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Gary Lineker: "Und am Ende gewinnen die Deutschen"

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Gary Lineker im WM-Interview "Die Deutschen agierten wie eine Schülermannschaft, das war schockierend"

Nur wenige genießen im Fußball solchen Respekt wie Gary Lineker. Hier spricht der englische Ex-Profi und heutige TV-Moderator über die WM in Russland - und sagt, warum er trotz der desolaten Vorstellung der DFB-Elf an ihre Zukunft glaubt.
Foto: Ian Walton/ Getty Images

Gary Lineker galt in den Achtzigerjahren als bester englischer Stürmer und ist mit zehn Treffern bis heute Rekordtorschütze der englischen Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften. Heute arbeitet der inzwischen 57-Jährige als TV-Experte.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Lineker, Sie haben 1996 die Fußballweisheit von den Deutschen geprägt, die am Ende doch irgendwie gewinnen. Wie erklären Sie sich das Versagen des Weltmeisters?

Gary Lineker: Es ist nett, dass die Deutschen zur Abwechslung mal anderen den Vortritt lassen. Man darf Joachim Löw gegenüber nach seiner erfolgreichen Arbeit nicht allzu kritisch sein, aber die Nichtberücksichtigung von Leroy Sané hat uns als Fans der Premier League sehr überrascht. Niemand kann sagen, ob er den entscheidenden Unterschied gemacht hätte, die Probleme lagen wohl tiefer. Ich habe noch nie eine deutsche Mannschaft gesehen, die taktisch so konfus agierte wie gegen Mexiko: wie eine Schülermannschaft! Das war schon schockierend.

SPIEGEL ONLINE: Ihr berühmter Satz hat damit fürs Erste ausgesorgt.

Lineker: Ich denke, dass war nur ein Ausrutscher. Deutschland gewann den Confed Cup und die U21-EM. Das Land bringt weiter gute Spieler hervor. Man braucht immer ein bisschen Glück, dass genügend Ausnahmespieler in einer Mannschaft zusammenkommen. Die Jungs aus der zweiten Reihe konnten in Russland nicht die Lücke füllen, die nach dem Abschied einiger Leistungsträger vor vier Jahren entstanden war.

SPIEGEL ONLINE: "Football's coming home" sangen die Fans in England. Der WM-Pokal wird nun nicht auf die Insel zurückkehren.

Lineker: Wenn ich da kurz einhaken darf: Man sollte das bitte nicht mit Arroganz verwechseln. In dem Lied schwingt viel Selbstironie mit, die wenigsten glaubten wirklich, dass England Weltmeister werden würde. Wir wissen ja, dass wir lange Zeit katastrophal schlecht waren; umso mehr freute es uns, dass wir uns in Russland zur Abwechslung mal als kompetente Underdogs erwiesen haben. Beinahe hätte es sogar fürs Finale gereicht.

Rio Ferdinand, Alan Shearer und Gary Lineker (von links nach rechts) im Einsatz für die BBC

Rio Ferdinand, Alan Shearer und Gary Lineker (von links nach rechts) im Einsatz für die BBC

Foto: FACUNDO ARRIZABALAGA/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

SPIEGEL ONLINE: Medien, Spieler und auch Trainer Southgate sprachen in den vergangenen Wochen viel davon, dass die WM das durch Brexit gespaltene Land zusammengebracht habe. Kann dieses Gemeinschaftsgefühl den Sommer überdauern?

Lineker: Das wäre schön, aber große Hoffnungen hege ich nicht. EU-Gegner reklamierten den Erfolg von Southgates Team für sich, im Sinne von "Seht her, wir zeigen es der Welt!", und EU-Befürworter feierten die Elf als Beispiel für multikulturelles Zusammenleben. Die Positionen sind klar verteilt. Ich würde mir nur wünschen, dass man wieder etwas achtsamer miteinander umgeht. Der Hass und das Gift, das dir entgegenschlägt, wenn du öffentlich deine Meinung vertrittst, ist schon beachtlich. Ein bisschen mehr Besonnenheit würde uns gut zu Gesicht stehen. Denn es kommen noch schwere Tage auf uns zu.

