Fußballweltmeisterschaft Wie Bob Marleys Tochter Cedella Jamaika zur WM führte

Fußball ist wichtig auf Jamaika - wenn er von Männern gespielt wird. Die Reggae Girlz aber sollten vor fünf Jahren aufgelöst werden. Nun sind sie bei der WM - dank Bob Marleys Tochter Cedella.
Die Reggae Girlz vor dem Freundschaftsspiel gegen Panama (Mai 2019)

Die Reggae Girlz vor dem Freundschaftsspiel gegen Panama (Mai 2019)

Foto: Angela Weiss / AFP

Cedella Marley hatte bis 2014 noch nie von Jamaikas Fußballnationalteam der Frauen gehört. Und sie wurde auch nur zufällig auf die Reggae Girlz aufmerksam. Ihr Sohn brachte einen Flyer mit nach Hause, auf dem um Spenden für ebenjenes Team gebeten wurde.

Marley - älteste Tochter von Reggae-Legende Bob - griff zum Telefon, rief bei der Jamaica Football Federation an und erkundigte sich, was denn benötigt werde. Mit dieser Frage hatte der damalige Präsident, Horace Burrell, ebenso wenig gerechnet wie mit dem Anruf selbst. Er war gerade im Begriff, das Team aufzulösen - wie er es einige Jahre zuvor schon mal getan hatte. Die geringen finanziellen Mittel des Verbands sollten komplett den Männern zukommen. Doch da Marley hörbares Interesse am Frauenteam hatte, empfahl Burrell ihr, sich nicht nur als Sponsor zu engagieren, sondern auch als Botschafterin, die das Team und das Programm bekannt machen solle. Und dann ist alles ganz schnell gegangen.

Die 51-Jährige ist Vorstandsvorsitzende von "Tuff Gong", dem Plattenlabel ihres Vaters. Der hatte 1977 das Lied "Three Little Birds" veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: "Mach' dir keine Sorgen. Denn alles wird gut." Dank Cedella Marley ist für die Reggae Girlz wirklich alles gut geworden. Sie haben sich im Oktober 2018 als erste karibische Nation für eine WM der Frauen qualifiziert. Jamaika ist in der Weltrangliste auf Platz 53. Keiner der 23 anderen WM-Teilnehmer wird tiefer geführt. Auftaktgegner ist am Sonntag Brasilien (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF).

"Mach, was immer du willst"

Als die Reggae Girlz die WM 2015 verpasst hatten, übergab Verbandspräsident Burrell die Geschicke des Teams komplett an Marley. "Mach, was immer du willst", sagte er.

Eine erste Maßnahme war ein Gespräch mit Hue Mienzes. Der war bei der verpassten WM-Qualifikation Assistenztrainer gewesen und wurde nun von der Botschafterin zum Chefcoach befördert. "Hue, ich möchte etwas verändern", hatte sie ihm gesagt. Und es gab viel zu verändern. Mienzes hatte noch Zeiten miterlebt, in denen es den Spielerinnen an einfachsten Dingen wie Schuhen oder Sport-BHs mangelte.

Marley nahm eigenes Geld in die Hand, spielte mit ihren Brüdern, Damian und Stephen, einen Song ein - und nutzte ihre guten Beziehungen, um Freunde und Bekannte zu Spenden zu animieren. So konnten unter anderem Trainingslager finanziert werden.

Cedella Marley posiert mit den Reggae Girlz

Cedella Marley posiert mit den Reggae Girlz

Foto: Angela Weiss / AFP

Doch es gab auch Rückschläge. Marley musste feststellen, dass Fußball in ihrer Heimat bei vielen potenziellen Geldgebern kein Standing hat - wenn er von Frauen gespielt wird. Sie bekam Sätze zu hören wie: "Ihr seid Girls, ihr solltet keinen Fußball spielen", sagte Marley dem Fernsehsender ESPN. Und mit jeder dieser Aussagen sei sie wütender geworden. Marley wurde klar, dass nicht fehlendes Geld das Problem war, sondern Sexismus.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Olivia Grange gemacht. "Es ist schwierig, Sponsoren davon zu überzeugen, Sportlerinnen finanziell zu fördern", sagt Jamaikas Ministerin für Sport, Kultur, Unterhaltung und Gender-Angelegenheiten. "Warum tun wir uns so schwer, unsere Athletinnen zu unterstützen?", fragte die Tageszeitung "Jamaica Star" Mitte Mai. Die Spielerinnen seien schließlich talentiert und hätten "uns stolz gemacht." Es wurde der Vergleich zu den Reggae Boyz bemüht, der Männernationalmannschaft, die sich 1998 zum bislang einzigen Mal für eine WM qualifiziert hatte. Alle in Jamaika seien damals "vor Stolz geplatzt". Dass die Reggae Girlz um Zuneigung kämpfen müssten, sei "ein Rätsel und enttäuschend", so das Blatt.

Doch es scheint sich etwas zu bewegen. Durch die erfolgreiche WM-Qualifikation, sagte Menzies, seien mittlerweile nicht nur der Verband und die Regierung "auf den Erfolgszug aufgesprungen", sondern auch Sponsoren.

Khadija Shaw (r.) spielt in der kommenden Saison in der französischen Liga

Khadija Shaw (r.) spielt in der kommenden Saison in der französischen Liga

Foto: Angela Weiss / AFP

"Unser Programm", sagt Marley, "ist so viel mehr als Fußball. Es hat zu Stipendien geführt und kann Türen zu großen Karrieren öffnen." Zum Beispiel bei der wohl besten Spielerin, Khadija Shaw. Sie konnte an der Universität von Tennessee studieren, weit weg von ihrer Heimatstadt Spanish Town. Dort waren drei ihrer sieben Brüder Bandenkriminalität zum Opfer gefallen, im August 2018 wurde ein Cousin erschossen. Auf dem Weg vom Training nach Hause habe sie stets Verbrechen gesehen, sagt Shaw.

Mit 19 Toren war sie die erfolgreichste Schützin in der Concacaf-WM-Qualifikation. Vor wenigen Wochen unterzeichnete die Stürmerin als erste Fußballerin aus der Karibik einen Vertrag mit Nike. Und im WM-Teamhotel unterschrieb sie kürzlich einen weiteren Vertrag - beim französischen Erstligisten Girondins Bordeaux.