Fußballnation England Von der heilsamen Erkenntnis, ein Verlierer zu sein

Lange hegten englische Fußballfans alle vier Jahre die Erwartung, man werde Weltmeister. Doch nach dem 1:4 gegen Deutschland bei der WM 2010 zerbrach etwas. Gerade deshalb könnte das Team nun den Titel holen.
Englische Fans nach dem 1:4 gegen Deutschland bei der WM 2010

Englische Fans nach dem 1:4 gegen Deutschland bei der WM 2010

Foto: NIGEL RODDIS/ REUTERS

Bis heute endete die Karriere jedes englischen Nationaltrainers mit Misserfolg. Aber vielleicht brachte keiner der vorherigen Amtsinhaber bessere Voraussetzungen für den Job mit als Gareth Southgate.

Tatsächlich wurde er im Jahr 2016 vor allem wegen dieser Eigenschaften ausgewählt: Southgate tritt bescheiden und selbstironisch auf und verkörpert ein modernes Bild dessen, was "englisch" ist.

Gareth Southgate

Gareth Southgate

Foto: Frank Augstein/ AP

Diese neue nationale Bescheidenheit hat noch nicht den alternden Geburtsjahrgang erreicht, dessen Trugbilder von Größe uns den Brexit bescherten. Für den Rest der Nation ist sie hingegen zur Norm geworden. Jetzt aber könnte diese Bescheidenheit durch das unwahrscheinlichste aller Ereignisse herausgefordert werden: den ersten englischen WM-Titel seit 1966. Am Mittwoch (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF) spielt Southgates Mannschaft im Halbfinale gegen Kroatien.

Wenn ich Gareth Southgate in diesen Tagen bei Pressekonferenzen in Russland beobachte, führt mich das immer wieder zurück zu einem eiskalten Frühlingsmorgen im Jahr 1996. Ich hatte das Trainingsgelände Aston Villas nahe Birmingham für einen Magazintermin besucht.

"Geh einfach ins Fitnessstudio"

Southgate entpuppte sich als sehr höflicher Junge mit großer Nase. Irgendwann entschied sich Paul Barron, ein Co-Trainer bei Villa, der einen guten Ausbilder bei der US-Marine abgegeben hätte, dazu, unseren Körperfettanteil zu messen. Southgate zog sein Shirt aus und ließ Barron etwas anschließen, das wie Elektroden aussah.

Nur neun Prozent von Southgates Körper bestanden aus Fett. "Ich bin froh, nicht so dünn zu sein", sagte ich und zog mein Shirt aus. Barron musterte meinen Bauch. "Vielleicht sollten wir den Schwabbel-Test machen", sagte er. "Was ist der Schwabbel-Test?", fragte ich. "Wir klatschen dir auf den Bauch und sehen, wie lang er schwabbelt."

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Southgate lag immer noch auf dem Boden, angeschlossen an die Elektroden. "Paul", sagte er sanft, "er ist doch nur vorbeigekommen, um einen Artikel zu schreiben." Barron stellte fest, dass mein Körperfettanteil bei 16 Prozent lag. Southgate versicherte mir: "Geh einfach für den Rest deines Lebens jeden Abend drei Stunden ins Fitnessstudio und alles wird gut."

Er überlegte zu der Zeit, mit Journalismus anzufangen, und wir einigten uns darauf, dass er für meine Zeitung, die "Financial Times", ein Tagebuch zur Fußball-Europameisterschaft 1996 führen würde. Das passierte aber nie. Was sehr schade ist, denn Southgate wurde eine der Hauptfiguren des Turniers: Sein verschossener Elfmeter im Halbfinale gegen Deutschland besiegelte Englands rituelles Ausscheiden.

Southgate verkörperte den Verlierer

Seltsamerweise machte ihn sein Fehlschuss zu einem Nationalhelden. An jenem Abend umarmte ihn John Major, der damalige Premierminister, außerhalb von Wembley. Zeitungen feierten ihn als vielleicht besten Spieler der Europameisterschaft 1996. Und warum? Weil er den Verlierer verkörperte.

Dieses offene, naive Gesicht, die große Nase, sein späteres Geständnis, dass er sicher gewesen war, seinen Elfmeter zu verwandeln, die Bemerkung seiner Mutter, dass er zuvor überhaupt nur einen Elfmeter geschossen und diesen auch verschossen hatte - Southgate personifizierte ein postimperiales England, das sich in der Niederlage wohlfühlt.

