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WM-Team Spanien: Liga der Champions

Foto: Andreas Gebert/ dpa

WM-Favorit Spanien Die letzte Chance

Spanien kann immer noch als ein WM-Favorit gelten - trotz Kritik an Spielstil und Überalterung des Teams. In Brasilien hat die goldene Generation der Titelverteidiger ihren vielleicht letzten großen Auftritt. Allerdings fehlt Thiago.

Es ist der 29. März 2014, der Bayern und Spanien im Schicksal verbindet. An jenem Samstag vor etwas mehr als zwei Monaten hatte Bayern München in der Bundesliga Hoffenheim zu Gast, es war ein wenig bedeutendes Spiel, das erste nach der endgültigen Meisterschaft der Münchner. Doch das 3:3 sollte ein Wegweiser für den Rest der Saison werden: In der ersten Hälfte verletzte sich Thiago Alcántara am Knie; Innenband-Teilanriss, sechs bis acht Wochen Pause. Für den FC Bayern war der Ausfall des Spaniers der Beginn einer unerwarteten Schwächephase.

Für den spanischen Nationaltrainer Vicente del Bosque war es ein Schock.

Denn obwohl Thiago, 23, erst fünf Spiele für die Selección gemacht hat, sollte der Mittelfeldstratege eine zentrale Figur im spanischen Team bei der Weltmeisterschaft in Brasilien werden. Kurz durfte del Bosque Anfang Mai noch hoffen, mit einem rechtzeitig genesenen Thiago in die WM-Vorbereitung zu starten. Dann verletzte dieser sich beim Training in München erneut am Knie.

Seitdem ist die Stimmung in Spanien eine andere. Der Trainer sagt: "Wir haben viel Vertrauen in Thiago. Sein Fehlen ist ein Verlust." Fragt man die spanischen Fans und Journalisten, hört man vor dem ersten WM-Spiel gegen die Niederlande am 13. Juni (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) stets Ähnliches: "Wir haben noch Chancen in Brasilien, aber sie sind gesunken." Selbst Miguel Cardenal, der spanische Staatsekretär für Sport, hat an Zuversicht verloren: "Die Verletzung von Thiago macht uns Sorgen. Es wird schwer."

Im ersten Moment mag dieser Pessimismus verwundern, verfügt del Bosque mit Real Madrids Xabi Alonso sowie mit Barcelonas Xavi Hérnandez, Andrés Iniesta, Sergio Busquets und Cesc Fàbregas doch über ein so erfahrenes wie hochdotiertes Mittelfeldensemble. Sie alle waren bei den vergangenen drei großen Titeln dabei und Garanten für den Erfolg.

Del Bosque hält an Altbewährten fest

Doch genau darin liegt auch ein Problem. Das spanische Team ist in seinem Grundstock gealtert, im Kern hat es sich in den vergangenen Jahren nur wenig verändert, 16 von 23 Spielern standen bei der WM in Südafrika im Kader, 18 beim letzten EM-Titel. Hinzu kommt, dass vor allem im Mittelfeld noch immer auf dem Spiel des FC Barcelona fußt, und die Katalanen haben - gemessen an ihren Erwartungen - keine überzeugende, weil titellose Saison hinter sich.

Trotzdem hält del Bosque an seinen Altbewährten fest. "Für del Bosque sind Erfahrung und Hierarchien innerhalb der Mannschaft sehr wichtig", sagt einer, der in regelmäßigem Austausch mit dem Trainer steht. Die Berufung des zuletzt nicht immer überzeugenden Chelsea-Stürmers Fernando Torres entspringe beispielsweise eines über viele Jahre aufgebauten Respekts. "Del Bosque hofft zudem, dass die Gegner Angst haben vor den großen Namen", sagt der spanische Experte. Es wäre deshalb gut möglich gewesen, dass zu Beginn des Turniers Xavi anstelle Thiagos gespielt hätte. Doch Thiago hätte in den wichtigen Momenten das Spiel verändern und beschleunigen, Impulse setzen können. Hätte.

Der Sohn des brasilianischen Fußballers Mazinho ist eine Art Bindeglied zwischen der alten und der neuen spanischen Fußballergeneration. Er wurde mit Barcelonas Ballbesitz-Schule erzogen, besitzt aber das Talent und die Fähigkeiten, diesen Stil weiterzuentwickeln. Er steht für die Zukunft der "La Roja", gemeinsam mit jungen Spielern wie Daniel Carvajal oder Isco.

Sie alle sind in Brasilien nicht dabei. Stattdessen wird dort eine Mannschaft antreten, die zwar vergleichsweise alt, aber die wohl beste der vergangenen sechs Jahre ist, und noch einmal darf sie - trotz aller Kritik - als einer der Favoriten angesehen werden. Dafür hat del Bosque mit seiner Erfahrung und Menschenkenntnis gesorgt.

Diego Costa ist für Überraschungsmomente zuständig

Es ist nicht davon auszugehen, dass man von dieser Elf atemberaubend schönen Tempofußball zu sehen bekommt, davon hat sie sich bereits seit ihrem spektakulären EM-Sieg 2008 Stück für Stück entfernt. Der spanische Trainer legt den Schwerpunkt des Spiels abermals auf zentrale Defensivarbeit mit Ballbesitz und vielen "toques", diesen typischen, kurzen Berührungen des Balls; das können die Xavis und Iniestas noch immer besser als beinahe jeder andere.

Gleichzeitig hat er mit Diego Costa ein für Spanien zuletzt eher ungewöhnliches Element installiert: den klassischen Mittelstürmer. Er soll Überraschungsmomente ins Spiel bringen, unterstützt von Torres und Santi Cazorla, dem Flügelspieler vom FC Arsenal.

Del Bosque hat das spanische Spiel vor der Weltmeisterschaft nicht noch einmal revolutioniert, aber er hat es angepasst an die personellen Umstände - und ihm dabei sogar etwas Neues hinzugefügt. Und noch etwas spricht für die Selección: Spanien ist eine Turniermannschaft, die zudem im vergangenen Jahr beim Confederations Cup schon ausprobieren durfte, wie es sich im brasilianischen Klima spielen lässt.

Damals allerdings verlor die Selección gegen Brasilien 0:3 im Finale. Es war eine schmerzhafte Warnung für del Bosque und seine Spieler, und womöglich kam sie noch zu rechten Zeit. Denn jeder von ihnen weiß: In Brasilien wartet die letzte Chance für diese goldene Fußballergeneration.

Nur zwei Mannschaften ist es bislang gelungen, den WM-Titel zu verteidigen, eine von ihnen war Brasilien im Jahr 1962. Damals standen 14 Spieler auf dem Platz, die vier Jahre zuvor schon einmal Weltmeister geworden waren.

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