Argentiniens Einzug ins Viertelfinale Zehn Kämpfer und ein Zauberer

Beim 2:1-Sieg gegen Australien musste Argentinien am Ende zittern. Die Albiceleste gab das Spiel aber nicht aus der Hand, weil die Mannschaft immer mehr zusammenfindet – und Messi einfach Messi ist.
Mehr als nur Lionel Messi: Argentinien hat sich im Verlauf der WM gesteigert

Mehr als nur Lionel Messi: Argentinien hat sich im Verlauf der WM gesteigert

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Francois Nel / Getty Images

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Eingekesselte Außenseiter: Das Ahmad-bin-Ali-Stadion war am Samstagabend in Blau und Weiß getaucht. Das ganze Stadion? Nein. Ein kleiner Fanblock leistete Widerstand. Rund 3000 Australier versammelten sich hinter dem Tor, versuchten, gegen die argentinische Übermacht anzuschreien. Und waren ganz nah dran, als Lionel Messi wieder mal Lionel-Messi-Dinge machte. Im Strafraum legte Nicolás Otamendi den Ball etwas unfreiwillig auf Messi ab, der mit viel Gefühl an mehreren Verteidigern vorbei ins linke untere Eck einschob. Wie immer bei dieser WM jubelte Messi ausgiebig – dieses Mal direkt vor den australischen Fans. Mindestens einer streckte ihm den Mittelfinger entgegen, Messi wird's verkraften.

Waren in der Unterzahl: Australier in Doha

Waren in der Unterzahl: Australier in Doha

Foto: BERNADETT SZABO / REUTERS

Das Ergebnis: Argentinien besiegte Australien 2:1 (1:0) und zieht ins Viertelfinale ein. Hier geht's zum Spielbericht.

Heimvorteil? Im Stadion war es dermaßen laut, dass man das Spiel auch in Buenos Aires hätte verorten können. Australiens Trainer Graham Arnold wusste das – und dennoch drehte er den Spieß vor dem Spiel einfach um. »Wir sind mit den Bedingungen vor Ort sehr gut vertraut«, sagte Arnold. Aus gutem Grund. Während Argentinien die Qualifikation für Katar mühelos schaffte, taten sich die Australier schwerer. Am Ende brauchten sie zwei Ausscheidungsspiele, rangen die Vereinigten Arabischen Emirate nieder und besiegten Peru im Elfmeterschießen. Beide Partien fanden in Doha statt.

Erfolgsrezept: Damit nicht genug. Der Sieg gegen Peru ließ Arnold träumen. »Wir kennen den südamerikanischen Fußball.« Nun sind die Peruaner nicht mit Fußballgroßmacht Argentinien zu vergleichen, Arnold hat seiner Mannschaft aber einen klaren Plan mit an die Hand gegeben. Der war nicht spektakulär, aber ging lange auf. Australien stand tief, ließ sich nicht locken von den Argentiniern. Die Südamerikaner hatten vorne so gut wie keinen Platz zum Kombinieren. Australien wagte sich eher aus Versehen in die gegnerische Gefahrenzone – und hatte dennoch eine Möglichkeit. Nach einer Ecke köpfte Harry Souttar aufs Tor, traf dabei aber direkt Keeper Emiliano Martínez (29. Minute). Die einzige argentinische Chance hatte Leo Messi (35.). Und weil Messi nicht Harry Souttar ist, ging Argentinien mit einer Führung in die Kabine.

Und wieder ist der Ball drin: Lionel Messi nach seinem Treffer

Und wieder ist der Ball drin: Lionel Messi nach seinem Treffer

Foto: Alessandra Tarantino / AP

Atlético Argentinien: Die Albiceleste spielte nicht die Sterne vom Himmel. Aber womöglich muss sie das gar nicht. Sie hat immer zehn disziplinierte Teamplayer auf dem Platz. Etwa den jungen Enzo Fernández, 21, der im zentralen Mittelfeld Kilometer frisst und Gegner abprallen lässt. Oder Alexis Mac Allister, gestählt bei Brighton in der Premier League. Hinten wacht der routinierte Nicolás Otamendi, der wie Fernández bei Benfica Lissabon spielt und unter Roger Schmidt in dieser Saison noch kein Spiel verloren hat. Sie alle machen ihren Job. Und Messi darf sich austoben. Ein wenig erinnert Argentinien an Atlético Madrid unter Diego Simeone, der argentinischen Trainerlegende.

Gesteigert: Nach der Auftaktpleite gegen Saudi-Arabien waren die Argentinier angezählt. Danach legten sie eine Schippe drauf. Sie besiegten Mexiko in einem schwachen Spiel 2:0. Sie ließen beim 2:0 gegen Polen keine einzige Chance für Robert Lewandowski zu. Und sie traten auch gegen Australien lange souverän auf. Julián Álvarez legte in der zweiten Hälfte das 2:0 nach. Ein irdischer Treffer, entstanden aus Fleiß und Glück. Australiens Keeper Mathew Ryan versuchte – warum auch immer – im Strafraum zu dribbeln. Álvarez und Rodrigo de Paul passten auf. Sie liefen den Keeper an, machten die Meter, die sie in einem Messi-Team machen müssen. Und Ryan verlor die Nerven, er verstolperte den Ball, Álvarez bedankte sich.

Kurz gezittert: Dann aber glichen die Australier wie aus dem Nichts aus. Ein abgefälschter Schuss von Craig Goodwin landete im argentinischen Kasten, die Fifa wertete den Treffer als Eigentor von Fernández (77.). Machte Argentinien hier etwa die DFB-Elf nach, die in schöner Regelmäßigkeit Spiele aus der Hand gibt? Fast. Erst dribbelte Aziz Behich in Messi-Manier durch den ganzen Strafraum, sein Schuss wurde in letzter Sekunde noch von Lisandro Martínez geklärt. Dann wurde es dramatisch. In der siebten Minute der Nachspielzeit kam Garang Kuol im Strafraum an den Ball. Der 18-Jährige schoss aus der Drehung – und Martínez parierte in Weltklassemanier. Kuols Blick danach war herzzerreißend.

Garang Kuol nach seiner Chance

Garang Kuol nach seiner Chance

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GLYN KIRK / AFP

1000 und (mindestens) eine Nacht: Beim Sieg gegen Australien stand Messi zum 1000. Mal als Fußballprofi auf dem Rasen. Dabei gibt es sogar für den großen Dribbler noch Premieren. So erzielte er – man glaubt es kaum – seinen ersten Treffer in einem WM-K.o.-Spiel. Sein 1001. Spiel bestreitet Messi am Freitag gegen die Niederländer. Doch gegen die Elftal soll freilich nicht Schluss sein. Ganz Argentinien blickt schon auf den 13. Dezember. Dann würde Argentinien sein Halbfinale bestreiten. Möglicher (und wahrscheinlichster) Gegner dann: Brasilien.

Anmerkung: In einer früheren Version des Texts war der Vorlagengeber für das Tor von Lionel Messi falsch angegeben. Wir haben den Fehler korrigiert.

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