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05. Juli 2018, 13:02 Uhr

Videobeweis und Fairness

Der letzte Tanz des sterbenden Schwans

Ein Kommentar von

Die WM bietet noch einmal eine Bühne für all die Karten-Provozierer, Theaterschauspieler und Schiedsrichter-Bestürmer. Damit wird es bald vorbei sein. Der Videobeweis wird die Spieler erziehen.

Das Solo des sterbenden Schwans wurde für die legendäre Tänzerin Anna Pawlowa choreografiert und 1905 erstmals im Ballett-Tempel des Mariinski-Theaters in Sankt Petersburg aufgeführt. Der sterbende Schwan gehört zu Russland.

Wir wissen nicht, ob Jordan Henderson ein Liebhaber des Ballett-Tanzes ist. Der Kapitän des FC Liverpool gehört an sich zur eher robusten Kategorie Fußballprofi. Im Achtelfinale seiner Engländer in Moskau erwies er sich jedoch einer Pawlowa als würdig. Sein kolumbianischer Gegenspieler Wilmar Barrios hatte ihm vor einem Freistoß einen leichten Kopfstoß auf die Brust versetzt, er streifte auch noch Hendersons Kinn, eine grobe Unsportlichkeit, rotwürdig zweifellos.

Henderson jedoch sank zu Boden, als habe ihn der Göttervater Zeus persönlich mit einem Blitz niedergestreckt. Anschließend große Rudelbildung, Videobeweis, Schiedsrichter Mark Geiger zeigte Barrios die Gelbe Karte. Nur Gelb - möglicherweise auch, weil Henderson so überreagiert hatte.

Jammerlappenartiges Männergehabe

Diese Weltmeisterschaft, es dürfte die letzte Party der Schauspieler, der Schiedsrichter-Bestürmer, der Karten-Provozierer, der Heimlich-Rumschubser und Ellbogen-Ausfahrer werden. Noch gibt es sie, die theatralischen An- und Ausfälle der Spieler, Meister darin ist selbstverständlich Brasiliens Neymar.

Aber der Neymarismus, er neigt sich dem Ende. Der Videobeweis entlarvt die Profis noch auf dem Platz. Bisher leisteten die Fernsehbilder dies für den Zuschauer, jetzt auch für den Schiedsrichter. Das jähe Sinken zu Boden, das raumgreifende Herumgerolle nach einem an sich harmlosen Foul, all die Dinge, die den Schiedsrichter bei WM-Turnieren beeinflussen sollten und beeinflusst haben: Der Videobeweis macht sie zu einer lächerlichen Pose. Mehr als Spott in den sozialen Netzwerken bringt den Spielern das nicht mehr ein.

Bei dieser Weltmeisterschaft ist diese Pose noch zu sehen, die Profis versuchen es noch, weil sie es nicht anders gelernt haben. Vor allem allerdings von Spielern, die daheim in ihren Ligen noch keine große Erfahrung mit dem Videobeweis gesammelt haben. Sie beherrschen es noch, das augenrollende Bedrängen des Unparteiischen nach einer umstrittenen Entscheidung, das wilde Gestikulieren, die Unschuldspose nach einem kleinen, fiesen Tritt auf den Knöchel des Gegenspielers, all das jammerlappenartige Männergehabe, das sie über die Jahre eingeübt haben. Es ist Zeit, umzuschulen.

Der Referee im Videoraum kann nicht bestürmt werden

Man kann sicher sein: In vier Jahren, wenn alle den Umgang mit dem Videobeweis gewohnt sind, wird es von diesen Unarten viel weniger zu sehen geben. Weil auch Fußballprofis lernfähig sind. Weil sie merken: Es bringt nichts mehr. Vielleicht ist es noch besser, sich stattdessen darauf zu konzentrieren, den Ball ins gegnerische Tor zu befördern.

Die berühmte Rudelbildung, sie zeigt Wirkung, wenn da einer auf dem Platz steht, der sich einer Stampede von sechs, sieben wütenden Männern gegenübersieht. Aber die Referees in ihren kurzen Hosen im Videoraum weitab vom Stadion können sie nicht bestürmen. Und der sterbende Schwan ist für sie nichts anderes als eine Fernseh-Aufführung.

Der Videobeweis - in Klammern als Hinweis für die Bundesliga angefügt: wenn er richtig angewendet wird - macht aus ständig protestierenden, gestikulierenden, überreagierenden Theatralikern wieder Fußballprofis. Der Videobeweis ist der große Erzieher bei dieser Weltmeisterschaft. Der sterbende Schwan, er stirbt.

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