Gesichter Russlands Anton, der Punkmusiker

Fußball-WM bei uns in Saransk? Zuerst konnte Anton Kudimow nicht viel mit der Idee anfangen - doch dann begann die Stadt zu feiern.

Fußball-WM bei uns in Saransk? Zuerst konnte Anton Kudimow nicht viel mit der Idee anfangen - doch dann begann die Stadt zu feiern.

Foto: Ekaterina Anokhina

[STECKBRIEF]
Anton Kudimow
26 Jahre
geboren in Saransk
IT-Branche, testet Spiele
Bassist in einer Punkband

SPIEGEL ONLINE

Beim Singen müssten sie noch an sich arbeiten, findet Anton Kudimow. Er meint die russischen Fußballfans, die an ihm vorbeiziehen und "Katjuscha" anstimmen. Immerhin kann man das Lied verstehen. Die kolumbischen und peruanischen Fans hätten das Singen eben im Blut, lacht er.

Anton Kudimow in der Nähe des Stadions

Anton Kudimow in der Nähe des Stadions

Foto: Ekaterina Anokhina

Anton lässt sich treiben. Es ist das letzte Spiel in Saransk, der mit 300.000 Einwohnern kleinsten WM-Stadt. Die Häuser sind frisch gestrichen, zumindest die Fassaden, der Asphalt frisch geteert. Alle hätten sich sehr angestrengt in den vergangenen Monaten, sagt Anton. Die Stadt will einen perfekten Eindruck machen.

Anton heute und als kleiner Junge

Anton heute und als kleiner Junge

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Mit seinen vielen Tattoos und den bunten Haaren fällt Anton auf in einer Stadt wie Saransk , in der es nur eine Subkulturszene gibt, wie er das nennt, Leute, die wie er zum Beispiel Punkmusik machen.

Warum sind seine Haare ausgerechnet pink?

"Das war die einzige Farbe, die es im Laden gab. Ich glaube nicht, dass sie mir steht, aber erst einmal trage ich sie." Er lacht.

Und wieso hat er sich eine Eichel tätowieren lassen?

"Das erinnert mich daran, dass ich als Kind, ich war vier Jahre alt, fast an einer Eichel erstickt bin, die ich verschluckt hatte. Meine Mutter hob mich an den Beinen hoch, klopfte mir auf den Rücken und rettete mir so das Leben."

Anton auf Tour durch Saransk

Anton auf Tour durch Saransk

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

WM in Saransk? Er war da erst skeptisch, der Fußball der Fifa und ihrer Sponsoren ist ihm zu kommerziell. Anton hat früher im Hinterhof gekickt. Dass Straßenhunde und -katzen vor der WM zwangssterilisiert und auch getötet wurden, wie er erzählt, trug auch nicht dazu bei, dass er die WM unterstützte.

Fotos mit Fans aus Panama

Fotos mit Fans aus Panama

Foto: SPIEGEL ONLINE
Russische Fans machen sich fertig für das Spiel

Russische Fans machen sich fertig für das Spiel

Foto: SPIEGEL ONLINE

Jetzt aber freut sich Anton über die vielen glücklichen Gesichter seiner Mitmenschen, die über die gesperrten Straßen auf und ab flanieren und nicht wie sonst zur Arbeit eilen und danach wieder zurück nach Hause. "Sie gehen spazieren und ich mit ihnen, das ist ein gutes Gefühl."

Tanzen im Zentrum von Saransk

Tanzen im Zentrum von Saransk

Foto: SPIEGEL ONLINE

Es ist Feiertag in Saransk, die Stadt ist auf den Beinen, dabei haben viele Einheimische keine Tickets für die Spiele, sie feiern trotzdem: schauen, wer bei ihnen zu Gast ist, machen mit den ausländischen Fußballfans Fotos, tanzen mit ihnen bis nachts vor dem Springbrunnen "Stern Mordwinien".

