DFB-Star Özil Aus der Schusslinie

Beim ersten deutschen Turnierspiel am Sonntag wird sich die Aufmerksamkeit auch auf Mesut Özil konzentrieren. Die Erdogan-Affäre hat ihn um eine ruhige Vorbereitung gebracht. Seine Strategie: Schweigen.
Mesut Özil

Mesut Özil

Foto: Michael Probst/ AP

Jetzt auch noch Lothar Matthäus. "Bei mir spielt Özil nicht", ist die Überschrift seiner Kolumne in der "Bild"-Zeitung, in der der frühere Fußballstar seine Wunschaufstellung für das erste deutsche WM-Spiel lieber um den Bayern-Profi Sebastian Rudy gruppiert.

Zuvor bereits hatte Bild-Altkolumnist Alfred Draxler getitelt: "Özil denkt an sich - und nicht an das Team." Dass Stefan Effenberg, wie Matthäus einer derjenigen, der sich immer zu Wort meldet, wenn eine Zeitung seine Meinung braucht, zuvor bereits den Rauswurf Özils aus dem Kader gefordert hatte, wurde ebenfalls ausführlich berichtet.

Mesut Özil war nie ein Liebling der Balkenpresse. Aber seit er und Teamkollege Ilkay Gündogan sich lächelnd mit dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdogan ablichten ließen, ist die Schonzeit für den Mittelfeldspieler endgültig vorbei. Özil geht nach einer für ihn denkbar unruhigen Vorbereitung in das WM-Turnier - ausgerechnet der Spieler, von dem es heißt, er habe von allen Nationalspielern die Wohlfühlatmosphäre am nötigsten.

Löw hat immer auf ihn gesetzt

Özil mag kein Liebling der "Bild"-Zeitung sein, der Lieblingsspieler des Bundestrainers war er immer. Da mochte noch so oft geschrieben werden, Özil tauche ab, zeige sich nicht in wichtigen Spielen. Seine Körpersprache ist ein mediales Dauerthema - Joachim Löw hat von all dem unangefochten bislang stets auf ihn gesetzt. Das Risiko, es auch jetzt zu tun, war allerdings wahrscheinlich noch nie so groß.

Joachim Löw (r.) mit Lieblingsspieler Özil

Joachim Löw (r.) mit Lieblingsspieler Özil

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Zu der ganzen Angelegenheit Erdogan hat sich Özil bisher nie zu Wort gemeldet. Auch wenn der DFB alles getan hat, den gegenteiligen Anschein zu wecken. Beim Medientag im Trainingslager in Südtirol war Özil der einzige, der fehlte. Vom DFB hieß es damals als Begründung, zu dem Thema Özil-Erdogan sei mittlerweile alles gesagt. Das mag sein, aber nicht von ihm selbst.

Auch Gündogan hatte die große Runde mit den Fußballjournalisten gescheut, sich an diesem Tag zumindest in einem kleinen Kreis geäußert. Selbst dazu hatte sich Özil nicht durchringen können.

Wenn Özil nicht redet, müssen es andere für ihn tun. Löw hat seinen Spieler im SPIEGEL noch einmal verteidigt, er wisse, dass Gündogan und Özil "sich mit den Werten in Deutschland identifizierten, sagte der Bundestrainer. Und Offensivkollege Julian Draxler hat am Samstag seinen Eindruck wiedergegeben, dass Özil nicht mehr von alldem belastet wirke. "Er ist fröhlich und macht Witze." Nur die Öffentlichkeit bekommt davon nichts mit.

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff kündigte an, dass der 29-Jährige seine Strategie des gesammelten Schweigens auch während der WM durchzuhalten gedenke. Özil redet generell nicht gern in der Öffentlichkeit, er hat das in all den Jahren nie wirklich gelernt. Auf Pressekonferenzen fühlt er sich unwohl und rettet sich in die Fußballerphrasen - auch dann, wenn ihm keine unangenehmen Fragen drohen, so wie das jetzt der Fall wäre.

Auch im Testspiel fehlte er

So ist er in diesen Vorbereitungswochen bei der Nationalmannschaft nur ab und an zu sehen gewesen, wenn er Selfies mit deutschen Fans machte und wenn die Reporter mal einen Blick aufs Training erhaschen durften. Beim abschließenden Testspiel in Leverkusen gegen -Arabien fehlte er wegen einer Knieprellung. Man muss es so formulieren: Diese Verletzung kam ihm zeitlich sehr gut zupass. Er ersparte sich auf diese Weise das absehbare Pfeifkonzert, das sein Mitspieler Gündogan dann kassierte. Danach war von der Knieblessur auch nicht mehr viel die Rede.

Körperlich fit ist Özil also, daher wird Löw ihn gegen die Mexikaner am Sonntag (17 Uhr ZDF, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auch sicherlich aufstellen. Selbst wenn Lothar Matthäus etwas anderes empfiehlt. Der Arsenal-Techniker ist zu wichtig für die Mannschaft. Seine Fähigkeiten auf dem Platz sind nicht immer für alle offenbar. Wenn Toni Kroos aufs Tor schießt, gibt es das große Ah und Oh. Wenn Özil einen kleinen, feinen Pass in die Spitze durchsteckt, ist das weniger spektakulär. Doch das gesamte deutsche Offensivspiel ist auf Özil zugeschnitten, er ist das Scharnier zwischen der Sechser-Position und der Spitze.

Mesut Özil vor dem Abflug nach Russland

Mesut Özil vor dem Abflug nach Russland

Foto: Arne Dedert/ dpa

Die Frage aller Fragen wird also sein, wie belastet Özil von der Erdogan-Affäre in das Turnier geht. Ob er sich während der WM-Wochen wirklich davon freimachen kann. Das Thema schwärt weiter, auch weil die Spieler und der Verband nicht verstanden haben, es für die Öffentlichkeit zufriedenstellend zu behandeln. Weil Özil und Gündogan es beide versäumt haben, klarzumachen, wie sie zu Erdogan stehen. Jetzt ist es dazu fast schon zu spät, und das Fass ist weiterhin offen, aus dem nicht nur berechtigte Kritik, sondern auch kübelweise üble rassistische Beschimpfungen herauskommen.

Die Folge: Bei jedem schwachen Özilspiel wird mit großer Sicherheit wieder auf die Pauke gehauen, wird der Druck auch auf Löw erhöht. Das Selbstbewusstsein des Spielers wird dies nicht unbedingt heben.

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