SPIEGEL ONLINE: Was den Fußball angeht, sind viele Ihrer Landsleute jedoch optimistisch. Sie sehen die WM als Aufbruch in bessere Zeiten.

Englands Superstar Harry Kane

Englands Superstar Harry Kane

Foto: Shaun Botterill/ Getty Images

Lineker: Viele gute junge Spieler kommen nach. Jadon Sancho von Dortmund zum Beispiel. Spieler wie Harry Kane und Raheem Sterling sind in vier Jahren erst 28. Wir werden mehr Erfahrung haben und mehr Klasse im Team. Und die Verbindung, die zwischen England und den Fans seit dieser WM wieder besteht, wird hoffentlich so stark bleiben. Diese WM hat bewirkt, dass die Jungs als Menschen wahrgenommen werden, die für ihr Land alles geben. Sie sind nicht mehr die entrückten, geldgierigen Stars, als die sie hier und da porträtiert wurden. Daran haben sie nicht zuletzt selbst großen Anteil. Sie haben sich mit Hilfe der sozialen Medien geöffnet und ihre persönliche Seiten gezeigt.

SPIEGEL ONLINE: Wer gewinnt das Finale?

Lineker: Ich habe großen Respekt vor den Kroaten und werde mich hüten, sie abzuschreiben. Favorit ist dennoch Frankreich. Sie scheinen mir genau rechtzeitig zu großer Form aufzulaufen. Sie haben den besten Spieler des Turniers, das ist N'Golo Kanté. Und den besten jungen Spieler der Welt: Kylian Mbappé ist das nächste Monster des Weltfußballs. Was er gegen Belgien im Halbfinale spielte, war atemberaubend. Frankreich könnte noch viel besser spielen, wenn Trainer Didier Deschamps früher nicht defensiver Mittelfeldspieler gewesen wäre. Die Mannschaft spiegelt seine vorsichtige Spielweise wider.

SPIEGEL ONLINE: Kroatien wird wahrscheinlich am Sonntag Heimvorteil genießen. Von den Franzosen und anderen Westeuropäern sind nur sehr wenige Fans nach Russland gekommen. Wie sehen Sie das?

Lineker: Ja, und viele englische Fans sind nun regelrecht sauer, dass ihnen die negative Berichterstattung vor dem Turnier soviel Angst gemacht hatte. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass es hier keinen Rassismus oder Homophobie gibt, aber die Erfahrungen der Fans waren viel positiver als erwartet. Die Leute waren sehr gastfreundlich. Man kann als Ausländer nach fünf Wochen jetzt viel klarer zwischen Regierung und den Menschen unterscheiden. Viele unserer lokalen Mitarbeiter erzählen uns, dass sie noch nie eine derartige Lebensfreude und Ausgelassenheit in den Straßen Moskaus erlebt hätten.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie aber nicht das unangenehme Gefühl, auch Teil einer Propagandamaschine zu sein?

Lineker: Natürlich stellt man sich diese Fragen. Mir gefällt die Politik von Putin in vielen Punkten nicht. In vier Jahren wird die WM in Katar stattfinden, einem Land, in dem Menschenrechte noch weniger zählen. Wenn die WM nur noch an Länder vergeben wird, mit deren Politik alle einverstanden sind, werden wir Probleme bekommen, Ausrichter zu finden. Das ist die Welt, in der wir leben. Was erstaunlich und fast schon beängstigend ist, dass sich der Fußball am Ende eben doch nicht wirklich vereinnahmen lässt. Genau das macht ihn so begehrt. Wenn der Ball rollt, ist den Leuten völlig egal, wer da oben auf der Tribüne sitzt. Die Schönheit des Spiels ist immun gegen all die hässlichen Begleiterscheinungen.

Luschniki-Stadion. Moskau

Luschniki-Stadion. Moskau

Foto: Denis Tyrin/ dpa

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland schätzen viele Experte die Weltmeisterschaft als sportlich enttäuschend ein. Wie lautet Ihr Fazit in sportlicher Hinsicht, kurz vor Ende des Turniers?

