WM-Bilanz Neue Stars, neue Strategie

Stürmer wurden zu Verteidigern, Regisseure zu Statisten, Tore waren Mangelware - nur 1990 fielen weniger Treffer. Bei dieser WM dominierte die Taktik, und dennoch hat sich das Spiel weiterentwickelt, nur die Stars tragen nicht mehr die Nummer zehn.

Von , Stuttgart


Der Mann mit der Nummer neun konnte einem Leid tun. Er bemühte sich im Halbfinale gegen Frankreich immer wieder, an den Ball zu kommen, ließ sich ins Mittelfeld fallen oder begab sich an die Außenbahn, und wenn er das Spielgerät tatsächlich mal bekam, passte er es direkt weiter. Die eigentliche Aufgabe eines Angreifers aber, aufs Tor zu schießen, erfüllte er nur einmal, sein Schuss ging links am Pfosten vorbei. Der Mann mit der Nummer neun heißt Pauleta, und eigentlich ist er der erfolgreichste Stürmer in Portugals Länderspielhistorie.

Sein torloser Auftritt gegen Frankreich, das das Spiel gegen Portugal durch einen verwandelten Foulelfmeter von Zinedine Zidane mit 1:0 gewann und am Abend das Finale gegen Italien bestreitet (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) war typisch für diese WM. Wie Portugal spielten auch die Halbfinalisten Frankreich (Thierry Henry) und Italien (Luca Toni) nur mit einem Stürmer, dafür mit einem verstärkten Fünfer-Mittelfeld dahinter. Die Aufgabe der Männer in vorderster Front besteht nun nicht mehr aus dem Toreschießen, sie sind zu Vorbereitern geworden, zu Anspielstationen für die nachrückenden Mittelfeldspieler - und zum ersten Verteidiger.

Seit 1990 sind nicht mehr so wenige Tore pro WM-Partie gefallen, noch nie standen so viele Teams so kompakt. Italien hat bisher erst einen Treffer kassiert (ein Eigentor) und könnte das erste Team in der WM-Geschichte werden, das den Titel mit weniger als zwei Gegentreffern holt. Die Schweiz schaffte das Kunststück, ohne ein Gegentor auszuscheiden - im Achtelfinale scheiterten die Eidgenossen an der Ukraine im Elfmeterschießen. Frankreich ließ in bisher sechs Partien erst zwei Treffer des Gegners zu. Gleiches galt für Portugal - bis es im Spiel um Platz drei der DFB-Elf mit 1:3 unterlag.

Dieses Turnier ist keine WM der Stürmer geworden. Die Stars sind im hinteren Teil des Spielfeldes zu finden - Italiens Gennaro Gattuso, der Franzose Claude Makele oder Torsten Frings. Sie alle sind die Strategen vor der Abwehrreihe, die den gegnerischen Spielmacher ausschalten und Pässe in die Tiefe unterbinden. Trainer wie Marcello Lippi (Italien), der Franzose Raymond Domenech oder Jürgen Klinsmann gingen sogar noch einen Schritt weiter. Sie stellten den Sechsern (virtuell und real) einen ähnlich agierenden Spieler zur Seite und knüpften dank Andrea Pirlo (Italien), Patrick Vieira (Frankreich) und Michael Ballack das Netz noch engmaschiger.

Im Verbund mit herausragenden Innenverteidigern wie Fabio Cannavaro (Italien), Lilian Thuram (Frankreich) oder Per Mertesacker (ent)stand dort ein Block, der das Spiel über außen erzwang. Und Bälle werden vor allem an den Außenbahnen verloren. Vieira erzielte en passant sogar drei Tore (zwei wurden allerdings nur gezählt, das andere erkannte der Schiedsrichter fälschlicherweise nicht an). Defensiv wie offensiv starke Mittelfeldspieler sind das Metronom in Spielsystemen, die sich der Balleroberung - vor allem aber der Fehlerminimierung und der Sicherung des eigenen Tors verschrieben haben.

Trendsetter Champions League

Wer jetzt von der Pervertierung des Sicherheitsfußballs spricht, macht einen grundlegenden Fehler. Es fallen zwar weniger Tore, aber trotzdem hat sich das Spiel weiterentwickelt. Die Spieleröffnung wurde weiter nach hinten verlagert, die Innenverteidiger dieser Zeit sind keine hölzernen Zerstörer mehr, sondern mitunter sogar elegante Ballvorträger wie Ricardo Carvalho (Portugal) oder William Gallas (Frankreich), die problemlos auch einen Diagonalpass über 60 Meter an den Mann bekommen.

Und ihnen zur Seite stehen Außenverteidiger, die nur noch dem Namen nach Abwehrspieler sind. Fabio Grosso (Italien) zeigte das nicht nur im Deutschland-Spiel mit seinem Führungstreffer in der Nachspielzeit, sondern auch gegen Australien im Achtelfinale. Grosso holte den (umstrittenen) Elfmeter heraus, den Francesco Totti verwandelte. Auch Philipp Lahm, Juan Pablo Sorin (Argentinien) oder der Portugiese Miguel können weitaus mehr, als nur zu verteidigen, was sie freilich tun, wenn es die Spielsituation erfordert.

Trendsetter war bei dieser Entwicklung wieder einmal die Champions League. José Mourinho (Chelsea) und Frank Rijkaard (Barcelona) exerzierten dieses System vor. Diese neue Trainergeneration stellt das Kollektiv in den Vordergrund und das Ergebnis. Ein torreiches Spiel (vulgo: "schöner Fußball") ist dabei nicht ausgeschlossen, man braucht nur ballsichere Spieler, die Fehler des Gegners durch schnelles Umschalten und Direktspiel bestrafen. Die Klasse der WM-Halbfinalisten zeigte sich auch dadurch, dass sie fast keine Fehler machten.

Wer gegen derart kompakte Systeme noch auf zwei Stürmer setzt, muss die geeigneten Spieler dafür haben. Jürgen Klinsmann tat das, aber auch er war immer darauf bedacht, dass Lukas Podolski und Miroslav Klose in der Spitze nicht auf einer Linie und zu eng standen. Klose ließ sich deshalb oft auf die Seiten fallen oder zurück, um Anspiele direkt weiterzuleiten. Bei Ballverlust war es der Bremer, der mit zurückeilte, vorn stand allein Podolski. Man muss Klinsmann für diesen Versuch loben, dem sicheren 4-2-3-1 ein 4-4-2 entgegenzusetzen, aber im Halbfinale scheiterte er genau deshalb. Lippi hatte dank der deutschen Taktik eine Überzahl im Mittelfeld erreicht - was spielentscheidend war.

Im Finale werden sich nun zwei 4-2-3-1-Teams gegenüber stehen. Vielleicht neutralisieren sie sich und am Ende gibt es ein torloses Spiel, das erst im Elfmeterschießen entschieden wird. Oder schon im Endspiel schaffen es Domenech oder Lippi, mit einer taktischen Neuerung die Starre aufzubrechen. Denn das ist wohl die wichtigste Lehre aus diesem Turnier. Die Trainer haben wieder eine Herausforderung: Wie bezwingt man das Bollwerk in der Mitte des Spielfelds?



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