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09. Juli 2018, 14:39 Uhr

SPIX-Noten

Das sind die Top-Spieler des Viertelfinals

Von und Otto Kolbinger

Neue K.-o.-Runde, neue Top-Spieler: Nur ein Akteur aus der SPON11 des Achtelfinals ist auch nach dem Viertelfinale wieder dabei. Insgesamt prägen das Team ausgeschiedene Spieler und Torjäger.

Die Niederlande, Argentinien, Brasilien und Deutschland - diese Nationen standen vor vier Jahren bei der Fußballweltmeisterschaft unter den besten vier Teams. Aber nicht eine von ihnen hat es vier Jahre später erneut ins Halbfinale geschafft. Das gab es zuletzt in den Jahren 1962 und 1966.

Diese Entwicklung ist bezeichnend für die WM in Russland. Von Anfang an war das Turnier geprägt von stolpernden Favoriten, scheiternden Stars und überraschend guten Außenseitern, darunter auch der Gastgeber. Und nun bietet auch der SPIX des Viertelfinals so einige Überraschungen. (Sie wollen wissen, was der SPIX ist? Hier entlang.) Denn sechs der besten elf Spieler des Viertelfinals sind im Halbfinale nicht mehr dabei. Was außerdem auffällig ist: Aus siegreichen Mannschaften haben es nur Feldspieler in die Auswahl geschafft, die selbst ein Tor erzielt haben,

Die SPON11 des Viertelfinals ist die letzte bei diesem Turnier, die sich auf eine einzelne Runde bezieht. Dann folgt nur noch das Team des Turniers. Im Halbfinale ist die Auswahl an Spielern schlicht so gering, dass ein Team mit den besten Spielern dieser Runde keinen Sinn ergibt.

Hier finden Sie die notenbesten Spieler der Viertelfinalduelle:

Torwart der SPON-Elf ist ein Spieler, der schon im Achtelfinale zum Helden des Spiels wurde: Jordan Pickford hatte großen Anteil daran, dass England zum ersten Mal in seiner Fußballgeschichte ein Elfmeterschießen bei einer WM gewann. Aufgrund der 120 Minuten zuvor hatte er im SPIX trotzdem schlecht abgeschnitten. Nun aber war Pickford der beste Keeper der vergangenen K.-o.-Runde. Zum zweiten Mal im laufenden Turnier blieb er ohne Gegentor. Im Viertelfinale kassierte ansonsten nur Frankreichs Hugo Lloris keinen Treffer. Zwar kam Schweden bei der 0:2-Niederlage gegen England auch nicht zu vielen Torchancen. Wenn die Skandinavier aber gefährlich wurden, dann bot Pickford einen sicheren Rückhalt. Damit steht England erstmals seit 1990 in einem Halbfinale und trifft dort am Mittwoch auf Kroatien (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Standardsituationen sind bei dieser WM besonders wichtig. Das rückt die Innenverteidiger in den Fokus, die bei Ecken und Standards mit nach vorn gehen. Harry Maguire (England) und Raphaël Varane (Frankreich) erzielten im Viertelfinale jeweils die Führung für ihr Team. Beide Spieler trafen per Kopf, Maguire gegen Schweden nach einer Ecke, Varane gegen Uruguay nach einem Freistoß. Gleichzeitig lag es nicht nur an den Torhütern Pickford und Lloris, dass England und Frankreich ohne Gegentor blieben, sondern auch an den Abwehrreihen. Varane hatte sieben klärende Aktionen (drittbester Wert seines Teams), Maguire hatte sechs (bester Wert seines Teams). Auch im Zweikampf waren beide stark. Maguire überzeugte vor allem in der Luft, gewann dort zehn von zwölf Duellen. Varane kam insgesamt auf starke 70 Prozent gewonnene Zweikämpfe.

Das Tor und die Innenverteidigung sind in der SPON11 also durch Halbfinalisten besetzt. Auf den Außenpositionen aber stehen zwei Spieler, die ausgeschieden sind. Gerade Russlands Mario Fernandes spielte im Viertelfinale gegen Kroatien eine entscheidende Rolle. Er rettete den Gastgeber mit einem späten Tor in der Verlängerung ins Elfmeterschießen. Dass er dort vom Punkt scheiterte, macht ihn zur tragischen Figur. Zuvor aber hatte er offensiv wie defensiv überzeugt. 80 Ballaktionen, ein Tor, eine Torschussvorlage und 65 Prozent gewonnene Zweikämpfe - all das sind Bestwerte seines Teams. Auf der anderen Seite steht Brasiliens Marcelo. Bei der 1:2-Niederlage gegen Belgien war der Linksverteidiger von Real Madrid wieder einmal einer der auffälligsten Akteure. Er hatte genau wie Fernandes die meisten Ballaktionen seines Teams (98), legte vier Torschüsse auf und schloss zweimal selbst ab.

