WM-Aus der Niederlande Im Chaos versunken

Vier Platzverweise, das hatte es in einer WM-Partie bisher noch nie gegeben. Nach dem Skandalspiel von Nürnberg sind die Niederlande im Achtelfinale an Portugal gescheitert. Vor dem Turnier noch als Titelfavorit gehandelt, steht nun vor allem Bondscoach Marco van Basten in der Kritik.

Von Pavo Prskalo


Nürnberg - Ja, auch Fußball wurde gespielt an diesem Abend. Allerdings nur selten. Der Rest der Partie zwischen den Niederlanden und Portugal bestand aus üblen Grätschen, Meckern und Rangeleien.

So kam es auch, dass nicht der portugiesische Mittelfeldspieler Maniche, der durch den einzigen Treffer in der 24. Minute sein Team ins Viertelfinale geschossen hatte, im Mittelpunkt stand, sondern ein Russe: Schiedsrichter Valentin Iwanow. Vier Spieler schickte er mit Gelb-Rot vom Platz, zudem zückte er weitere acht Gelbe Karten. Am Ende spielten Niederlande und Portugal Neun gegen Neun. Was nach Trainingskick klingt, war vielmehr ein trauriger WM-Rekord. Eine derartige Kartenflut hatte es in der Historie bei einer Endrunde noch nie gegeben.

"Es ist schade, dass der Schiedsrichter das Spiel so versaut hat", klagte der niederländische Trainer van Basten nach dem Spiel. Doch am Unparteiischen lag es mit Sicherheit nicht, dass der Titelfavorit nun die Heimreise antreten muss. Denn was van Bastens Team in der zweiten Halbzeit zu bieten hatte, war alles, nur nicht Fußball.

Hochgelobte und -bezahlte Stars wie Mark van Bommel, Wesley Sneijder oder HSV-Profi Khalid Boulahrouz ließen sich von der Hektik auf dem Platz mitreißen. Arjen Robben, nach seinem Galaauftritt in der Vorrunde gegen Serbien-Montenegro (1:0) noch als potentieller WM-Star gehandelt, ging völlig unter. Was auch daran lag, dass Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari dem Jungstar bei Ballbesitz drei Gegenspieler zur Seite stellte.

Dabei gingen die Niederlande mit einem Mann mehr in die zweite Hälfte, nachdem Costinha noch im ersten Durchgang nach seiner zweiten Gelben Karte vom Platz flog. Statt allerdings die Überzahl auszuspielen, verstrickten sich die Holländer in Zweikampf- und Rededuelle mit ihren portugiesischen Kontrahenten. Nichts war zu sehen vom Offensivfußball, den van Basten stets predigt.

Dieser hatte sich vor der Partie offensichtlich mit seinem Stürmer Ruud van Nistelrooy überworfen. Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, dass der Bondscoach van Nistelrooy, unbestritten einer der besten Torjäger der Welt, auch nach dem zweiten Platzverweis für Portugal gegen Deco (zuvor hatte Boulahrouz bereits Gelb-Rot gesehen) noch nicht einmal zum Aufwärmen schickte. Statt des Angreifers von Manchester United begann van Basten, früher ebenfalls ein Torjäger von Weltformat, mit Dirk Kuyt im Sturmzentrum. Doch dieser konnte die Erwartungen nicht erfüllen.

"Wir haben alles versucht, aber leider kein Tor geschossen. In der zweiten Hälfte haben wir keinen Fußball mehr gespielt, das war nur noch Chaos", gestand van Basten. Die größte Torchance hatte sein Team nach einem Fehler des Portugiesen Nuno Valente, allerdings traf Phillip Cocu (49.) aus sieben Metern nur die Lattenunterkante. In der Nachspielzeit musste auch noch der niederländische Verteidiger Giovanni van Bronckhorst vom Platz.

Vor allem an den beiden defensiven Mittelfeldspielern Maniche und dem nach der Pause eingewechselten Petit bissen sich die Holländer die Zähne aus. Scolari hatte seinem Gegenüber mit der Defensivtaktik ein Bein gestellt. "Dieser Sieg bedeutet viel für Portugal, es war ein heldenhafter Erfolg in einem schwierigen und harten Spiel", sagte der portugiesische Trainer.

Sein Team kann weiter vom Titel träumen, im Viertelfinale trifft es nun am Samstag auf England. Die Niederländer müssen sich gedulden. Hatten sie bei den zwei bisher großen Turnieren in Deutschland, der WM 1974 und der EM 1988, stets das Finale erreicht, ist nun Schluss. Die nächste Titelchance kommt erst 2008 bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz. Ob van Basten dann noch auf der Trainerbank sitzt, darf bezweifelt werden. Er selbst immerhin geht fest davon aus. "Wir haben unseren Weg vor zwei Jahren mit jungen Spielern begonnen mit dem Ziel Europameisterschaft 2008. Daran halten wir fest", so der 43-Jährige. Die niederländischen Zeitungen sollte der Mann in den nächsten Tagen besser nicht aufschlagen.

Portugal - Niederlande 1:0 (1:0)
1:0 Maniche (23.)
Portugal: Ricardo - Miguel, Fernando Meira, Ricardo Carvalho, Nuno Valente - Costinha, Maniche - Figo (84. Tiago), Deco, Cristiano Ronaldo (34. Simão) - Pauleta (46. Petit)
Niederlande: van der Sar - Boulahrouz, Ooijer, Mathijsen (56. van der Vaart), van Bronckhorst - van Bommel (67. Heitinga), Sneijder, Cocu (85. Vennegoor of Hesselink) - van Persie, Kuyt, Robben
Schiedsrichter: Iwanow (Russland)
Zuschauer: 41.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Nuno Valente, Ricardo, Maniche, Petit, Figo / van Bommel, van der Vaart, Sneijder
Gelb-Rote Karten: Costinha (45.+/1/Handspiel), Deco (78./Unsportlichkeit) / Boulahrouz (63./wiederholtes Foulspiel), van Bronckhorst (90.+/5/wiederholtes Foulspiel)



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