Southgate nach dem verschossenen Elfmeter gegen Deutschland

Southgate nach dem verschossenen Elfmeter gegen Deutschland

Foto: imago

Der englische Fußball hatte einen weiten Weg zurückgelegt, um diesen Punkt zu erreichen. Jahrzehntelang war die Standardreaktion, wenn England eine Weltmeisterschaft nicht gewann, Verwunderung. Waren wir nicht letztendlich das Mutterland des Fußballs?

Erste Risse in diesem Selbstverständnis gab es in den desaströsen Siebzigerjahren, aber bis 2010 produzierten die Boulevardzeitungen Schlagzeilen wie "England Expects (deutsch: "England erwartet etwas") und - an den Rivalen Deutschland gerichtet - "Achtung! Surrender!" ("Gebt auf!"). BBC-Sprecher stellten Experten hoffnungsvolle Fragen wie: "Könnte es diesmal Englands Jahr werden?"

Fast über Nacht hörte England auf, etwas zu erwarten

Aber nach dem 1:4-Debakel gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2010 zerbrach etwas. Das Spiel war die Suezkrise des englischen Fußballs: die nationale Erkenntnis, dass wir einfach nur ein mittelmäßiges Land von vielen waren, ohne eine offensichtliche Bestimmung. Fast über Nacht hörte England auf, etwas zu erwarten.

Englische Fans nach der Niederlage gegen Deutschland bei der WM 2010

Englische Fans nach der Niederlage gegen Deutschland bei der WM 2010

Foto: LEON NEAL/ AFP

Als das britische Meinungsforschungsinstitut Yougov vor der WM 2014 Umfragen in 19 teilnehmenden Ländern durchführte, waren die englischen die pessimistischsten Fans (gemeinsam mit den Costa-Ricanern): Nur vier Prozent der Befragten erwarteten, in Brasilien zu triumphieren. In Yougovs Umfrage vor dem aktuellen Wettbewerb lag der Wert bei sieben Prozent.

Stefan Szymanski und ich haben in unserem Buch "Soccernomics" gezeigt, dass Englands Nationalmannschaft in etwa genau das leistet, was man gemessen an Einwohnerzahl, Vermögen und Erfahrung im Fußball erwarten dürfte (zunächst hatte das Buch den Titel "Warum England verliert" getragen, aber wir änderten den Namen, nachdem wir herausgefunden hatten, dass er englische Leser abschreckte).

Englands Platz ist normalerweise nicht an der Spitze

Normalerweise stellt England in etwa das zehntbeste Team der Welt und das ist ungefähr der Platz, auf den England gehört. Diese Erkenntnis dämmert nun den meisten englischen Fans. Menschen unter 60 - die keine Erinnerung an den WM-Titel von 1966 haben - betrachten Englands zweitrangigen Status als ganz normal.

Im Fußball ist es einfacher, die Wirklichkeit zu erfassen, als in der Politik. Im Fußball sind die Ergebnisse auf der Anzeigetafel zu sehen. Man kann sich nicht einfach immer weiter einreden, eine großartige Nation zu sein, wenn man bei der EM 2016 gegen Island verliert (Einwohnerzahl: 320.000). (Unmittelbar nach dem Brexit war das Englands zweiter Abschied aus Europa innerhalb weniger Tage; von Kennern wird er als das lustigere Ausscheiden betrachtet).

England - Island bei der EM 2016

England - Island bei der EM 2016

Foto: Yves Herman/ REUTERS

In der Politik hat der Glaube an Großbritanniens offensichtliche Bestimmung stets fortbestanden - zumindest unter der älteren englischen Bevölkerung, die mit Kriegsgeschichten und von Pink dominierten Weltkarten (das britische Empire wurde in dieser Farbe eingezeichnet, d.Red.) aufgewachsen sind, sowie unter den Old Etonians (Schüler der Eliteschule Eton, d.Red.), die von Kind auf planten, der nächste Henry John Temple, 3. Viscount Palmerston oder Winston Churchill (britische Staatsmänner, d.Red.) zu sein. Die einseitigen Verhandlungen zwischen EU und dem Vereinigten Königreich (aktueller Spielstand 5:0, während die erste Hälfte noch nicht beendet ist) könnten jetzt aber sogar die Erwartungen dieser Menschen zurücksetzen.

Die meisten Engländerinnen und Engländer unter 50 haben mittlerweile ein neues Bild ihrer Nation akzeptiert: das eines Landes unglücklicher Helden, die die Welt nicht länger beherrschen. Southgate - dessen größter Gewinn in seiner Fußballkarriere bisher ein leichter Blechtopf, der League Cup, ist - schien dieses Selbstbild zu verkörpern. Jetzt aber könnte er diese neue, hart erkämpfte nationale Bescheidenheit ruinieren, indem er eine Weltmeisterschaft gewinnt.

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