Drei Thesen zur WM Es gibt keine Großen mehr

Deutliche Favoritensiege? Sind bislang Mangelware bei der WM-Endrunde 2018. Die kleineren Nationen haben aufgeholt. Auch deshalb sind die Standardsituationen diesmal so wichtig.
Von Uli Petersen und Michel Massing
Mexikos Edson Alvares (M.) bejubelt den Sieg gegen Deutschland

Mexikos Edson Alvares (M.) bejubelt den Sieg gegen Deutschland

Foto: Federico Gambarini/ dpa

1. Es gibt keine Großen mehr

Wir sind weit weg von einem Favoritensterben, aber die großen Teams dieser WM haben bisher fast ausnahmslos enttäuscht. Die einzige Ausnahme heißt Belgien, das Panama souverän 3:0 besiegte. Dagegen taten sich Deutschland (Niederlage), Brasilien, Argentinien, Portugal und Spanien (alle Remis) sowie Frankreich (Auftaktsieg mit Glück und technischer Hilfe) schwer. England sicherte sich den Erfolg gegen Tunesien erst in der Nachspielzeit.

"Es gibt keine Kleinen mehr", wusste schon Ex-Bundestrainer Berti Vogts. Und auch bei diesem Turnier werden die sogenannten großen Fußballnationen ihrem Namen nicht mehr durch deutliche Siege gerecht. Weil sich der Abstand nivelliert hat. Auch die "kleinen" Länder haben gelernt, kompakt zu verteidigen und die Räume eng zu machen. Der kleinste WM-Teilnehmer Island ist geradezu berüchtigt für sein Defensivbollwerk.

Hinzu kommt, dass mittlerweile jede Fußballnation über gut ausgebildete Trainer und ein funktionierendes Scouting verfügt. Beispiel ist Mexiko, dessen Matchplan gegen Deutschland angeblich schon seit einem halben Jahr in der Schublade lag. Die DFB-Elf wurde klassisch ausgecoacht. Die kleinen und mittleren Länder haben aufgeschlossen. Kantersiege werden Mangelware bleiben.

2. Toreschießen wird schwieriger, Standards umso wichtiger

Eine Folge aus den verbesserten taktischen Fähigkeiten der sogenannten Kleinen: Es fallen weniger Tore - vor allem aus dem Spiel heraus. In nur drei von 14 WM-Partien waren es mehr als drei Treffer, viele Spiele wurden erst in letzter Minute entschieden, und meist hatten Ecken und Freistöße Einfluss auf den Ausgang. 16 von 32 Toren resultierten aus Standardsituationen.

Fotostrecke

Englands Sieg gegen Tunesien: Kane sei Dank

Foto: Alex Morton/ Getty Images

Je weniger Platz für gepflegten Kombinationsfußball ist, umso wichtiger werden ruhende Bälle. Das zeigte nicht zuletzt die Partie zwischen England und Tunesien, in der alle drei Tore aus Standards resultierten.

3. Harry Kane wird WM-Torschützenkönig

In 94 Minuten gegen Tunesien hatte Englands Topstürmer Harry Kane nur 33 Ballkontakte (die wenigsten aller Feldspieler) und brachte lediglich drei Abschlüsse in Richtung Tor zustande. Der Tottenham-Profi wurde von den Tunesiern im Zentrum oft gedoppelt, war somit als Anspielstation meist abgemeldet und nahm kaum am Spiel teil.

Doch auch gegen einen so defensiven Gegner, der ihn zum Teil mit elfmeterreifem Zweikampfverhalten bearbeitete, war der Torjäger nicht gänzlich auszuschalten. Englands Kapitän blieb geduldig und bis zum Schluss konzentriert - und wurde mit seinen zwei Treffern zum Matchwinner.

Zwei Tore, obwohl er nahezu unsichtbar war - was passiert erst, wenn Kane mehr Platz hat und besser ins Spiel eingebunden wird? Keine Frage, der 24-Jährige kann zum Topstar des Turniers werden.

In einer früheren Version dieses Textes hieß es, 15 der 32 Treffer wären im Anschluss an Standardsituationen gefallen. Tatsächlich waren es sogar 16 von 32.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.