Daniel Raecke

Bilanz der WM in Russland Demokratie, die schönste Nebensache der Welt

Ohne Zwischenfälle ist die Fußball-WM zu Ende gegangen. War es also richtig, das größte Sportereignis der Welt nach Russland zu vergeben? Nein - denn es darf uns nicht egal sein, wohin sich Europas Gesellschaft entwickelt.
Fifa-Präsident Infantino (links) mit Wladimir Putin

Fifa-Präsident Infantino (links) mit Wladimir Putin

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MLADEN ANTONOV/ AFP

Gianni Infantino hat die Fußballweltmeisterschaft in Russland als die beste bezeichnet, die jemals ausgetragen wurde. Der gezeigte Sport und die Organisation seien in der Geschichte ohne Beispiel, sagte der Fifa-Präsident. Das ist zwar kein besonders wertvolles Urteil - und unabhängig ist es schon gar nicht -, sondern eher so, als würde Mark Zuckerberg Facebook als das beste soziale Netzwerk loben. Aber Infantinos Einschätzung kollidiert offenbar nicht mit dem Gefühl der meisten Fans, die die WM in Russland oder zu Hause vor dem Fernseher verfolgt haben.

Objektiv betrachtet war der Fußball bei dieser WM sicher nicht immer Weltklasse. Aber das galt auch für die Europameisterschaft vor zwei Jahren und viele andere Turniere zuvor.

Also irgendwie alles wie immer? Nein.

Denn die Weltmeisterschaft wurde in Russland ausgetragen - einem autoritären Staat ohne echte demokratische Opposition. Einem Staat, der 2014 die Krim annektierte und dessen Militär sich auch an den Kämpfen in der Ostukraine beteiligt hat.

Die Strategie der Fifa ist aufgegangen

Verglich der damalige britische Außenminister Boris Johnson die WM im März noch mit den Olympischen Nazi-Spielen von Berlin 1936, so verlief die Berichterstattung während des Turniers dann fast im normalen Trott, auch bei SPIEGEL ONLINE. Größere Vorfälle blieben aus: Keine Hooligans, keine übermäßige Staatsgewalt, keine Pyrotechnik - über den Spielabbruch bei Waldhof Mannheim gegen Uerdingen echauffierten sich viele Medien mehr als über die gesamte Weltmeisterschaft in Russland.

Damit ist die Strategie der Fifa letztlich aufgegangen: Solange der Weltverband und seine Sponsoren nicht vor laufenden Kameras mit unschönen Vorkommnissen in Verbindung zu bringen sind, ist alles andere egal. Das gelang auch, weil große Sportereignisse in Russland inzwischen an der Tagesordnung sind: Fußball-WM, Olympische Spiele, Leichtathletik-WM, Schwimm-WM, Formel 1 - all diese Events fanden in den vergangenen fünf Jahren im Reich Wladimir Putins statt.

Ob die Gastgeber solcher Sportveranstaltungen die Menschenrechte achten und freie demokratische Gesellschaften sind, ob Schwule und Lesben hier ohne Furcht vor Verfolgung leben können, das scheint nicht so wichtig zu sein - Hauptsache, die Stadien sind in gutem Zustand. Wehe aber, einzelne Sportler zeigen ähnliche Sympathie für Diktatoren wie Verbände und Funktionäre.

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und Cenk Tosun

Ilkay Gündogan, Mesut Özil, Recep Tayyip Erdogan und Cenk Tosun

Foto: Uncredited/ dpa

Dass die Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan für so viel mehr Wirbel sorgten als die von Lothar Matthäus mit Putin (oder die innige Beziehung des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach zum russischen Staatsoberhaupt), hat vielleicht mehr mit Rassismus zu tun als mit der freiheitlich-femokratischen Grundordnung. Und mit der Frage: Wer gehört zu einer Gesellschaft dazu?

Zwei sehr unterschiedliche Antworten auf diese Frage standen sich im Finale der WM gegenüber. Frankreich, das Land der Aufklärung und der universellen Menschenrechte, trifft mit seiner Mannschaft, in der sich die jahrzehntelange Kolonial- und Migrationsgeschichte des Landes spiegelt, auf Kroatien - einen kleinen Staat, dessen Spielergeneration mit der Erfahrung des Kriegs groß geworden ist, in dem sich Jugoslawien entlang ethnischer und religiöser Spaltungen zersplitterte.

Der Ausgang des Endspiels ist kein Omen für die Zukunft Europas

Das Endspiel der WM war trotzdem vor allem: ein Fußballspiel. Frankreich hat gewonnen, aufgrund der Qualität seiner Spieler. Der Ausgang des Moskauer Finales ist also kein Omen für die Zukunft Europas - genauso wenig wie das Vorrunden-Aus des DFB in einem Zusammenhang mit der deutschen Regierungskrise steht.

Das bedeutet aber nicht, dass man sich nicht die Frage stellen sollte: Was sind die Werte, die uns wirklich wichtig sind und von denen im Zusammenhang mit Özil und Gündogan immer die Rede war? Wie wichtig sind uns Demokratie und die Achtung der Menschenrechte? Es kann nur eine Antwort darauf geben: Ethnische Herkunft darf kein Wert an sich sein, an den immer mehr Europäer zu glauben scheinen.

2022 findet die WM in Katar statt. Nur zwölf Prozent der Bevölkerung des Emirats sind Einheimische, der Rest sind aus verschiedenen Teilen der Welt eingeflogene Gastarbeiter. Die "Einheimischen" sind dem Pro-Kopf-Einkommen nach die reichsten Menschen der Welt, der Rest schuftet unter harten Bedingungen auf den Baustellen des Wüstenstaats. Demokratische Wahlen gab es in Katar seit fast 50 Jahren nicht mehr.

Wird uns das in vier Jahren noch interessieren?

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