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Frankreichs Nationalmannschaft Und niemand vermisst Ribéry

Frankreich ist eines der Überraschungsteams der WM. Der Trainer setzt aufs Kollektiv und wacht darüber, dass sich kein Spieler zu wichtig nimmt. Dabei kommt ihm der Ausfall von Bayern-Star Ribéry entgegen.

Eine bessere Steilvorlage hätte es für Didier Deschamps nicht geben können. Der französische Nationaltrainer wurde nach dem mittelprächtigen 0:0 gegen Ecuador als erstes auf die angeblich überragende Leistung des gegnerischen Torwarts angesprochen. Bei so jemandem wie Alexander Dominguez müsse man doch verzweifeln, oder?

Die meisten Trainerkollegen hätten das freudig bejaht. Schließlich wird so die eigene Mannschaft in ein gutes Licht rückt: Super gespielt, Chance um Chance erarbeitet und so weiter, aber leider war da dieser Tausendsassa im Tor.

Doch Deschamps wäre nicht er selbst, wenn er es sich so einfach machen würde. Stattdessen sagte er: "Dominguez hat gut gehalten, aber wir haben ihn auch oft angeschossen."

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WM-Achtelfinalist Frankreich: Top-Team ohne Top-Star

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Eine echte Spitzenmannschaft, das weiß auch Deschamps, stellt sich cleverer an. Andererseits: Wer hätte vor diesem Turnier gedacht, dass die Franzosen zu den wenigen Mannschaften zählen, die souverän eine Runde weiterkommen, ins Achtelfinale gegen Nigeria (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE)? In einem Turnier, in dem Top-Teams wie Italien, Spanien oder Portugal kläglich scheitern?

"Deschamps weiß, wie so ein Team zu führen ist"

Das alles wird zu Hause dankbar registriert. In einem verunsicherten Land, das die Globalisierung vor allem als Bedrohung und die eigenen Eliten zunehmend als verkommen empfindet, hatte sich 2010 auch die Nationalmannschaft in die "ras-le-bol"-Liste ("Schnauze voll") eingereiht. Damals, im südafrikanischen Knysna, waren die Spieler vor laufenden Kameras im Mannschaftsbus geblieben, anstatt zu trainieren.

Seit der Protestaktion galten die Nationalspieler als Haufen verwöhnter, abgehobener Egoisten. In einer Meinungsumfrage der Illustrierten "Paris Match" erklärten noch im vergangenen Oktober 82 Prozent der Franzosen, sie hätten eine "ungünstige" Meinung von der Nationalmannschaft.

Tatsächlich war die Aktion indiskutabel. Dass der damalige Auswahltrainer, gegen den sich die Proteste unter anderem richteten, viel zu lange vor sich hinwerkeln durfte, steht allerdings fest. Raymond Domenech hat seit seinem Ende bei den Bleus jedenfalls nie mehr einen Job gefunden. Nach dem glücklosen Laurent Blanc übernahm im Juli 2012 Deschamps die Mannschaft. Seither geht es aufwärts - nicht zuletzt, weil der 103-fache Nationalspieler darüber wacht, dass sich so etwas wie damals in Südafrika nie mehr wiederholt. "Er war Weltmeister, er weiß wie so ein Team zu führen ist", lobt Abwehrmann Bacary Sagna.

Deschamps, als Spieler der Prototyp des seriösen Vollprofis, war als Kapitän des Weltmeisterteams 1998 faktisch eine Art Co-Trainer von Aimé Jacquet. Bei der Berufung des derzeitigen WM-Kaders achtete er nach eigener Einschätzung nicht zuletzt auf die Sozialverträglichkeit: "Ich habe nicht unbedingt die besten Spieler berufen, sondern die, mit denen ich die beste Gruppe auf die Beine stellen kann."

Nach den Spielen geht es ins schmucklose Hotel

Wie getroffen er war, dass sich der am Rücken verletzte Franck Ribéry dienstunfähig meldete, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass er mit Samir Nasri einen weiteren starken Individualisten zu Hause ließ. Woraufhin dessen Freundin prompt Unfreundliches twitterte ("Fuck France and fuck Deschamps, what a shit manager"). Und siehe da, ohne Nasri und Ribéry läuft es deutlich besser als zuvor. Ribéry habe "die Rolle des Anführers eingefordert, die seit dem Abgang Zidanes vakant war", schreibt die Tageszeitung "Le Monde". "Das Problem daran ist, dass er kein guter Anführer ist." Ribéry sehe die Mitspieler als Zuarbeiter seiner selbst, nicht als Kollegen, die er optimal fördern müsse.

Dafür ist Kapitän Hugo Lloris ein Spieler ganz nach Deschamps Geschmack: Er ist als Mensch ebenso sachlich wie als Torwart. Davor spielt eine physisch starke Abwehr um den nicht eben feinmotorischen Mamadou Sakho und ein Mittelfeld um den quirligen Paul Pogba, der mit Blaise Matuidi bislang ein ebenso starkes Turnier spielt wie die vordere Reihe um Olivier Giroud, Mathieu Valbuena und Karim Benzema.

Nach den Spielen geht es jedes Mal zurück in die schmucklose Arbeiterstadt Ribeirão Preto bei São Paulo. Deschamps hat den Ort mit Bedacht ausgewählt. Bei dem Ambiente sollen die Spieler gar nicht erst auf den Gedanken kommen, sich wichtiger zu nehmen als sie sind.

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