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05. Juli 2018, 06:47 Uhr

Streitpunkt Ballbesitzfußball

Wo ein Ende ist, muss auch ein Anfang sein

Aus Sankt Petersburg berichtet

Deutschland und Spanien sind bei der WM frühzeitig ausgeschieden. Weil sie Ballbesitzfußball gespielt haben, ist die allgemeine Meinung. Dabei braucht die Spielidee nur ein paar neue Elemente.

Sergio Ramos ist ein Mann fürs Grobe. Der Abwehrspieler überschreitet in Zweikämpfen schon mal die Grenzen der Fairness. Sein Siegeswille ist gewaltig, Ramos kann sehr einschüchternd wirken. Wenn er für Spanien spielt, ist aber auch seine filigrane Seite gefragt. Im WM-Achtelfinale gegen Russland spielte Ramos 184 der insgesamt 1114 spanischen Pässe. 125 davon in der gegnerischen Hälfte, kein Wunder, die Sbornaja machte irgendwann keine Anstalten mehr, ein Tor zu erzielen.

Was im WM-K.o. für Spanien endete, wirkte über weite Strecken wie eine Wiederholung des Gruppenspiels zwischen Deutschland und Südkorea. Endlose Passstafetten ohne Raumgewinn, in der Hoffnung auf Ermüdungserscheinungen beim Gegner - oder als würden die Spieler eine alte Bolzplatzregel umschreiben wollen: 500-Pässe-ein-Elfer statt Drei-Ecken-ein-Elfer. Ballbesitzfußball heißt das Zauberwort, von Josep Guardiola perfektioniert und deshalb oft auch etwas abschätzig Tiki-Taka genannt.

Spätestens mit dieser WM soll diese Taktik nun gestorben sein. Ballbesitzfußball? Nein, damit könne keine Mannschaft mehr Erfolg haben.

Diese Rechnung kann nicht aufgehen, denn auch in Zukunft wird es Favoriten und Außenseiter geben, werden defensive auf offensive Spielideen treffen. Es wird weiter Teams geben, die den Ball mehr in ihren Reihen haben, schon allein, weil es das andere Team nicht will. Wichtig ist für Spanien und Deutschland, oder im Klubfußball für Barcelona und den FC Bayern, wie dieser eindimensionalen Taktik neue Elemente hinzugefügt werden:

Tempowechsel

Wer die zweite Hälfte des Spiels der deutschen Mannschaft gegen Südkorea gesehen hat, wird sich diese Frage womöglich schon gestellt haben: Warum reagierte das DFB-Team gegen den mutiger werdenden Gegner nicht und erhöhte bei Ballgewinnen das Tempo? Weil die Überzeugung, mit dem ursprünglichen Plan erfolgreich sein zu können, betriebsblind gemacht hat.

Es gab, anders als bei Spaniens Aus gegen Russland, genügend Chancen, mit schnellem Umschaltspiel für Unruhe im Defensivverbund der Südkoreaner zu sorgen. Doch es wurde wieder zuerst quer- oder zurückgepasst, um Plan A nicht untreu zu werden. Ballbesitzmannschaften müssen, so wie es Belgien aktuell schon vormacht, schnelle Gegenbewegungen nach Ballverlusten des Gegners mehr in den Vordergrund stellen. Konter ist kein Schimpfwort.

Taktische Flexibilität

Daran anknüpfend ist für Mannschaften, die auf Ballbesitz setzen (müssen), größere Unabhängigkeit von der bevorzugten Spielidee elementar. Rhythmuswechsel, die Bereitschaft, sich auch mal zurückzuziehen, hohes Pressing abgelöst von Mittelfeld-Pressing, verschiedene Spielsysteme - all das gehört in Zukunft ins Repertoire von dominanten Mannschaften.

Höhere Bedeutung für Dribblings

Der SPIEGEL schrieb es schon vor dem Turnier: Nationalmannschaften haben es aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit schwer, komplette Spielzüge einzustudieren, die kompakte Defensivreihen auseinanderreißen können. Deshalb werden individuelle Fähigkeiten von Spielern wieder bedeutender. Das kann sich in einem Weitschuss wie von Luka Modric gegen Argentinien abbilden, wichtiger wird aber in Zukunft das Dribbling sein.

Denn wer in Eins-gegen-eins-Situationen seinen Gegenspieler ausspielen kann, schafft Räume und Lücken. Deshalb gewann Deutschland gegen Schweden, weil Timo Werner als linker Flügelspieler beide Tore mit gewonnenen Dribblings vorbereitete. Werner ist gar kein klassischer Dribbler, und mit Leroy Sané wurde der derzeit beste Spieler in dieser Kategorie gar nicht nominiert, aber daraus muss beim DFB eine dieser nach dem Aus angekündigten Veränderungen entstehen: In der Ausbildung von Jugendspielern sollten Dribblings und individuelle technische Fähigkeiten mehr Bedeutung bekommen.

Standardsituationen

Es ist schon häufiger geschrieben worden: Die WM in Russland ist das Turnier der Ecken, Freistöße und Elfmeter. So kommen Außenseiter leicht zu Toren, aber auch Ballbesitzmannschaften müssen dieser leicht zu trainierenden Spielform mehr Bedeutung beimessen. Egal ob kurz ausgeführt, eine bestimmte Passfolge zur Vorbereitung der Flanke oder flache Hereingaben - es braucht nur Ideen und einen Trainer, der das üben lässt.

Denn wer durch ein Standardtor in Führung geht, hat es auch als vermeintlich bessere Mannschaft danach leichter. Sei es durch einen aufmachenden Gegner oder weil man sich durch taktische Anpassungen selbst etwas zurückzieht und versucht, den eigenen Ballbesitz zu reduzieren.

Dann muss auch Sergio Ramos keine 184 Pässe spielen.

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