Gary Lineker: Für mich war es aus mehreren Gründen die beste Weltmeisterschaft seit langer Zeit. Es gab kaum ein wirklich schwaches Spiel, dafür aber viele dramatische Momente, Last-Minute-Treffer und Überraschungen. 2014 hatte die Gruppenphase gut angefangen, doch bis auf das komplett durchgeknallte 7:1-Halbfinale waren die K.o.-Spiele eher langweilig. Hier in Russland ging das immer so weiter. Frankreich gegen Argentinien, Belgien gegen Japan. Es gab viele Knaller.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zum Videoschiedsrichter?

Lineker: Ich war aus persönlichen Erfahrungen - Stichwort: Maradonas "Hand Gottes" gegen England 1986 - und als langjähriger Zuschauer für den Videoschiedsrichter. Einfach aus Gründen der Fairness. Warum sollte 2018 eine Mannschaft wegen eines offensichtlichen Fehlers des Schiedsrichter aus einem Turnier fliegen, wenn der sich binnen weniger Sekunden korrigieren lässt? Natürlich wird es weiter kontroverse Situationen geben, aber keine skandalösen Fehlentscheidungen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Videoschiedsrichter das Spiel verändert?

Lineker: Ja, und bei der WM zum Positiven. Da Verteidiger im Strafraum vorsichtiger agieren müssen, sind hier wesentlich mehr Tore nach Ecken und Freistößen gefallen. Die vielen Tore haben wiederum die kleineren, von Haus defensiveren Mannschaften ermuntert, nach vorne zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem 0:0 von Frankreich und Dänemark in der Vorrunde waren viele Zuschauer im Stadion und an den Bildschirmen fast wütend, dass keine Tore gefallen waren und beide Teams auf ein Unentschieden gespielt hatten.

Lineker: Bei früheren Turnieren ist so etwas dutzendfach vorgekommen. Aber hier in Russland waren die Fans das nicht gewöhnt. Mannschaften wie Iran, Saudi-Arabien oder Marokko spielten offensiv. Die Qualität war selbstverständlich nicht so ausgeprägt wie in der Champions League, aber schön anzusehen war das allemal. Wissen Sie, im Nachhinein wird auch immer viel verklärt. Die WM 1990 steht bei uns Engländern für die Wiedergeburt des schönen Fußballs. Dabei waren viele Partien in Italien unsäglich schlecht.

Des Walker (Nottingham Forest) und Gary Lineker (re., Tottenham Hotspur) 1990

Des Walker (Nottingham Forest) und Gary Lineker (re., Tottenham Hotspur) 1990

Foto: REUTERS/ Action Images

SPIEGEL ONLINE: England erreichte 1990 mit Ihnen im Sturm das Halbfinale, Gareth Southgates Team kam in Russland zur Überraschung vieler Fans ebenso weit. Bestimmt letztlich der Erfolg der eigenen Mannschaft die Sichtweise auf ein Turnier?

Lineker: So ist es. Vor vier Jahren, als wir uns in der Vorrunde verabschiedeten, sagten bei uns viele, die Nationalmannschaft sei ihnen sowieso nicht mehr so wichtig. Die Leute hatten die Schnauze voll, andauernd enttäuscht zu werden. Ich wusste, dass sich die Stimmung nach ein paar guten Ergebnissen aber sofort wieder drehen würde. Alle sehnten sich nach Erfolg, nach einer Mannschaft, die mitspielen kann, die Hoffnung und Freude zurück brachte. Die ganze Nation geriet nach dem Achtelfinalsieg gegen Kolumbien in einen Rausch.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie diesen Rausch näher erklären?

Lineker: Alle Engländer waren stolz auf dieses Team. Mit diesem Gefühl ist nichts vergleichbar. Wenn die eigene Mannschaft dagegen schon früh aus dem Wettbewerb fliegt, können diese Emotionen nicht aufkommen. Man konsumiert Fußball dann aus neutraler Warte; nicht mehr als Sport, sondern als Unterhaltungsprodukt, und legt unweigerlich ganz andere Maßstäbe an.

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