WM-Aus für DFB-Kapitän Löws Bubis sollen Ballack ersetzen

Das WM-Aus für Michael Ballack wirft die Planungen des Bundestrainers über den Haufen - doch Joachim Löw setzt auf eine Trotzreaktion: Jetzt sollen die jungen Spieler den Erfolg bringen. Im zentralen Mittelfeld läuft alles auf ein Youngster-Duo hinaus.

Aus Sciacca berichtet


Der Tag, an dem die WM-Träume von Michael Ballack platzen, beginnt in Sciacca auf Sizilien mit einem Stau. Vor der Einfahrt zum DFB-Quartier stehen die Autos in einer langen Schlange aufgereiht, es sind viele Fernsehwagen darunter. Der Himmel ist grau. Der wichtigste Spieler der Deutschen fällt für die Weltmeisterschaft aus, das ist die Nachricht, die diesen Stau verursacht hat. Vor der geschlossenen Schranke wird diskutiert, ob es überhaupt ein Syndesmoseband gibt oder ob es sich dabei nicht eigentlich um eine gallertartige Masse handelt. Und kommt jetzt Torsten Frings zurück?

Die Nachricht vom Ballack-Aus ist so groß, dass selbst italienische TV-Stationen über jedes Detail dieses traurigen Tages berichten wollen. Um 10.30 Uhr an diesem Montag hat Joachim Löw zunächst mit dem Mannschaftsarzt von Bayern München, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, telefoniert. Der Doc berichtet, dass sich Ballack beim Foul des Ghanaers Kevin-Prince Boateng einen Riss des Innenbands und einen Teilriss des vorderen Syndesmosebands zugezogen habe. Der DFB-Kapitän könne frühestens in acht Wochen wieder trainieren. Dann ist die WM vorbei.

Danach Anruf bei Ballack. Der Chelsea-Profi ist laut Löw "zutiefst enttäuscht", er habe mit aller Kraft auf die Weltmeisterschaft hingearbeitet. In Südafrika hätte er Weltmeister werden können, endlich ein großer Titel. In Frankfurt gegen Bosnien Anfang Juni hätte Ballack sein 100. Länderspiel bestritten. Hätte.

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Bänderriss beim Kapitän: WM-Aus für Ballack

Das sind die Fakten. Jetzt, zwei Stunden später, geht es schon um die Folgen. Die Autokarawane darf irgendwann die Schranke passieren, sechzig Journalisten trampeln über den grünen Rasen des Golf-Ressorts, die Nachricht ist so groß, dass es schnell gehen muss. Der DFB lässt den Bundestrainer vor die Presse treten und nicht wie geplant Teammanager Oliver Bierhoff. Merkel statt Westerwelle. Wie also geht es jetzt weiter, Herr Löw?

Die nächsten Minuten werden ein schwieriger Spagat für Löw, der die Bedeutung Ballacks würdigen und gleichzeitig optimistisch wirken will. Er nennt Ballack einen "Weltklassespieler", verweist auf die Erfolge mit dem Mittelfeldmann (" Unterzahl in Russland", "Mannschaft ist besser mit Ballack als ohne", "sehr, sehr wichtiger Spieler") - aber am Ende wird der Verlust des Kapitäns doch mit dem Hinweis auf die talentierten Matrosen relativiert. "Es wird schwierig, aber wir haben viele junge Spieler mit Potential", sagt Löw. "Auf der einen Seite ist es schade, auf der anderen Seite werden wir jetzt die Kräfte bündeln."

Er sei "nach wie vor überzeugt, dass wir ein gutes Turnier spielen können".

Vielleicht will er einfach sagen: Jetzt erst recht.

Aber wie realistisch ist dieser Optimismus? Welche Substanz hat der Verweis auf all das Talent, das in der Mannschaft schlummern soll? Wer kann Löw den Ersatz-Ballack machen?

Keine Nachnominierung geplant

Das Kandidaten-Casting wird sich auf den erweiterten Kader beschränken. "Wir planen aktuell keine Nachnominierungen", sagt der Bundestrainer.

