Die WM als Selbstversuch Wie ich 24 Spiele live im Stadion erlebt habe

Ein Plausch mit Jürgen Klinsmann, immer wieder Coldplay zur Halbzeit, große Geschichten auf dem Rasen: Unser Autor hat zwei Spiele pro Tag konsumiert. Leidet er jetzt an einer Überdosis?
Aus Katar berichtet Günter Klein
Eröffnungsshow bei Iran gegen USA: »Jedes Spiel kommt von der Stange«

Eröffnungsshow bei Iran gegen USA: »Jedes Spiel kommt von der Stange«

Foto: Ali Haider / EPA

Vor dem elften Spiel stellt sich zum ersten Mal die Sinnfrage: Warum muss ich an einem Samstagmittag eine Begegnung zwischen Tunesien und Australien sehen? Den letzten Medien-Shuttle ins Al Janoub Stadium verpasse ich knapp, es wäre die Gelegenheit, den Selbstversuch abzubrechen. Doch dann kämpfe ich um dieses Spiel am anderen Ende der Stadt: hastige Fußmärsche über glühenden Asphalt, zwei Metro-Fahrten, einmal Fanbus. Ich schaffe es rechtzeitig.

Die Serie hat gehalten. Und sie hielt bis zum vergangenen Freitagabend. Schweiz gegen Serbien war mein letztes Vorrundenspiel der WM. Nummer 24.

Warum guckt Jürgen Klinsmann Südkorea gegen Ghana?

Bei Südkorea–Ghana, Spiel Nummer 15, saß ich zufällig neben Jürgen Klinsmann, der ehemalige Bundestrainer arbeitet für die Technical Study Group der Fifa. Er sagte pflichtschuldig: »Zwei Spiele am Tag sehen zu können, das ist eine Gelegenheit, die es nie wieder geben wird. In vier Jahren werden wir nur im Flieger sitzen.« 2026 wird die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko stattfinden, in drei Ländern, von denen zwei zu den flächengrößten der Erde zählen. 2014 in Brasilien war ich bei sieben Spielen, ausschließlich den deutschen, mehr ließen die Distanzen nicht zu. Jetzt steigt das Turnier in einer einzigen Stadt mit schnellen U-Bahnen und breiten Autobahnen, in Doha. Die Fifa erlaubte es, sich für zwei Spiele pro Tag zu akkreditieren oder – wenn man als Fan hinreist – Karten zu kaufen.

Ich wollte herausfinden: Kann man das durchziehen? An zwölf Tagen hintereinander zwei Spiele? Oder wird auch der beste und am prominentesten besetzte Fußball zur Überdosis?

Ich erlebte live, wie Irans Spieler bei der Nationalhymne die Lippen geschlossen hielten. Ich war dabei, als Argentiniens Überlegenheit gegen Saudi-Arabien zerbröselte (Nummer drei). Ich saß auf der Tribüne, als Spanien Costa Rica 7:0 filetierte (Nummer sechs) und der Brasilianer Richarlison sich gegen die vierschrötigen Serben den Ball zum Seitfallzieher selbst auflegte (Nummer acht). Es geschah vor meinen Augen, dass Niklas Füllkrug die deutsche Mannschaft weiterleben ließ (Nummer 14). Ich sah im Lusail Stadium Cristiano Ronaldo gockeln, als wäre der Treffer von Bruno Fernandes seiner gewesen (Nummer 16). Meine Augen waren auf die Szene gerichtet, in der Lionel Messi den sich zu einer Entschuldigung für ein Foul heranwanzenden Robert Lewandowski spüren ließ: Du spielst nicht in meiner Liga (Nummer 18). Ich erlebte den an sich selbst verzweifelnden Belgier Romelu Lukaku eine Glasscheibe zerdeppern (Nummer 21) und Japan im historischen Millimeterglück gegen Spanien (Nummer 22). Große Geschichten.