Uruguay war im Viertelfinale gegen Frankreich vor allem defensiv gefordert, hatte insgesamt nur 38,6 Prozent Ballbesitz. Dass das Torschussverhältnis allerdings ausgeglichen war (11:11) und Frankreich nicht etwa deutlich mehr gefährliche Aktionen hatte, lag vor allem an Lucas Torreira. Er gewann 13 Bälle, nur ein Spieler des gesamten Viertelfinals war in diesem Aspekt besser (Luka Modric, 15). Zudem fing der Uruguayer noch vier Bälle ab. Wenn sein Team dann mal umschaltete, lief ebenfalls viel über Torreira: Er hatte gemeinsam mit Diego Laxalt die meisten Ballkontakte seiner Mannschaft (65), spielte die meisten Pässe (45; 24 in der gegnerischen Hälfte, ebenfalls Bestwert) und gab zwei Torschussvorlagen.

Brasilien und Belgien lieferten sich im Viertelfinale eines der besten Spiele der WM. Tempo, Torgefahr, spielerische Klasse - das Duell der beiden Titelkandidaten hielt den hohen Erwartungen stand. Das lag natürlich an der starken Leistung der siegreichen Belgier, aber eben auch an den spielbestimmenden, aber unterlegenen Brasilianern. Insgesamt kam die Seleção auf 27 (!) Torschüsse - ein unglaublicher Wert. Kein Wunder also, dass die offensiven Außenpositionen der SPON11 mit Brasilianern besetzt sind. Philippe Coutinho gab sechs der Abschlüsse selbst ab, legte außerdem den Anschlusstreffer durch Renato Augusto auf. Douglas Costa schaffte die zweitmeisten Abschlüsse (vier), drei davon gingen auch aufs Tor - aber eben nicht hinein. Kylian Mbappé, der überragende Mann des Achtelfinals, kam diesmal somit "nur" auf Rang fünf.

Ein Teamkollege Mbappés hingegen war im Viertelfinale der beste auf seiner Position: Antoine Griezmann legte drei Torschüsse für seine Mitspieler auf, unter anderem spielte er die Freistoßflanke, die zu Varanes Führungstreffer führte. Zweimal schoss er zudem selbst aufs Tor - darunter auch der Treffer zum 2:0, unter Mithilfe des uruguayischen Torwarts Fernando Muslera. Mbappé im Achtelfinale, Griezmann im Viertelfinale: Dass die Équipe Tricolore auf mehreren Positionen mit Spielern besetzt sind, die ein Spiel entscheiden können, ist einer der Gründe dafür, dass Frankreich gute Chancen auf den zweiten WM-Titel seiner Geschichte hat. Ein kleines Problem: Am Dienstag (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) trifft Frankreich mit Belgien auf ein Team, das auch über solche Spieler verfügt.

Auch das zeigte wiederum das spektakuläre Spiel zwischen Belgien und Brasilien. Schon zur Pause lagen die Europäer 2:0 vorn. In der Offensive überragte Kevin de Bruyne in fast allen Punkten. Drei Torschussvorlagen, drei Torschüsse, darunter ein Tor durch einen harten, präzisen Schuss ins linke Eck. Der Mann von Manchester City machte ein grandioses Spiel. Auch der zweite Stürmer der SPON11 stand in dieser Partie auf dem Platz. Dabei handelt es sich aber nicht um Romelu Lukaku, der de Bruynes Treffer stark vorbereitet hatte (SPIX: Platz sieben), sondern: Neymar. Er ist damit der einzige Spieler, der es sowohl im Achtel- als auch im Viertelfinale in die SPON11 geschafft hat. Gegen Belgien zeigte Neymar mit drei Torschüssen und sieben Torschussvorlagen noch einmal eine sehr gute Leistung. In der Schlussphase scheiterte er mit einem grandiosen Distanzschuss am belgischen Torwart Thibaut Courtois. Er leistete sich allerdings auch erneut eine Schwalbe - und befeuerte damit die Debatte, die während es gesamten Turniers um Neymar geführt wurde.

Und das ist die SPON11 des Viertelfinals, angeordnet in einer 4-4-2-Grundordnung:

Jordan Pickford (ENG) - Mario Fernandes (RUS), Harry Maguire (ENG), Raphaël Varane (FRA), Marcelo (BRA) - Lucas Torreira (URU) - Philippe Coutinho (BRA), Douglas Costa (BRA) - Antoine Griezmann (FRA) - Kevin de Bruyne (BEL), Neymar (BRA)

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Was ist der SPIX?

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