  • Keine Chance für Torsten Frings also, dessen Verhältnis zu Löw ohnehin als gestört gilt. Auch Bierhoff schloss eine Rückkehr des Bremers am Montagabend noch einmal aus.
  • Keine Chance auch für Thomas Hitzlsperger, vor Jahresfrist noch fester Bestandteil des DFB-Teams. Der ehemalige Stuttgarter wechselte überstürzt zu Lazio Rom und fand sich auch dort nur schwer zurecht.
  • Keine Chance für den erfahrenen Tim Borowski
  • und keine Chance für die Talente Stefan Reinartz (Bayer Leverkusen) und Philipp Bargfrede aus Bremen.

Es läuft alles auf einen 23-Jährigen mit der Erfahrung von zwei A-Länderspielen hinaus. Sami Khedira vom VfB Stuttgart genießt hohes Ansehen bei Löw, "er hat sehr viel Potential", sagt der Bundestrainer. Khedira hat die U21-Nationalelf 2009 als Kapitän zum EM-Titel geführt und im September 2009 gegen Südafrika (2:0) im DFB-Team debütiert. Im Training in Sciacca wird Khedira von Löw auffallend oft gelobt, er schätzt die technischen Fähigkeiten und die Torgefährlichkeit des Stuttgarters.

Das Problem ist: Während Ballack für eine Art "Safety-first"-Mentalität steht und diese vor den vergangenen großen Turnieren stets vehement einforderte, ist Khedira immer noch zuerst ein offensiver Spieler, der auch schon mal als Linksaußen aufgelaufen ist. Der geplanten Mittelfeldzentrale mit Bastian Schweinsteiger könnte so die Balance abhanden kommen. Denn die so hochgelobte Bayern-Kombination aus Schweinsteiger und Mark van Bommel funktioniert nur deshalb so gut, weil der Holländer vor allem ein Sicherheitsbeamter ist.

Khedira und Schweinsteiger können nur harmonieren, wenn sich einer der beiden zurücknimmt. Diesen Part wird wohl Schweinsteiger übernehmen, den Löw nun "noch mehr in der Verantwortung" sieht. Der Ballack-Ersatz wäre dann Schweinsteiger - und Khedira der neue "Schweini". Auch Philipp Lahm hat schon im defensiven Mittelfeld der Nationalmannschaft gespielt, doch diese Variante würde das DFB-Team auf den Außenpositionen unverhältnismäßig schwächen.

Michael Ballack ist am Montag trotzdem nach Sizilien geflogen. "Das war sein ausdrücklicher Wunsch", so Löw. Und vielleicht begleitet der Pechvogel des DFB das Team am Ende sogar mit nach Südafrika. Auch die Engländer haben für ihren verletzten Superstar die Reise schon gebucht. Der England-Ballack heißt Beckham.

insgesamt 1426 Beiträge
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Seite 1
Thomas Kossatz 17.05.2010
1.
Das bedeutet Änderungen, die entweder eine Schwächung, oder eine Stärkung der Mannschaft bedeuten. Alles Spekulation.
hatem1 17.05.2010
2. Für Kevin-Prince
Zitat von sysopWas bedeutet Michael Ballacks Ausfall für die deutsche Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Südafrika?
Für Kevin-Prince B. bedeutet das, dass er nie wieder in Deutschland spielen wird.
Lenilensa 17.05.2010
3. Peinlich
Ich kanns gar nicht fassen, dass Ballacks Ausfall es tatsächlich in dei EILMELDUNGSREIHE des Spiegel-onlines geschafft hat! Das ist ja peinlich. Ölpest, Flugchaos und Bürgeraufstände gehören dahin. Aber Fussball, also bitte!?
dhanz, 17.05.2010
4.
Zitat von sysopWas bedeutet Michael Ballacks Ausfall für die deutsche Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Südafrika?
Schaun mer mal....
stevie76 17.05.2010
5. ..
somit werden wir zumindest nicht vize...
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