Brasilien bejubelt Richarlisons Traumtor: »Große Geschichten«

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Foto: NELSON ALMEIDA / AFP

Doch sie verblassen schnell, weil schon die nächste volle Aufmerksamkeit für sich einfordert. Am Nachmittag dominierten die Eindrücke von Argentinien-Bezwinger Saudi-Arabien die Gefühlswelt, die Sätze des Siegtorschützen, der in jedem Satz Gott erwähnt, hallen nach – und ein paar Stunden später ist dann schon Kylian-Mbappé-Show bei Frankreich–Australien (Nummer vier). Auch die Story, dass für die Schweiz gegen Kamerun der in Yaoundé geborene Breel Embolo den Sieg ermöglicht (Nummer sieben), ist so wuchtig, dass sie sich ein, zwei Tage setzen müsste – doch am Abend wird sie von den Tränen Neymars weggespült, als er mit dickem Knöchel das Spielfeld verlassen muss.

Die immer gleiche Show

Ab der zweiten Woche ringe ich in Gedanken um die Rekonstruktion der ersten Woche und meines ersten Spiels. Erst der WM-Kalender bringt die Erinnerung zurück: England–Iran, natürlich, 6:2. Vielleicht wird das Vergessen dadurch befördert, dass viele Partien nicht mehr unterscheidbar sind. Das liegt an der Fifa und an Katar. Der Weltverband hat ein Skript für alle Matches geschrieben. Was auf dem Rasen geschieht, wird eingebettet in die immer gleiche Show: Volunteers fahren einen überdimensionierten World Cup in den Mittelkreis, es wird dunkel, es gibt ein Feuerwerk, vor dem Spiel dröhnen die WM-Hits aus den Boxen, in der Halbzeitpause kommt erst das Sternenlied von Coldplay, dann treten DJs vor den Fanblöcken auf. Jedes Spiel kommt von der Stange, was beim Publikum wohliges Erstaunen auslöst, das sich in Ahs und Ohs artikuliert.

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Fußball-WM in Katar: Die Stadien

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David Ramos / Getty Images

Dazu kommt die Verwechselbarkeit der Stadien. Von den acht haben das mächtige Lusail Iconic, das in der Wüste platzierte Beduinenzelt Al-Bayt, der originelle Containerbau 974 und das etwas ältere und auch für die Leichtathletik verwendete Khalifa Stadium einen eigenen Charakter. Doch Al Ahmad, Al Janoub, Al Thumama und Education City sind etwas kleinere Klone des Konzepts Allianz-Arena, Nuancen bieten lediglich die Fassaden. Der Weg zu ihnen führt nicht durch gewachsene Wohnsiedlungen mit Cafés am Wegesrand, sondern über Parkplatz-Niemandslandschaften. Ein Spiel verbindet sich nicht mehr mit seiner Umgebung. Und es ist immer gutes Wetter, es gibt keinen Regenguss über einem Trainer wie 2014 im brasilianischen Recife über Joachim Löw.

Ich kann die Spiele und Stadien nicht mehr in allen Fällen zusammenführen. Mit Spiel 15 war ich mindestens einmal in jeder Arena. Wie viele Mannschaften habe ich gesehen? Ich glaubte lange, Marokko verpasst zu haben. Aber nein, ich war bei Kroatien–Marokko (Nummer fünf). Kanada und Mexiko fehlen, die Niederlande auch. Aber ich gehe zu ihrem Achtelfinale. Ich werde 30 von 32 Mannschaften gesehen haben. Am großen Buffet habe ich also nur zwei Teilchen nicht angerührt.

Nach einer Woche fühlte ich mich müde und pappsatt, im Lauf der zweiten Woche wieder leichter. Japan gegen Spanien flutete mich mit Adrenalin. Es geht jetzt wieder.

Ab dem Achtelfinale darf man nur noch zu einem Spiel am Tag. Das sind aber immer noch zehn Möglichkeiten. Ich kann auf 34 Spiele kommen, mehr als die Hälfte des kompletten WM-Programms, und mit den opulenten Nachspielzeiten  sind es ohnehin mehr. Ein weiteres, das die offizielle Zahl auf 35 erhöhen würde, habe ich gleich am Anfang verspielt. Das um einen Tag vorgezogene Eröffnungsspiel sah ich lediglich auf dem Fan-Festival. Konkretes dazu habe ich vergessen.

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