WM-Final-Anekdoten Ammoniak und Adrenalin

Auf das WM-Finale 1994 wird Roberto Baggio nicht gerne angesprochen. Der Italiener zeigte in einer entscheidenden Phase Nerven. Einem Deutschen drohte 1986 Ungemach, als er es mit einem gewichtigen Politiker zu tun bekam. Und dann waren da die schwedischen Einpeitscher.


Ein medizinisches Versehen geriet zum Glück für die tschechoslowakische Elf im WM-Finale 1934. Es ließ sich nämlich Antonin Puc nach einem harten Foul eines Italieners am Spielfeldrand behandeln. Ein nervöser Betreuer spritzte ihm unabsichtlich einen Tropfen Ammoniak ins Auge. Puc sprang vor Schmerz sofort auf, spurtete kommentarlos aufs Spielfeld, bekam den Ball vorgelegt und zimmerte ihn zur zwischenzeitlichen Führung des Außenseiters ins Tor. Das Spiel gewann aber Italien 2:1 nach Verlängerung.

Die medizinische Statistik des WM-Finales 1970: Drei Brasilianer starben während der Fernsehübertragung an Herzattacken, 37 weitere wurden mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert.

WM-Finale 1966 in Wembley: Tor oder kein Tor für das englische Team?
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WM-Finale 1966 in Wembley: Tor oder kein Tor für das englische Team?

Weltmeister werden in der Regel vom Staat mit allerlei Orden und Lorbeeren dekoriert. Selbst die unterlegenen Italiener aus dem WM-Finale 1970 (1:4 gegen Brasilien) wurden von der Republik Italien mit Ritter- und Kommandeursorden geehrt. Merkwürdigerweise gab sich lediglich die englische Krone sehr zurückhaltend bei der Vergabe der Ehrenzeichen. Erst in den vergangenen Jahren wurden auf vielfachen medialen Druck die eingesetzten Spieler des Weltmeisters von 1966 mit Orden geehrt. Die nicht eingesetzten Spieler des WM-Kaders warten bis heute auf eine Anerkennung.

Lang hat's gedauert: Der Italiener Antonio Cabrini war 1982 der erste Spieler, der in einem WM-Endspiel dem Druck nicht standhielt und einen Strafstoß vergab. Den Elfmeter in der 26. Minute setzte er neben den rechten Pfosten. Italien gewann trotzdem 3:1 gegen Deutschland.

Die Politik und der Fußball. Beim WM-Finale 1986 machte Bundeskanzler Helmut Kohl der deutschen Mannschaft seine Aufwartung und wollte auch im Moment der Niederlage Nähe und Trost spenden. Mittelfeldmann Felix Magath konnte sich der Umarmung durch den Oggersheimer gerade noch durch eine hektische Ganzkörperdrehung entziehen.

In schwieriger diplomatischer Mission war Kohls Vorgänger Helmut Schmidt beim Finale 1982 (1:3 gegen Italien) unterwegs, schließlich war das Image der deutschen Mannschaft nach dem 1:0-Freundschaftskick gegen Österreich - "Schande von Gijon" - und Harald "Toni" Schumachers Bodycheck gegen den Franzosen Patrick Battiston arg ramponiert. Schmidt gab den Gentleman und assistierte dem jubelnden italienischen Staatspräsidenten Sandro Pertini. So wenig schien ihn die deutsche Niederlage zu bekümmern, dass hinterher die Frage aufkam, warum sich Schmidt eigentlich so sehr mit den Siegern gefreut habe. Merke: Ein deutscher Kanzler blickt nach deutschen Niederlagen melancholisch in die Ferne oder spendet Trost durch Körperlichkeit. Siehe oben.

Als die deutsche Nationalelf 1966 nach dem 2:4 verlorenen Endspiel gegen England in die Kabine marschierte, wurde geflucht und gezetert. Bis Bundestrainer Helmut Schön weise Worte sprach: "Männer, denkt dran: Ein guter Zweiter ist besser als ein schlechter Erster!" So ganz war die Wut damit allerdings noch nicht verflogen, Schiedsrichter Gottfried Dienst und sein Assistenz Tofik Bachramow wurden beim anschließenden Bankett von den deutschen Spielern konsequent geschnitten.

Das WM-Endspiel von 1966 war das erste Finale, das weltweit live im Fernsehen übertragen wurde. 350 Millionen Menschen sahen damals zu. Zum Vergleich: Hochgerechnete zwei Milliarden sahen 1998 die 0:3-Niederlage der Brasilianer gegen Frankreich im Stade de France in Paris.

Papst Johannes Paul der II. in seiner Ansprache an die italienische Nationalelf anlässlich einer Audienz nach deren Titelgewinn 1982: "Die einzelnen sportlichen Wettkämpfe können und sollen zugleich Trainingsstufen zur Einübung der menschlichen und christlichen Tugenden der Solidarität, der Fairness, der Korrektheit und der Achtung vor der Person des anderen sein, der als Konkurrent, nicht als Gegner oder Rivale gesehen werden muss."

Im Halbfinale der WM 1958 gegen Deutschland (3:1) hatten sie noch für Aufregung gesorgt, die schwedischen Einpeitscher mit Fahnen und Megaphonen. Im Finale gegen Brasilien (2:5) hatte die Fifa die Stimmungsmacher kurzerhand verboten.

Beim ersten WM-Finale 1930 wurde die Frage des Spielballs erst kurz vor Anpfiff geklärt. Beide Finalisten, Uruguay und Argentinien, bestanden auf einen Ball aus eigener Produktion. Schiedsrichter Jan Langenus aus Belgien ließ schließlich eine Münze entscheiden, Argentinien gewann – und Uruguay das Spiel mit 4:2.

Erst 1982 leitete mit Arnaldo D.C. Coelho aus Brasilien erstmals ein nicht-europäischer Schiedsrichter ein WM-Finale. Der Nachholbedarf schien auch der Fifa peinlich, gleich 1986 war mit Romualdo Arppi Filho der nächste Brasilianer dran.

"Wenn ich ein Bild aus meinem Leben als Sportler tilgen könnte, wäre es dieses", sagte der Italiener Roberto Baggio über seinen verschossenen Elfmeter im WM-Finale von 1994. Die tragische Note: Ohne Baggio hätten die Italiener das Finale wohl nie und nimmer erreicht.



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