WM-Countdown - Analyse Die Rache des Dickschädels

Der schwäbische Sturkopf hat sich entschieden - für Lehmann und gegen die drei großen "B": Beckenbauer, Bayern und "Bild". Immer wieder kritisierten diese das Torwartduell, bemäkelten Klinsmanns US-Wohnsitz. Heute traf der Trainer eine sportliche Entscheidung mit politischen Nebenwirkungen.

Als Jürgen Klinsmann um Punkt 17 Uhr vor die Presse tritt, wirkt er erschöpft. Der Bundestrainer steht in der Lobby eines Münchner Hotels, ihm zur Seite Teammanager Oliver Bierhoff. Verstärkung kann der Bundestrainer gebrauchen. In den vergangenen Wochen wurde der Druck immer größer. Klinsmann musste eine Entscheidung fällen. Nun hat er sie getroffen, es war die "schwierigste" seiner inzwischen 20-monatigen Karriere als DFB-Coach.

Jetzt ist klar: Jens Lehmann soll während der WM das Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hüten. Und nicht Oliver Kahn, die bisherige Nummer eins. Eine für manchen überraschende Botschaft. Eine, die polarisiert. Man kann es, ganz nüchtern betrachtet, auch so bewerten: Klinsmann hat den perfekten Zeitpunkt gewählt.

Seit August 2004 hat Fußball-Deutschland auf diesen Auftritt gewartet. Vor dem ersten Länderspiel unter seiner Führung hatte Klinsmann Kahn als Kapitän entmachtet. Das sogenannte "Torwartduell" mit Lehmann war geboren. Der Bayern-Keeper galt als Favorit, in München hielt man das Kräftemessen der Kastenhelden anderthalb Jahre lang sogar für unnötig. Bayern-Präsident Franz Beckenbauer sprach von "einem Schmarrn", Manager Uli Hoeneß diagnostizierte "Psychoterror".

Nun werden die Granden des deutschen Fußball-Rekordmeisters ihrem Lieblingsfeind vorwerfen, dass er Kahn nie eine echte Chance gegeben habe und opportunistisch gewesen sei, also: nur auf den geeigneten Moment gewartet habe, den Tor-Titan abzusägen.

Aber Klinsmann, einst Kicker bei den Bayern, wird sie mit ihren eigenen Waffen schlagen und sagen können: Liebe Bayern, wer hat denn diese schnelle Entscheidung gefordert? Wer hat den öffentlichen Druck entfacht? Die Antwort sind die Münchner selbst, und die Erkenntnis daraus so ironisch wie bitter zugleich. Mit ihren an Penetranz grenzenden Zwischenrufen nach einer Entscheidung pro Kahn und den ungefragt geäußerten Schutzbehauptungen im Anschluss an jeden Fehler ihres Keepers (Tenor: Kahn patzt, weil er seinen Stammplatz im DFB-Team nicht sicher hat) haben die Bayern-Verantwortlichen ihrem Torwart mehr geschadet als genützt.

Es war zudem taktisch unklug, zu glauben, den als Sturkopf bekannten Klinsmann vor sich hertreiben zu können. Denn die Taktik konnte nur aufgehen, wenn Kahn seit jenem August 2004 beständig gut gehalten oder Jens Lehmann mehr Fehler gemacht hätte als sein Rivale. Beides ist nicht eingetreten. Zwar verlor der Arsenal-Torwart zwischenzeitlich seinen Stammplatz beim Londoner Club. Aber im Gedächtnis geblieben sind vor allem die Patzer des Bayern-Keepers. Zuletzt leistete sich Kahn mehrere Blackouts, etwa in der Bundesliga gegen Köln (2:2) oder im Länderspiel gegen die USA (4:1).

Deshalb gab es keinen besseren Zeitpunkt für Klinsmann als diesen 7. April 2006. Denn für Lehmann, der sich im DFB-Team keine Schwächen nachsagen lassen kann, sprechen auch die aktuellen Vereinsstatistiken. Der FC Arsenal erreichte am Mittwoch erstmals in der Clubgeschichte das Halbfinale der Champions League: Das 0:0 bei Juventus Turin war für Lehmann das achte Spiel in dieser Eliteliga ohne Gegentor. Die Bayern waren bereits im Achtelfinale ausgeschieden, im Rückspiel beim AC Mailand hatte Kahn viermal hinter sich greifen müssen.

Angreifbar könnte Klinsmann Bundestrainer womöglich im Punkt "Sinnhaftigkeit des Duells" sein. Aber worauf war es denn angelegt? Klinsmann wusste schon vor dem August 2004, was er von beiden Torhütern sportlich erwarten konnte. Bei dem einen, Lehmann, dessen fußballerisches Vermögen und das besondere Talent, im richtigen Moment raus zu laufen und einen Steilpass des Gegners abzufangen; beim anderen, Kahn, dessen glänzende Aktionen auf der Linie.

Alles eine Systemfrage

Für Klinsmann bestanden die eineinhalb Jahre deshalb zum einen darin, herauszufinden, welche dieser "außergewöhnlichen Fähigkeiten" (Torwartcoach Andreas Köpke) besser zum Spiel der deutschen Mannschaft passen. Und der Bundestrainer hat sich für den Torwart entschieden, der bei der WM einen Quasi-Libero in einem System geben kann, das auf Offensive angelegt ist. Das von schnellen Pässen und Einzelaktionen der Außen lebt, wo aber gegnerische Konter genauso wahrscheinlich sind wie eigene Torchancen. Auch für die junge, unerfahrene Viererkette kann das Sicherheit geben. Sie weiß: Ein durchgebrochener Stürmer muss auch noch den mitspielenden Keeper überwinden.

Doch für Klinsmann war an dem Duell etwas Anderes mindestens genauso wichtig. Die Frage nämlich, welcher seiner beiden herausragenden Torhüter dem Druck besser standhalten würde, in jedem einzelnen Spiel fehlerlose Leistungen abrufen zu können. Bei der WM lasten die Erwartungen einer ganzen Republik auf dem Team, das ist viel Druck für wenige Schultern. Und einen Gutteil davon muss der Torwart tragen.

Wie aber simuliert man das größte Sportereignis der kommenden Jahrzehnte in Deutschland? Klinsmann hat einen perfide wirkenden, aber konsequenten Weg gewählt, indem er seinen Keepern immer wieder signalisiert hat: Dieses Duell ist wie die WM. Nun zeigt mir, wer bestehen kann. An diesem Druck, auch das ist eine Ironie dieser Geschichte, ist ausgerechnet der gescheitert, der nach eigenen Aussagen unter Druck immer am besten spielt: Kahn.

Am Schluss wäre dann noch eine Vermutung, die zu verlockend ist, als dass sie unausgesprochen bleiben könnte. Die Frage, ob die Entscheidung zugunsten Lehmanns nicht auch gleichzeitig ein Schuss gegen ist die drei großen "B" des deutschen Fußballs - Bayern, "Bild" und Beckenbauer. Eine Art Rache an den Münchner Vereinsverantwortlichen, die ihn immer wieder stichelten und mitunter den Eindruck erweckten, er sei ihnen nicht genehm. An der Fußball-Majestät Beckenbauer, der den Wohnsitz Klinsmanns in Deutschland oft für wichtiger erachtete als dessen sportliche Arbeit.

Und an der "Bild"-Zeitung, die Klinsmann meinte, als er in der denkwürdigen Pressekonferenz nach dem USA-Spiel die "Berichterstattung unter der Gürtellinie" beklagte.