Gareth Southgate Der perfekte Elfmeter-Trainer

England steht im Viertelfinale - durch einen historischen Sieg im Elfmeterschießen. Ein Grund, warum die Nation ihr Trauma bewältigt hat: Es hätte keinen besseren Trainer für diese Situation geben können.
Gareth Southgate

Gareth Southgate

Foto: Owen Humphreys/ dpa

Elfmeterschießen, Englands sechster Schütze legt sich den Ball zurecht. Elf kleine, hastige Schritte geht er rückwärts. Beim Pfiff des Schiedsrichters läuft er sofort los. Kein Durchatmen, kein Innehalten, keine Konzentrationsphase. Er wollte es hinter sich bringen. Dann der Fehlschuss, wenig später ist der Traum geplatzt: England scheitert wieder einmal in einer K.-o.-Runde, wieder mal im Elfmeterschießen.

Niemals wird Gareth Southgate diese halbe Minute seines Lebens vergessen.

Andreas Köpke hält Gareth Southgates Elfmeter

Andreas Köpke hält Gareth Southgates Elfmeter

Foto: Ross Kinnaird/ Getty Images

Viel länger dauerte diese Szene im Sommer 1996 nicht, und dennoch hat sie eigentlich nie geendet. Die rund 50 Meter von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt, die kurze, hektische Vorbereitung und der Schuss. Etwa 60 weitere Sekunden später hat Andreas Möller bereits verwandelt. Deutschland gewinnt und zieht ins EM-Finale ein, wird dort den Titel gewinnen. "Das wird nie vergehen. Das ist etwas, womit ich für immer leben muss", sagt Southgate heute.

Jetzt aber, mit Southgate als Trainer, hat die englische Nationalmannschaft zum zweiten Mal in ihrer Geschichte ein Elfmeterschießen bei einem großen Turnier gewonnen, zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft. Und viele der Aussagen Southgates zeigen, wie sehr dieser Erfolg auf diese halbe Minute in London zurückzuführen ist.

"Wir haben lange und intensiv über den Ablauf eines Elfmeterschießens geredet", sagte Southgate. "Wir hatten all ihre Elfmeterschützen analysiert. Du kriegst im Leben nicht immer das, was du verdienst, aber heute haben wir es bekommen." Alles war vorbereitet, fast einstudiert. Unter keinen Umständen sollte es ablaufen wie vor 22 Jahren.

Southgate hat sich diesem entscheidenden Moment seiner Karriere auch in einem Buch über seine aktive Karriere gewidmet. Erst nach dem Schlusspfiff habe Trainer Terry Venables ihn gefragt, ob Southgate schießen könne, sollte es zu einem sechsten Versuch kommen. Die Frage habe den Verteidiger "wie ein Blitz aus heiterem Himmel" getroffen, schreibt er.

Gareth Southgate vor dem Elfmeter

Gareth Southgate vor dem Elfmeter

Foto: Bob Thomas/Getty Images

Dem damaligen Co-Trainer Bryan Robson musste Southgate noch schnell versichern, dass er in seinem Leben schon mal einen Elfmeter geschossen hatte. Er verschwieg, dass es ein einziger Strafstoß war: ein vergebener Versuch drei Saisons zuvor für Crystal Palace. Und Minuten später war Southgate das Gesicht des englischen Scheiterns.

Seine Gedanken auf dem Weg zum Punkt ("Der Gang schien ewig zu dauern"), seine Nervosität, seine Unerfahrenheit - all das legt der heutige Coach in dem Buch eindrucksvoll dar. Er beschreibt, wie er sich sicher war, dass der deutsche Torwart Andreas Köpke seine Gedanken erraten konnte. Auch die fehlende Vorbereitung auf diese Situation und Southgates fehlende Erfahrung führten nach seinen Angaben zu dem Fehlschuss.

Niemals hätte Gareth Southgate zugelassen, dass sich eine solche Geschichte wiederholt.

Southgate: "Nicht zu viele Stimmen in den Köpfen der Spieler"

Lange vor einem möglichen Elfmeterschießen standen die englischen Schützen fest, inklusive Back-ups. Seit März bereitete der Trainer sein Team auf ein mögliches Szenario vor: mit Videoanalysen möglicher gegnerischer Schützen und Torhüter, mit Simulationen im Training - inklusive des langen Laufs von der Mittellinie bis zum Punkt. "Wir haben uns individuelle Abläufe und Techniken angesehen", sagte Southgate: "Wir haben mehrere verschiedene Untersuchungen und Übungen durchgeführt."

Gleichzeitig aber ging es vor allem auch um den Ablauf als Team. "Wir müssen sichergehen, dass alles ruhig ist, dass die richtigen Leute auf dem Feld sind und dass es nicht zu viele Stimmen in den Köpfen der Spieler werden", hatte Southgate im Vorfeld gesagt.

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Englands Sieg gegen Kolumbien: Ein historischer Moment

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Etwas Überraschendes, Unplanbares, eine spontane Entscheidung wie 1996 sollte es unter gar keinen Umständen geben. Southgate wollte die volle Kontrolle. "Wir müssen physisch und mental darauf vorbereitet sein, in die Verlängerung und darüber hinaus zu gehen", hatte er gesagt.

England war bereit. Selbst der Fehlschuss durch Jordan Henderson blieb unbestraft. "Wir hatten den totalen Glauben bis zum Ende. Auch als der erste Elfmeter gehalten wurde", sagte Southgate. Bei Mateus Uribes Schuss an die Latte hatte das Team noch Glück. Den Versuch von Carlos Bacca hielt Jordan Pickford dann. "Eine hochklassige Parade", sagte Southgate: "Ich bin überrascht, dass er den Ball erreicht hat, angesichts seiner Größe." Pickford ist 1,85 Meter groß und damit ein verhältnismäßig kleiner Torwart.

Der Erfolg gegen Kolumbien sollte Southgate zwar dabei helfen, dass die englischen Fans ihm seinen Fehler so langsam verzeihen. Mit einem einzigen Achtelfinalsieg ist es allerdings wohl noch nicht getan: "Dem Kerl wird nie vergeben werden, außer er bringt England ins WM-Finale 2018 und bringt diesen Pokal nach Hause", heißt es in einem Kommentar unter einem YouTube-Video zu dem Elfmeterschießen von 1996 . Er wurde vor einer Woche abgeben.

Drei Siege fehlen Southgate noch.

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