Kroatiens Finalniederlage gegen Frankreich So sehen Sieger aus

Kroatien hat im WM-Finale gegen Frankreich eine Niederlage erlitten. Und sollte sich trotzdem wie ein Gewinner fühlen. Das Team nennt sich nicht "Die Mannschaft" - ist aber eine.
Enttäuschte Kroaten

Enttäuschte Kroaten

Foto: FRANCK FIFE/ AFP

Trainer Zlatko Dalic holte seine Spieler kurz nach der 2:4-Niederlage im WM-Finale gegen Frankreich zusammen. Die größten Kämpfer dieser Weltmeisterschaft bildeten einen Kreis, Dalic stand in der Mitte, er gestikulierte, redete lautstark auf die Profis ein. Was genau der 51-Jährige gesagt haben mag, ist gar nicht entscheidend. Er wollte sie im Moment ihrer größten sportlichen Enttäuschung nicht allein lassen, spendete Trost, nahm wenig später auch vereinzelt Spieler in den Arm.

Dalic war vom ersten Tag seiner erst im vergangenen Herbst gestarteten Tätigkeit als kroatischer Nationaltrainer der richtige Mann gewesen. Er traf auf eine mit Top-Spielern gespickte Mannschaft, die aber verunsichert und in Teilen auch zerstritten war.

In kürzester Zeit sorgte er mit der richtigen Ansprache für Selbstvertrauen, Versöhnung und Erfolg. Das zarte Pflänzchen wuchs, wurde in der WM-Vorbereitung immer größer und als Dalic gemeinsam mit seinen Starspielern Luka Modric und Ivan Rakitic auch noch das passende System entwickelte, wurde es eine wahre Erfolgsstory.

Kroatischer Jubel

Kroatischer Jubel

Foto: ALEXANDER NEMENOV/ AFP

Letztlich reichte es "nur" zum zweiten Platz, was trotzdem der größte Erfolg im kroatischen Fußball ist und in der Heimat wie ein Sieg gefeiert wurde. Dalic beschwerte sich nach dem Spiel über Frankreichs Treffer zum 2:1, der erste in der WM-Historie, der per Videobeweis beeinflusst wurde. "In einem WM-Finale gibst du so einen Elfmeter nicht", sagte Dalic zum Handspiel von Ivan Perisic.

Der Strafstoß war regelkonform, aber wegen der kaum vorhandenen Reaktionszeit des Kroaten auch umstritten. Die Entscheidung von Schiedsrichter Néstor Pitana schmälere laut Dalic aber nicht den Erfolg der Franzosen, sein Team habe in den ersten sechs Partien auch einige Male Glück gehabt. Dalic war kein schlechter Verlierer - und wurde so, wie das gesamte Team, zum Gewinner.

Aufgeben ist keine Option

In der Gruppenphase hatte Kroatien gegen Nigeria, Argentinien und Island drei Siege gefeiert und war als Erster und Geheimfavorit ins Achtelfinale eingezogen. Doch in der K.-o.-Phase begann für die Vatreni ein ganz neues Turnier. Plötzlich mussten sie mit Rückständen umgehen, trafen auf defensive, teilweise sogar destruktive Gegner und waren, mehr als ihnen lieb war, gezwungen, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen.

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Hinzu kam der Kräfteverschleiß, gegen Dänemark, Russland und England ging es jeweils über 120 Minuten. Und doch setzte Dalic fast immer auf die gleiche Startelf, wollte so wenig wie möglich verändern. Die Spieler dankten mit beeindruckender Willensleistung und großer Mentalität, zurückzuliegen war Ansporn und keine Belastung.

Auch im Finale kam Kroatien nach dem 0:1 zum Ausgleich und hatte zu Beginn der zweiten Hälfte beim Stand von 1:2 die beste Phase. Frei nach Oliver Kahn ging es für diese kroatische Mannschaft "weiter, immer weiter" - bis zu den Gegentoren von Paul Pogba und Kylian Mbappé. Diesmal war der Wille gebrochen.

Kroatien ist eine Mannschaft

Möglich wurde der Finaleinzug auch, weil Dalic aus exzellenten Individualisten ein funktionierendes Team geformt hat. "Fußballerisch kann ich euch nichts beibringen", hatte der Trainer zu Beginn seiner Mission gesagt. Dalic war ein talentierter Mittelfeldspieler gewesen, der zwar in der ersten kroatischen Liga zum Einsatz kam, aber nicht gut genug für die Nationalmannschaft war.

Also vermittelte er den Spielern ein neues Wir-Gefühl, ließ persönliche Eitelkeiten nicht gelten und unterstrich das zu WM-Beginn mit dem Rauswurf von Nikola Kalinic. Lieber beendete Dalic das Turnier mit einem Spieler weniger, als das Mannschaftsgefüge zu gefährden.

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Kroatien in der Einzelkritik: Gelaufen

Foto: CHRISTIAN HARTMANN/ REUTERS

Völlig ungefährlich war es für dieses kroatische Team, mit Luka Modric den besten Spieler des Turniers in seinen Reihen zu haben. Der Mittelfeldspieler verkörpert nicht nur taktisches Geschick, Passgenauigkeit, Torgefahr, strategische Fähigkeiten und großes läuferisches Vermögen, Modric ist auch ein Mannschaftsspieler, der seine Bedeutung für den Erfolg nie in den Vordergrund stellen würde.

Fragen zum Goldenen Ball oder einer denkbaren Wahl zum Weltfußballer des Jahres wich er im Vorfeld des Finals stets aus. "Ich denke, wir hatten mehr verdient, aber nicht immer gewinnt das beste Team", sagte Modric nach dem Endspiel.

Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic (l.) mit Kapitän Luka Modric

Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic (l.) mit Kapitän Luka Modric

Foto: JEWEL SAMAD/ AFP

Modric ist der Star dieser Mannschaft. Mit Ivan Rakitic, Ivan Perisic, Mario Mandzukic, Domagoj Vida oder Ante Rebic gab es aber so viele Spieler, die mit wichtigen Toren Verantwortung übernahmen. Der kroatische Erfolg war auf vielen Schultern verteilt, ein wunderbarer Gegenentwurf zu früh ausgeschiedenen Favoriten wie Argentinien, Brasilien, Portugal oder Deutschland, das Team, das als "Die Mannschaft" der eigenen Marketing-Idee am wenigsten entsprach.

Deshalb sind die Kroaten auch wahre Gewinner.

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