierte dann aber taktische Flexibilität. Nun träumt Louis van Gaals Team vom WM-Titel.
Von Rafael Buschmann und Maik Rosner

Louis van Gaal blickte drein, als sei sein Team gerade ausgeschieden. Der Bondscoach setzte in der Pressekonferenz eine versteinerte Miene auf und starrte einen Fragesteller sekundenlang an. Dieser hatte es gewagt, van Gaal unterschwellig vorzuwerfen, die Niederlande würde einen zu defensiven Fußball spielen. "Was ist Ihre Definition von Angriffsfußball?", blaffte van Gaal. Die Antwort des Journalisten wartete er nicht ab, er gab sie selbst.

"Man kann nur ein System spielen, für das man auch die Spieler hat. Meine Spieler passen zu meinem System", sagte van Gaal. Beim 2:0-Sieg über Chile, der den Niederlanden den verlustpunktfreien Gruppensieg garantierte, zeigte van Gaal deutlich, auf welche Spieler er setzt: Sie müssen taktisch flexibel, spielintelligent und geschickt im Umschaltspiel sein. Van Gaals Mannschaft wechselte während der Partie im Stadion von São Paulo mehrfach zwischen den Spielsystemen hin und her.

Wenn der Gegner in Ballbesitz war, spielte das niederländische Team ein sehr defensives 5-3-2-System, mit tiefstehenden Außenverteidigern. Sobald van Gaals Mannschaft den Ball erobert hatte, änderte sich die Taktik in ein offensives 4-3-3 und Mittelfeldregisseur Wesley Sneijder rückte deutlich weiter nach vorne.

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Chile rannte sich fest

Die chilenische Mannschaft, die in ihren ersten beiden Spielen zu begeistern wusste und insbesondere gegen den aktuellen Weltmeister Spanien ein furioses Spiel zeigte, fand kaum ein Mittel gegen die Staffelung der Niederländer. Immer wieder rannten sich die ebenfalls gut sortierten Chilenen im niederländischen Mittelfeld fest, verloren dort die Bälle und mussten mit viel Mühe die niederländischen Konter unterbinden. So startete beispielsweise Arjen Robben Mitte der zweiten Halbzeit zu einem 30-Meter-Sololauf, sein Schuss verfehlte nur knapp das Ziel. In der 92. Minute hatte er mehr Erfolg, als er nach einem Konter präzise das 2:0 vorlegte.

"Chile ist eine schnelle, dynamische Mannschaft. Wir haben es aber geschafft, sie zu neutralisieren", sagte van Gaal. Attraktiv spielten die Holländer dabei nicht. Anders als bei den Offensivspektakeln gegen Spanien und Australien, zog sich "Oranje" diesmal sehr weit zurück, ging selten mit mehr als vier Spielern in die gegnerische Hälfte. "Wir hatten kaum ein Mittel, um diese starke Wand einzureißen", sagte der chilenische Trainer Jorge Sapaoli.

Nigel de Jong grinste darüber und erklärte: "Das ist ein bisschen unser Stil. Wir achten sehr auf unsere Defensive." Der ehemalige Mittelfeldspieler des Hamburger SV, der mit seiner Robustheit etliche chilenische Angriffe bereits im Ansatz zerstörte, ist so etwas wie der Äquator dieser niederländischen Mannschaft. Er stellt die Trennlinie zwischen Offensive und Defensive dar.

Van Persies Fehlen war spürbar

Keine andere Mannschaft spielt in diesem Turnier mit einer solch rigiden Trennung der Mannschaftsteile. Während die Fünfer-Abwehrkette samt de Jong die Defensive beschützt, wirbelt die Offensive scheinbar ohne echte Vorgaben umher. "Wir haben drei Angreifer, denen ich viele Freiheiten gebe", sagt van Gaal. Gegen Chile traf das aber nicht für alle Offensivspieler zu. Die beiden Außenstürmer Jeremain Lens und Dirk Kuyt waren diesmal mehr Bedienstete von Robben als tatsächlich selbst Gestalter. Immer wenn der Münchner seine Position wechselte, was er oft tat, mussten die anderen Offensivspieler um ihn herum rotieren.

Das führte zeitweise dazu, dass nur Robben eine Anbindung zum Spiel hatte, seine offensiven Mitspieler aber kaum etwas mit sich anzufangen wussten. Man merkte der Mannschaft das Fehlen des gelbgesperrten Robin van Persie deutlich an. Der Stürmer von Manchester United harmonierte in den ersten beiden WM-Spielen hervorragend mit Robben, riss auch viele Lücken für den Münchner Angreifer.

Van Gaal, der immer wieder beklagt hatte, dass seine Mannschaft bislang zu wenig Zeit zum Einspielen hatte und jeder Wechsel der Stammformation zu Problemen führen könne, wählte deshalb einen Plan B: "Wir wollten Chile müde spielen. Wir haben analysiert, dass sie dann in den letzten 15 Minuten immer ein paar Räume mehr öffnen", sagte van Gaal. Und setzte dann für kurze Zeit ein triumphierendes Grinsen auf. "Ich wusste, dass wir noch Spieler, auch kopfballstarke Spieler, bringen können, die dann zu ihren Chancen kommen", sagte van Gaal. Er wechselte mit Memphis Depay und Leroy Fer den Sieg ein, beide Spieler trafen. "Unser Plan ist aufgegangen", sagt Dirk Kuyt. Auf die Frage, was der Plan für die nächsten Herausforderungen ist, sagte der Außenstürmer: "Uns gefällt es in Rio sehr gut."

Dort haben die Niederländer ihr Basiscamp. Und dort wird in wenigen Wochen das WM-Finale stattfinden. Erstmal geht es aber im Achtelfinale gegen Mexiko.

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