Thomas Beschorner

Fußball-WM Was wir aus dem Katar-Debakel lernen müssen

Thomas Beschorner
Ein Gastbeitrag von Thomas Beschorner
Aus ethischer Sicht dürfte die WM im Emirat nie stattfinden. Wie lässt sich ein solcher Fehler künftig vermeiden? Fünf Hinweise – und eine Lehre von Sepp Herberger.
Die Skyline von Doha: Hier werden die Spiele der Fußball-WM stattfinden

Die Skyline von Doha: Hier werden die Spiele der Fußball-WM stattfinden

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Yoan Valat/ dpa

Es gibt im Leben das Wesentliche und das Dringende. Und wir tendieren dazu, die dringenden Sachen anzupacken, während das Wesentliche hintangestellt wird. Das verhält sich sportpolitisch nicht anders, denn die Anberaumung einer Anhörung im Sportausschuss des Deutschen Bundestags  zu ethischen Fragen bei der Fußballweltmeisterschaft im Emirat Katar an diesem Montag (ab 13 Uhr) ist zwar begrüßenswert. Sie kommt aber fünf Monate vor dem Turnier zu spät.

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Howard Brundrett / Universität St. Gallen

Thomas Beschorner, Jahrgang 1970, ist Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen im Bereich der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Er ist unter anderem Herausgeber des Buches »Management und Verantwortung vor und nach den 90 Minuten. Ökonomisches und gesellschaftliches Handeln im Profi-Fußball«. Bei einer Anhörung des Sportausschusses des Deutschen Bundestags zu ethischen Fragen rund um die WM in Katar an diesem Montag (ab 13 Uhr) ist er als Sachverständiger bestellt. (Hier lesen Sie Beschorners Gutachten. )

Wir befinden uns in diesem Zeitfenster maximal in einer Art ethischen Reparaturmodus.

Wie wird eine diskriminierungsfreie Durchführung der WM realisiert, ist eine der dringenden Fragen in diesem sportpolitischen Reparaturbetrieb. Wie stellt Katar die nachhaltige Nutzung der neu entstandenen Stadien sicher, wäre eine andere. Und weiter: Erstattet das Emirat den Familien der verstorbenen Arbeiter »Schadensersatzleistungen«? Gibt es darüber hinaus weitere, auch symbolische Abhilfen, etwa öffentliche Entschuldigungen?

Wie werden datenschutzrechtliche und Fragen der Pressearbeit und Berichterstattung nach internationalen Standards während der WM realisiert?

Es sind diese und viele andere Themen, die in den vergangenen Jahren diskutiert wurden und kurz vor der Weltmeisterschaft (21. November bis 18. Dezember) erneut diskutiert werden dürften. Sie sind dringend, also zeitsensibel, durchaus auch nicht unwichtig. Aber: Den ethischen Kern dieser weltpolitischen Sportveranstaltung, damit also das Wesentliche, treffen sie nicht.

Denn eine Fußball-WM im Katar hätte aus ethischer Sicht nicht stattfinden sollen.

Fifa entfernt sich von Ethik und Würde

Die WM 2022 wird nicht nur »ein rauschendes Fußballfest auf den Gräbern von Tausenden Arbeitsmigranten« sein, wie die Initiative ProFans feststellte . Sie wirft darüber hinaus derart massive soziale und ökologische Fragen auf, die einen in der Gesamtschau zu der Einschätzung führen, dass sich die Fifa als Veranstalter und der professionelle Fußball insgesamt denkbar weit von Ethik und Würde entfernt haben.

Die deutsche Politik (ebenso wie die anderer westlicher Nationen) und der DFB (und andere Verbände) müssen sich vor dem Hintergrund eine wichtige Frage gefallen lassen: Warum ist eigentlich nie ernsthaft über einen Boykott der WM im Katar aus humanitären Gründen diskutiert worden, wie es unter anderem auch aus dem Fanlager angeregt wurde? Und einen Schritt weiter: Wieso haben führende Fußballnationen (andere wären gefolgt) nie ein alternatives Fußballturnier in Betracht gezogen?

»Dortmund statt Doha«  wäre mutig gewesen, keine Frage. Es wäre aber das ethisch Richtige gewesen. Frühzeitig bedacht, wäre eine solche Initiative in Anbetracht der hervorragenden Infrastruktur Deutschlands (Stadien, Mobilitätsnetze) und der ohnehin anstehenden EM 2024 in Deutschland nicht unrealistisch gewesen. Und auch wesentlich: Eine derartige – nochmals – mutige Intervention hätte massiv zur Reputation Deutschlands, des DFB und des professionellen Fußballs weltweit beigetragen. Die vielen Konjunktive – hätte, hätte, Fahrradkette – in diesem Abschnitt deuten an: Ein geopolitisches Signal ist nicht genutzt worden.

