Irans Stürmer Mehdi Taremi Einfluss vom Regime? »Wir stehen nicht unter Druck«

Das Schweigen der iranischen Fußballer bei ihrer Nationalhymne gegen England war international als Geste des Protests bejubelt worden. Torschütze Mehdi Taremi aber will nun nicht mehr »über Politik reden«.
Mehdi Taremi im Training

Mehdi Taremi im Training

Foto: FADEL SENNA / AFP

Irans Fußballnationalspieler Mehdi Taremi spürt nach eigener Aussage keinen Einfluss vom Regime. »Wir stehen nicht unter Druck«, antwortete der Angreifer auf die Frage, ob die Regierung im Heimatland bei der WM in Katar auf die Mannschaft einwirkt: »Ich will nicht über politische Dinge reden. Wir sind hierhergekommen, um Fußball zu spielen. Ich kann nichts ändern.«

Aufgrund der »ganzen Probleme war das kein Fußball«, sagte Taremi, der mit dem »Team Melli« zum Auftakt 2:6 gegen England verloren hatte. Daher »beginnt die Weltmeisterschaft für uns erst jetzt«, erklärte der Stürmer vom FC Porto: »Es gibt noch sechs Punkte, wir wollen unsere Fans glücklich machen.«

Es gebe »keine bessere Atmosphäre, um zurückzufinden«, sagte Irans Trainer Carlos Queiroz vor dem zweiten Gruppenspiel gegen Wales am Freitag (11 Uhr MEZ/ARD und MagentaTV): »Es ist eine großartige Gelegenheit für uns.« Die Mannschaft sei »zurück auf unserem Weg« und habe wieder »Spaß am Fußball«.

Sportler sind wichtiger Teil der Protestbewegung

Queiroz’ Spieler hatten vor der Partie gegen England die Proteste im eigenen Land unterstützt, indem sie bei der Nationalhymne demonstrativ schwiegen. Das iranische Staatsfernsehen unterbrach die Übertragung. Danach gab es Befürchtungen, den Spielern könnten in der Heimat Konsequenzen drohen. 

Seit dem Tod der 22 Jahre alten Kurdin Jina Mahsa Amini nach ihrer Verhaftung durch die Sittenpolizei Mitte September wird Iran von Protesten erschüttert. Die Führung schlägt die Proteste brutal nieder. Mehr als 300 Menschen sollen schon gestorben sein, mehr als 10.000 in Gefängnissen sitzen. Auch zahlreiche Sportlerinnen und Sportler schlossen sich den Protesten an. 

Während aktuelle Spieler aus der iranischen Liga und Fußballlegenden wie die früheren Nationalspieler Ali Daei und Ali Karimi sich früh den Protesten angeschlossen hatten, hatten sich die aktuellen Auswahlspieler allerdings lange mit Solidaritätsbekundungen zurückgehalten. Einzig Bayer Leverkusens Sardar Azmoun hatte am Rande eines Trainingslagers im September deutlich Stellung bezogen. »Schämt euch, wie leichtfertig Menschen ermordet werden«, schrieb er. Und: »Lang leben die iranischen Frauen!«

Die anderen positionierten sich zunächst gar nicht oder aus Sicht der Anhänger allenfalls halbherzig. In der Heimat ist das Team vor der WM dafür heftig in die Kritik geraten. Fans warfen den Spielern vor, sich nicht wenigstens entschieden von der Gewalt des Regimes zu distanzieren – wenn sie die Proteste schon nicht unterstützen wollten. Für zusätzlichen Ärger sorgte ein Besuch bei Staatspräsident Ebrahim Raisi kurz vor der Abreise nach Katar.

Beobachter gehen davon aus, dass die Spieler wegen ihrer Popularität in der Bevölkerung massiv unter Druck gesetzt werden. Einigen von ihnen folgen in den sozialen Medien mehrere Millionen Menschen.

Aus sportlicher Sicht benötigt Iran an diesem Freitag gegen Wales einen Sieg, um noch das Achtelfinale erreichen zu können.

ara/sid
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