Holland-Achtelfinale gegen Mexiko Van Gaals neuer Fußball tut weh

Louis van Gaal stand für temporeichen Fußball. In Brasilien hat sein Team mit einem defensiven Stil Erfolg. In den Niederlanden wird er für die Abkehr vom schönen Spiel kritisiert. Doch der Bondscoach hält das für Unsinn.

AP/ DPA

Aus Rio de Janeiro berichtet


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Wenn man den Erzählungen des früheren Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß glaubt, hatten die Münchner Spieler unter ihrem einstigen Coach Louis van Gaal wenig zu lachen. Streng, autoritär und einzig auf den sportlichen Erfolg fokussiert soll der Niederländer gewesen sein, menschlich "eine Katastrophe". Mit diesem Bild vor Augen mutet die Szenerie auf dem Trainingsgelände von Rio de Janeiros Vorzeigeklub Flamengo unwirklich an: Im Schatten des Corcovado mit seiner ausladenden Christus-Statue kickt sich die niederländische Nationalmannschaft ein paar Bälle zu, die Stimmung ist entspannt, einige Spieler haben Besuch von ihren Frauen und Kindern.

Auf einer Bank sitzt Robin van Persie, einer der exponiertesten Fußballer dieser Weltmeisterschaft, er hat seine Tochter im Arm und schaut zu, wie der Sohn Torschüsse übt. Am anderen Ende des Platzes steht van Gaal in kurzer Sporthose, die Hände auf dem Rücken, eine Trillerpfeife im Mund. Ab und zu pfeift er und gibt Anweisungen, er sieht dabei ein wenig aus wie ein Sportlehrer am Vorstadtgymnasium. Es fällt schwer zu glauben, dass das jener Louis van Gaal ist, von dem Hoeneß sprach.

Er ist es, daran ließ er in den vergangenen Tagen bei Pressekonferenzen keinen Zweifel aufkommen; van Gaal reckte selbstsicher das Kinn, reagierte ungehalten auf Fragen, wies Journalisten zurecht. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass Louis van Gaal eine Wandlung durchgemacht hat. Er hat sich verändert. Und der Beweis dafür liegt auf dem Platz.

Aloysius Paulus Maria van Gaal, Ritter von Oranien Nassau: Über Jahrzehnte hinweg galt er, der gelernte Sportpädagoge, als vehementer Verfechter des schönen Spiels. "Es ist nicht gut zu gewinnen und dabei schlecht zu spielen", sagte er einmal. Gut zu spielen, das war bei ihm gleichgesetzt mit hohem Ballbesitz, Kontrolle über das Mittelfeld, perfektem Positionsspiel, früher Balleroberung, Tempo und Pressing. Mit dieser Art des Fußballs gewann er 1995 mit Ajax Amsterdam die Champions League, wurde mit dem Verein 1994, 1995 und 1996 sowie 2009 mit Alkmaar niederländischer Meister, siegte mit dem FC Barcelona 1998 und 1999 in der spanischen Meisterschaft und holte 2010 mit Bayern München die Meisterschaft und den Pokal.

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Bondscoach Louis van Gaal: Ajax, Barça, Bayern, Bondscoach, ManU
Die Erfolgsgeschichte van Gaals setzt sich bei dieser Weltmeisterschaft fort, alle drei Spiele gewann die "Elftal" bislang, und viele trauen ihr in Brasilien noch mehr zu. Allein: Das, was die niederländische Nationalmannschaft in Salvador, Porto Alegre und São Paulo zeigte, hatte nur noch wenig gemein mit van Gaals schönem Spiel. Gegen Chile etwa hatten die Niederlande nur 32,9 Prozent Ballbesitz, über die Hälfte aller Pässe erreichte den Mitspieler nicht, und in drei Spielen gelangen nur vier Balleroberungen im gegnerischen Felddrittel. Stattdessen zog sich die Mannschaft in die Defensive zurück, wartete auf Kontermöglichkeiten und durfte über die Tore eingewechselter Joker jubeln.

"Wir zeigen reinen Reaktionsfußball basierend auf Verteidigung. Gerade für einen Niederländer sieht das nicht schön aus", schimpft etwa Mark van Bommel, und der frühere Mittelfeldspieler Ronald de Boer geht noch weiter: "Sein Fußball verursacht Schmerzen in den Augen. Aber van Gaal kann uns zum Weltmeistertitel führen." De Boer trifft damit den Kern: Van Gaal hat sich von seinen fußballtaktischen Grundvorstellungen zugunsten des größtmöglichen Erfolgs verabschiedet. An die Stelle von Überzeugungen ist Pragmatismus getreten.

Es ist nicht so, dass van Gaal dabei seine Ideale verraten würde, denn noch immer verlangt er von seinen Spielern Disziplin und die Unterordnung der Bedürfnisse Einzelner - zwei seiner wichtigsten Prinzipien: "Ich brauche Spieler, die dem Team dienen, in unserem System spielen und darin ihre Persönlichkeit frei entfalten. Zuerst geht es um das Gesamtbild, und erst dann um die individuelle Leistung", sagt er.

