Kanadas 0:1-Pleite gegen Belgien Mehr als eine Eishockeynation

Die jungen Kanadier spielten gegen Belgien mitreißenden Offensivfußball, im Zentrum sorgte ein 39-Jähriger für Stabilität. Nur die Effizienz fehlte. WM-Mitfavorit Belgien profitierte vom fragwürdigen VAR.
Alphonso Davies (r.), hier gegen Michy Batshuayi, zeigte eine starke Leistung, vergab aber auch einen Elfmeter

Alphonso Davies (r.), hier gegen Michy Batshuayi, zeigte eine starke Leistung, vergab aber auch einen Elfmeter

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Ronald Wittek / EPA

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Zu wenig Zielwasser: Kanada spielte Belgien in der ersten Hälfte phasenweise an die Wand und erarbeitete sich 14 Abschlüsse. Mehr als jedes andere Team bislang bei dieser WM. Nur die Präzision fehlte, auch bei der größten Chance. Nach einem Handspiel von Belgiens Yannick Carrasco im eigenen Strafraum schnappte sich Alphonso Davies den Ball. Der Flügelspieler vom FC Bayern ist der größte Star Kanadas – in der Bundesliga bislang aber nicht als Elfmeterschütze in Erscheinung getreten. Das merkte man dem 22-Jährigen an. Viel zu lässig schob er den Ball in Richtung Tor, Thibaut Courtois parierte (10. Minute) – und für Kanada geht das Warten weiter. Bislang waren die Nordamerikaner erst bei einer WM dabei, 1986 war das. Damals blieben sie punkt- und torlos, diesen Makel konnten sie nicht beseitigen.

Ergebnis: Belgien gewann trotz durchwachsener Leistung 1:0 (1:0) gegen Kanada. Hier geht's zum Spielbericht.

WM-Dauerbrenner: Was der kanadischen Mannschaft an Turniererfahrung fehlt, macht der Trainer mehr als wett. Der Engländer John Herdman – selbst nie höherklassig erprobt – führte zweimal das neuseeländische Frauennationalteam zu einer Weltmeisterschaft, 2015 gelang ihm dasselbe noch mal mit Kanada. Damals stieß er sogar bis ins Viertelfinale vor, 2018 übernahm er dann die Männer. Ob mit diesem Team ähnliche Erfolge möglich sind? Ungewiss. Herdman jedenfalls war zufrieden. »Wir haben gezeigt, dass wir zurecht hier sind«, sagte er nach dem Spiel. Einen Rekord kann dem gelernten Lehrer aber jetzt schon niemand mehr nehmen: Nie zuvor führte ein Trainer sowohl eine Frauen- als auch eine Herrennationalelf zu einer WM.

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Die erste Hälfte: Kanada spielte mit viel Wucht nach vorne. Die schnellen und jungen Davies, Tajon Buchanan und Jonathan David stellten die in die Jahre gekommene belgische Dreierkette mit Leander Dendoncker, Toby Alderweireld und Jan Vertonghen vor Probleme. Nur am Abschluss haperte es, nicht nur beim verschossenen Strafstoß. Und so kam es, wie es kommen musste: Michy Batshuayi nutzte kurz vor der Pause Belgiens erste richtig gute Chance zur Führung (44.).

Videoärger: Einen Strafstoß hat Kanada bekommen, ein zweiter und ein dritter wurde ihnen verwehrt. Zunächst foulte Vertonghen Buchanan im Strafraum. Das Schiedsrichterteam um Janny Sikazwe sah den Angreifer aber im Abseits, eine krasse Fehlentscheidung, weil der Ball nicht von einem Kanadier, sondern von einem Belgier kam (21.). In der 38. Spielminute zog dann Richie Lareya in den Strafraum, der Ex-Dortmunder Axel Witsel kam zu spät, zog den Kanadier am Trikot und trat ihm unten in die Füße. Erneut entschied Sikazwe auf Weiterspielen. Beide Male korrigierte der Videoassistent die Fehlentscheidung nicht.

Wenn die Topstars schwächeln: Kevin De Bruyne, Eden Hazard, Romelu Lukaku. Die Belgier schwärmen seit mehr als zehn Jahren von ihrer »Goldenen Generation«. Auf den ganz großen Wurf wartet der WM-Dritte von 2018 aber weiter. Nach dem Auftakt deutet wenig darauf hin, dass es dieses Jahr mit dem Titel klappt. Manchester Citys Spielmacher De Bruyne tauchte gegen Kanada ab, spielte Fehlpass um Fehlpass. Hazard zeigte nichts, was darauf hindeutet, dass er im Nationaltrikot seine jahrelange Formkrise würde abschütteln können. Und Lukaku verfolgte das Spiel angeschlagen von der Tribüne aus.

Haderte mit seiner Leistung: Kevin de Bruyne im Gespräch mit Roberto Martínez

Haderte mit seiner Leistung: Kevin de Bruyne im Gespräch mit Roberto Martínez

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Catherine Ivill / Getty Images

Der kanadische Krieger: Nur ein Spieler im aktuellen Kader Kanadas war bereits geboren, als Kanada 1986 zum ersten Mal bei einer WM-Endrunde dabei war: Kapitän Atiba Hutchinson. Der 39-Jährige ist nun der zweitälteste Feldspieler, der jemals bei einer WM auf dem Platz stand. Nur der Kameruner Roger Milla war 1994 mit 42 Jahren älter. Vor dem Spiel schwor Hutchinson seine Mannschaft leidenschaftlich ein – gestützt auf ein Schwert mit der Inschrift »Nihil timendum est«, auf Deutsch: »nichts zu fürchten«. Das Schwert hatten die Kanadier auch schon bei den Qualifikationsspielen dabei, in Costa Rica wurde es einmal konfisziert, prompt verlor Kanada nach 17 Spielen in Folge ohne Pleite. Gegen Belgien lief Hutchinson ohne Schwert auf, zeigte bis zu seiner Auswechslung in der 58. Minute dennoch eine kämpferisch tadellose Leistung.

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Die zweite Hälfte: Belgien zog sich weiter zurück, fand aber nur mühsam ins Spiel. Kanada war aggressiver, erneut fehlte aber die Kaltschnäuzigkeit. Während Kanada im Eishockey seit Jahrzehnten dominiert und bislang 27 Mal Weltmeister wurde, besitzen die Kanadier als Fußballnation noch den Status eines Entwicklungslandes. Die Entwicklung zeigt aber in die richtige Richtung, auch wenn den Nordamerikanern im Wüstenstaat am Ende die Kraft für den Ausgleich fehlte.

So geht's weiter: Auch wenn es gegen Belgien knapp nicht reichte, mit einer ähnlichen Leistung ist am Sonntag (17 Uhr) gegen Kroatien, das beim 0:0 gegen Marokko enttäuschte, das erste Tor der kanadischen WM-Geschichte möglich. Belgien kam mit einem blauen Auge davon und kann gegen Marokko (Sonntag, 14 Uhr) zeigen, dass es auch ohne Schiedsrichterhilfe gewinnen kann.

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