Anton mit seinen drei Gästen aus Hongkong im Bus und auf den Weg nach Hause, er hat ihnen seine Wohnung über Airbnb vermietet

Anton mit seinen drei Gästen aus Hongkong im Bus und auf den Weg nach Hause, er hat ihnen seine Wohnung über Airbnb vermietet

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Anton schläft gerade bei seiner Oma oder Freunden, seine Drei-Zimmer-Wohnung hat er an WM-Gäste vermietet. Dort lebt er inzwischen allein, seine Eltern sind geschieden, seine Mutter wohnt außerhalb von Saransk, sein Vater bei Moskau.

Drei junge Männer, 26 und 27 Jahre alt, sind bei Anton untergekommen. Sie stammen aus Hongkong, kennen sich seit der Schule und wollten immer mal zusammen im Stadion ein WM-Spiel sehen, wie sie sagen. Jeden Abend ziehen sie nun durch die kleine Stadt, Anton hat ihnen einiges gezeigt.

Anton mit den Gästen in seiner Wohnung, Russland und die Gastfreundschaft der Menschen gefällt ihnen sehr. Sie wollen wiederkommen, sagen sie

Anton mit den Gästen in seiner Wohnung, Russland und die Gastfreundschaft der Menschen gefällt ihnen sehr. Sie wollen wiederkommen, sagen sie

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Anton selbst geht nicht ins Stadion, das sei nichts für ihn. Gern wäre er mit seiner Band "Leider hat man uns kein Denkmal gesetzt" auf der Bühne der Fanzone aufgetreten, aber sie bekamen eine Absage: "Unsere Lieder über die Liebe und das Leben sind zu schwermütig und ernst", sagt der Bassist.

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Auf dem Weg zum Proberaum mit seinem Bass, der hinter dem Bahnhof in einem Industriegebiet liegt, auf seinem Koffer klebt ein Sticker: Es ist okay, keine Milch zu trinken. Anton ist Veganer.

Mit Musik beschäftigte sich Anton das erste Mal, als er elf oder zwölf Jahre alt war. Seine Eltern spielten ihm Wiktor Tsoj vor, sowjetischen Rock. Anton ging zu Konzerten, einmal kamen nach Saransk Franzosen, da war er 17 oder 18 Jahre alt, "sie standen auf der Bühne eines Cafés, sangen und unterhielten sich mit uns Zuhörern, wir waren auf einer Ebene. Sie spielten nicht für Ruhm und Geld, sondern weil sie Freude daran hatten und die weitergeben wollten."

Anton bei einer Probe mit seinen Bandkollegen, sie spielen Hardcore Punk

Anton bei einer Probe mit seinen Bandkollegen, sie spielen Hardcore Punk

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Anton wollte mit seinen Bandkollegen und anderen ein Festival der Subkultur während der WM organisieren, auch das wurde ihnen nicht erlaubt - erst nach der WM, wurde ihnen gesagt.

Anton mit seinem Bass im Proberaum

Anton mit seinem Bass im Proberaum

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Seinen Job hat der 26-Jährige vor wenigen Wochen gekündigt. Er testet Computerspiele. Schon öfters haben er und seine Freunde darüber nachgedacht, Saransk zu verlassen, wie so viele junge Leute nach Moskau oder ins Ausland zu gehen. Doch sie sind geblieben.

Anton reist nun erst einmal, drei bis dreieinhalb Monate per Anhalter Richtung Portugal mit seiner Freundin, über Georgien, die Türkei und den Balkan, danach zurück über den Iran und Armenien. Eine neue Arbeit hat er schon, auch in der IT-Branche.

Für seine Stadt würde er sich Feiern wie die bei der WM öfter wünschen. Im kommenden Sommer sollte es ein Fest geben, findet er - "das an die Freude dieser WM-Tage erinnert".

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Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands
Mitarbeit: Wladimir Schirokow
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