Es mag sein, dass, sobald der Ball auf der arabischen Halbinsel im November rollt, mancher Fußballfan in der Euphorie dieses schönen Sports die aktuell diskutierten Fragen zur Austragung der WM im Katar hintanstellen wird. Zugleich ist weder unter den Fans noch in der breiten Bevölkerung mit einer sozialen Akzeptanz der anstehenden WM zu rechnen. Berechtigterweise wird besagter Reparaturmodus bei den Menschen aller Voraussicht nach als schnöde Kosmetik wahrgenommen werden. Womöglich sprechen Fußballfans in ein paar Monaten deshalb über so etwas wie #WMshaming.

Die Fifa als geopolitischer Akteur

Zwischen dem Dringenden (reparieren, was noch geht) und dem Wesentlichen (keine WM im Katar) liegt die Dimension des Wichtigen und damit die Frage, was der Fußball, der Sport insgesamt und die Politik vor dem Hintergrund der Fußball-WM für die Zukunft lernen können, ja lernen sollten. Dazu fünf knappe Hinweise:

Es gilt, erstens, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Fifa ein weltpolitischer, auch geopolitischer Akteur ist, der die Geschicke unserer Zeit mitgestaltet – nicht demokratisch legitimiert, dennoch aber wirksam; nicht notwendigerweise immer zum Guten.

Arbeiter im Al-Bayt-Stadion von Doha: »Ein rauschendes Fußballfest auf den Gräbern von Tausenden Arbeitsmigranten«

Arbeiter im Al-Bayt-Stadion von Doha: »Ein rauschendes Fußballfest auf den Gräbern von Tausenden Arbeitsmigranten«

Foto: KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Damit zusammenhängend sollte, zweitens, der rechtliche Status der Fifa als gemeinnützige Organisation (formal ansässig in der Schweiz) geprüft werden. Die Bundesrepublik Deutschland könnte eine derartige rechtliche Prüfung in der Schweiz anregen.

Drittens sollten sich die Fifa und auch der DFB (sowie auch andere Sportorganisationen) von einer Rhetorik verabschieden, die Demokratisierungsprozesse durch sportliche Großveranstaltungen vermutet. Demokratisierungen und Liberalisierungen durch sportliche Großveranstaltungen, sei es im Fußball (Beispiele: Chile 1962, Argentinien 1978, Russland 2018) oder bei Olympischen Spielen (Berlin 1936, Peking 2008 und 2022) finden de facto nicht statt. Es gibt dafür keine wissenschaftliche Evidenz. Die hier von diversen Sportorganisationen vorgebrachte Argumentation, von der Fifa ebenso wie vom DFB, ist maximal von anekdotischer Evidenz. Sie wirkt als eine »Kultur der Ausrede« zur Verfolgung eigener Interessen.

Die Verantwortung der Sponsoren und Sender

Viertens erscheinen mir bei der Beobachtung verschiedener Phänomene im Profifußball die Governance-Strukturen von verschiedenen – im Übrigen tendenziell reine »Boys-Clubs« – Verbänden (Fifa, auch Uefa, teilweise auch Vereine) tiefere korrupte, wenigstens »vetternwirtschaftliche« Elemente aufzuweisen. Ist dies der Fall, so würde dies erklären, dass eine Vielzahl von moralisch fragwürdigen Entscheidungen nicht zufälliger, sondern systematischer Natur sind. Konstruktiv gewendet: Eine Verbesserung der Governance-Strukturen, besonders auch eine stärkere partizipative und demokratische Orientierung von Spitzenorganisationen im Sport könnte zu Maßnahmen führen, das Spiel wieder in den Mittelpunkt rücken.

Das Khalifa-International-Stadion in Doha: Das Spiel dauert länger als 90 Minuten

Das Khalifa-International-Stadion in Doha: Das Spiel dauert länger als 90 Minuten

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Sven Hoppe/ dpa

Fünftens: Sportliche Großveranstaltungen wie die anstehende WM finden natürlich nicht ohne massive Zahlungen durch Sponsoren und die Abgeltung von Fernsehübertragungsrechten statt. In Deutschland ist Adidas einer der Hauptsponsoren des Turniers. Die Fernsehübertragungen der WM 2022 finden in Deutschland durch Magenta TV (gehört zur Deutschen Telekom, überträgt 64 Spiele) sowie durch die ARD und ZDF statt (insgesamt 48 Spiele). Sponsoren (in Deutschland) ebenso wie die übertragenden TV-Anstalten sollten bei künftigen sportlichen (Groß-)Veranstaltungen ethischen Fragen eine stärkere Beachtung schenken und ihren wichtigen ökonomischen Einfluss gegenüber der Fifa, der Uefa, dem DFB und anderen geltend machen.

Ob es sich um Sportverbände, Politik, Sponsoren oder Fernsehanstalten handelt, wer meint, bei business as usual bleiben zu können, und weiterhin die Augen vor gravierenden ethischen Missständen verschließt, wird sich nicht nur mit einer Kritik der Verfolgung rein ökonomischer Interessen konfrontiert sehen. Man wird sich auch den Vorwurf der stillen Komplizenschaft gefallen lassen müssen.

»Das Spiel dauert 90 Minuten« ist ein bekannter Ausspruch von Sepp Herberger. Er hat sich geirrt!

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