Verlust von Strootmann kompensiert

Doch er hat auch begriffen, dass er in seiner zweiten Amtszeit als Bondscoach - 2002 war er schon bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft gescheitert - den Erfolg braucht. Vor allem für sich selbst. Denn auch wenn van Gaal jede Kritik an seiner Person und seinen Leistungen an einem Panzer aus Selbstüberzeugung abprallen lässt, ist er sich selbst in seiner Eitelkeit der härteste Richter. Heimlich, selbstverständlich.

Es erscheint im ersten Moment paradox, doch gerade deshalb zeigt sich bei diesem Turnier, wie gut der Fußballlehrer Louis van Gaal tatsächlich ist. Er hat es geschafft, aus dieser Mannschaft mit jungen und wenig bekannten Spielern wie Bruno Martins Indi, Stefan de Vrij oder Terence Kongolo ein Team zu formen, für das plötzlich alles möglich scheint. Sieht und hört man die Spieler bei offiziellen Terminen, machen sie einen gut gelaunten und gelassenen Eindruck.

Vor gut einem Monat hatte daran in den Niederlanden kaum einer geglaubt. Anfang Mai war mit Kevin Strootmann erst eine wichtige Stütze für das Mittelfeld weggefallen, kurz darauf spielte die "Elftal" in Amsterdam wenig berauschend 1:1 gegen Ecuador. Was das nur werden solle in Brasilien, fragten damals die Journalisten. Van Gaal, ganz er selbst, polterte ihnen entgegen, er habe die Aufgabe, aus den vorhandenen Spielern die bestmögliche Mannschaft zu machen und dafür brauche er etwas Zeit und Ruhe; schnitzen könne er sich seine Fußballer nicht.

Fünf Wochen später verfügt er über ein Team und ein System, die flexibel aufeinander abgestimmt sind. Seinen Kritikern kann er nun entgegen halten: "Mir geht es nur ums Gewinnen. Und ich habe in meiner Karriere wahrlich genug gewonnen." Van Gaal genießt die Genugtuung, er hat sein wichtigstes Ziel in Brasilien schon erreicht.

Angst davor, dass man ihn etwa bei einer Niederlage gegen den Achtelfinalgegner Mexiko an diesem Abend (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) rausschmeißt, muss er nicht haben. Wenn er zurück nach Europa kehrt, wird Louis van Gaal Trainer von Manchester United. Es war wahrscheinlich die klügste all seiner Taktiken.

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Seite 1
ambergris 29.06.2014
1.
Sorry, die Niederlande haben bisher 10 Tore in 3 Spielen erzielt. Wer da von defensiver, unattraktiver Spielweise erzählt, versteht von dem Thema nichts.
Realist111 29.06.2014
2. ?
Zitat von ambergrisSorry, die Niederlande haben bisher 10 Tore in 3 Spielen erzielt. Wer da von defensiver, unattraktiver Spielweise erzählt, versteht von dem Thema nichts.
Genau, wie van Bommel, de Boer ... und da sind ja noch die 33 % Ballbesitz, die auch ein deutlicher Beleg für offensiven Fußball sind ...
na!!! 29.06.2014
3. es ist egal wie
Nur der Sieg zählt, nur der WM. Titel Es fragt niemand danach wie man ihn bekam. Weder Wirtschaft, Sponsoren, Verband oder Menschen......es ist wie im leben, wer gewinnt ist vorne.
ambergris 29.06.2014
4. .
Zitat von Realist111Genau, wie van Bommel, de Boer ... und da sind ja noch die 33 % Ballbesitz, die auch ein deutlicher Beleg für offensiven Fußball sind ...
Jaja, genau so wie die fünf Tore gegen Spanien... oder die drei Tore gegen Australien. In der Gruppenphase sind in Spielen mit holländischer Beteiligung 13 Tore gefallen. Das ist der höchste Wert aller Teams. Van Bommel und De Boer sollten sich mal die Spiele anschauen und nicht nur ihre veraltete Meinung wiederholen, die wohl nicht berücksichtigt, wie Van Gaal seine Spielweise angepasst hat. Womöglich sind da noch die schlechten Erfahrungen mit Van Gaal aus 2002 im Kopf.
Art Vandelay 29.06.2014
5.
Zitat von na!!!Nur der Sieg zählt, nur der WM. Titel Es fragt niemand danach wie man ihn bekam. Weder Wirtschaft, Sponsoren, Verband oder Menschen......es ist wie im leben, wer gewinnt ist vorne.
Auch wenn es keiner hören will: Fußball ist ein Ergebnissport. Wer am Ende mehr tore hat, gewinnt. Ende, Aus.
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