Gesichter Russlands Arina, die Sozialarbeiterin

Arina Smirnowa hätte Karriere machen können. Sie entschied sich, in ihren Heimatort in der Kaliningrader Region zurückzukehren, um sich um Jugendliche zu kümmern. Die bauten mit ihrer Hilfe einen Jugendklub auf. Gern hätten sie in ihrem Ort mehr WM-Touristen begrüßt.

Arina Smirnowa hätte Karriere machen können. Sie entschied sich, in ihren Heimatort in der Kaliningrader Region zurückzukehren, um sich um Jugendliche zu kümmern. Die bauten mit ihrer Hilfe einen Jugendklub auf. Gern hätten sie in ihrem Ort mehr WM-Touristen begrüßt.

Foto: Ekaterina Anokhina

[STECKBRIEF]
Arina Smirnowa
27 Jahre
Tschernjachowsk, Kaliningrader Region
Sozialarbeiterin

SPIEGEL ONLINE

Einen Magnet nennen sie Arina Smirnowa. Eine, die Menschen anziehe und zusammenbringe, wie es Gleb Glewkowski ausdrückt.

Arina ist 27 Jahre alt, eine fröhliche junge Frau, die viel lacht. Sie steht im Hof vor einem orangefarbenen Gebäude mit einer Veranda aus Holz und Sprossenfenstern. Der Putz an dem Gebäude bröckelt, die Farbe ist verblasst.

Die Veranda im obschestwennij dom, zu Deutsch: öffentlichen Haus

Die Veranda im obschestwennij dom, zu Deutsch: öffentlichen Haus

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Die von außen unscheinbar wirkende Veranda ist Arinas Baby.

Sie würde es nicht so ausdrücken, spricht lieber davon, dass es das Projekt von Gleb, Anja und all den anderen ist, die sich hier treffen. Auch will sie sich erst lieber nur mit Jugendlichen und nicht allein fotografieren lassen.

"Ich bin nur so etwas wie ein Mittler zwischen den Jugendlichen und der Stadt", sagt Arina. Tatsächlich ist sie so etwas wie die Leiterin der Veranda, dem Ort, an dem sich in Tschernjachowsk, einer kleinen Stadt mit rund 40.000 Einwohnern im Kaliningrader Gebiet, Jugendliche versammeln können.

Die Eingangstür

Die Eingangstür

Foto: Ekaterina Anokhina

Viele junge Menschen verlassen Tschernjachowsk, es gibt wenig Arbeit, wenig Möglichkeiten sich auszuprobieren, miteinander ins Gespräch zu kommen. Um etwas zu erleben, fuhren früher viele Jugendliche nach Kaliningrad, etwa 90 Kilometer westlich der Kleinstadt gelegen.

Anja spielt Gitarre, sie stammt wie Arina aus Tschernjachowsk

Anja spielt Gitarre, sie stammt wie Arina aus Tschernjachowsk

Foto: Ekaterina Anokhina
Jugendliche

Jugendliche

Foto: Ekaterina Anokhina

Jetzt treffen sie sich in der Veranda, "so einen Ort gibt es selbst in Kaliningrad nicht", sagt Anja, 23 Jahre, Frisörin. Sie lebt inzwischen dort, aber am Wochenende kommt sie in ihre Heimatstadt.

Hier machen sie und die anderen zusammen Musik, spielen Gesellschaftsspiele, tanzen, basteln oder reden einfach.

Einige der Jungs sind zusammen zu den Fußballspielen der WM nach Kaliningrad ins Stadion und zur Fanzone gefahren. Arina hat es nicht geschafft: Zu viel Arbeit, sagt sie. Am Samstag findet in ihrem Ort der Tag der Jugend mit Konzerten statt.

Gern hätte sie es gesehen, wenn mehr Touristen nach Tschernjachowsk und in die anderen kleinen Städte der Region während der WM gekommen wären, "um zu schauen, wie wir hier leben". Leider seien nur wenige da gewesen und hätten sich umgeschaut.

Arina in der Veranda

Arina in der Veranda

Foto: Ekaterina Anokhina

Seit fünf Jahren gibt es die Veranda am Marktplatz, im obschestwennij dom, zu Deutsch öffentlichen Haus. Einem riesigen Haus mit einem großen Saal mit Holzstuhlreihen, rotem Samt an der Wand und einer großen Bühne im Vorderhaus. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, hinten in der kleinen Veranda haben es sich die Jugendlichen gemütlich gemacht.

Der Raum erinnert mit den bunten Wänden, den Farben, Bastelzeug, Spielen, Büchern und Klavieren ein bisschen an Erzählungen von Pipi Langstrumpf.

Spraydosen

Spraydosen

Foto: Ekaterina Anokhina
Auszeichnungen für das Projekt Veranda

Auszeichnungen für das Projekt Veranda

Foto: Ekaterina Anokhina

"Es ist hier wie eine Familie", sagt Gleb, 20 Jahre. Er macht gerade eine Ausbildung zum Elektriker, will aber eigentlich Koch werden. Gleb würde gern ins Ausland, muss aber erst einmal Englisch lernen.

Gleb

Gleb

Foto: Ekaterina Anokhina

Arina war weg, und sie entschied sich - anders als viele junge Leute in den Regionen, die in die großen Städte Russlands oder ins Ausland abwandern -, mit 20 Jahren zurückzukommen. Ihre Mutter habe das anfangs nicht ganz verstanden, "aber ich möchte meiner Stadt etwas zurückgeben, als Beispiel vorangehen", sagt die 27-Jährige.

"Das ist meine Heimat, hier ist meine Großmutter und Mutter geboren. Ich bin die dritte Generation." Nach der Schule ging sie nach Sankt Petersburg zum Studieren, Kunst. Sie blieb zwei Jahre. Sie hätte Karriere machen können, wollte eigentlich Jura studieren. Wählte dann aber den Bereich Sozialarbeit. "Es gibt Wichtigeres und Spannenderes, als das große Geld zu verdienen. Das hier macht mir sehr viel mehr Freude."

Arina spielt mit den Kindern, jeder kann in die Veranda kommen, "der Raum steht allen offen"

Arina spielt mit den Kindern, jeder kann in die Veranda kommen, "der Raum steht allen offen"

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: Ekaterina Anokhina

Was bedeutet Sozialarbeit für sie?

"Das ist kein beliebter Beruf bei uns. Die Leute denken, dass ich zu den Omas gehe, ins Altenheim oder zu Behinderten. Sozialarbeit ist aber so viel mehr, das ist das Leben, die Arbeit mit Menschen."

Arina sah, wie in ihrem Heimatort, die jungen Menschen gelangweilt rumhingen, auf der Straße, Blödsinn machten, auch mal tranken, Drogen probierten. Zusammen mit anderen verhandelte sie mit der Stadtverwaltung, die ihnen dann die Veranda zur Verfügung stellte und alle Nebenkosten zahlt. "In dem Raum können sich die Jugendlichen nun ausprobieren", sagt Arina. Sie geben Konzerte: Jazz und Hip-Hop, oder sie sprayen oder lesen einfach. Inzwischen ist das Projekt offiziell nur ihr Hobby, wie sie sagt. Arina arbeitet für die Stadt, als Beraterin.

Sozialarbeiterin Arina

Sozialarbeiterin Arina

Foto: Ekaterina Anokhina
Foto: SPIEGEL ONLINE
Fußball-WM 2018: Gesichter Russlands
Mitarbeit: Katharina Lindt; Tatiana Sutkovaja
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.