WM-Gruppe H Chile siegt gegen zehn Schweizer

Der Überraschung gegen Spanien folgte die Ernüchterung gegen Chile: Die Schweiz unterlag im zweiten Gruppenspiel knapp, musste die Partie allerdings eine Stunde lang mit nur zehn Mann bestreiten - Berahmi hatte die Rote Karte gesehen.

AFP

Von Jan Reschke


Hamburg - Ottmar Hitzfeld war wütend. Sehr wütend sogar. Er schimpfte. Ob die Worte des Schweizer Trainers seinem Spieler Valon Behrami oder Schiedsrichter Khalil Ibrahim Al-Ghamdi galten, kann nur vermutet werden. Wohl eher dem Unparteiischen, der Behrami nach dessen überflüssiger Aktion, bei der er dem hinter ihm stehenden Arturo Vidal seinen Arm ins Gesicht geschlagen hatte, vom Platz stellte. Nach dem Spiel schimpfte Hitzfeld im ZDF: "Die Rote Karte war aus meiner Sicht keine. Das war nicht mal eine Gelbe. Ich finde, dass bei einer WM nur die besten Schiedsrichter pfeifen sollten, die auch sonst in den großen Ligen pfeifen - und nicht irgendwo am Strand."

Die Entscheidung war hart, aber vertretbar. Denn was hat der Arm von Behrami im Gesicht von Vidal zu suchen?

Mit nur zehn Spielern beschränkte sich die Schweiz auf die Verteidigung, doch in der 75. Minute gelang dem Chilenen Mark González der entscheidende Treffer zum 1:0-Erfolg in der Gruppe H. "Es war unheimlich schwierig, mit zehn Spielern gegen eine läuferisch starke Mannschaft wie Chile zu spielen", sagte Hitzfeld nach der Partie.

Die Schweiz begann mit einer auf drei Positionen veränderten Startaufstellung. Für den verletzten Philippe Senderos, für Tranquillo Barnetta und Eren Derdiyok brachte Trainer Ottmar Hitzfeld Steve von Bergen, Valon Behrami und Kapitän Alexander Frei. Chile begann auf zwei Positionen verändert: Gonzalo Jara ersetzte Rodrigo Millar und Humberto Suazo kam für Jorge Valdivia.

Hitzfeld wies seine Spieler lautstark auf ihre Unzulänglichkeiten hin

Beide Teams begannen die Partie äußerst verhalten, rund zehn Minuten dauerte es, bis die ersten gefährlichen Offensivaktionen zu sehen waren. Im Mittelpunkt: Diego Benaglio. Der Torwart der Schweizer konnte gleich zweimal einen frühen Rückstand verhindern. Zunächst wehrte er den Versuch von Vidal ab, auch den Nachschuss von Carlos Carmona konnte Benaglio halten.

Schon in der 19. Minute sah sich Trainer Hitzfeld genötigt, an die Seitenlinie zu kommen und seine Spieler lautstark auf ihre Unzulänglichkeiten hinzuweisen. Zunächst mit wenig Erfolg. Die Chilenen machten im Mittelfeld die Räume eng und hielten ihre Gegenspieler - mitunter recht rustikal - vom eigenen Strafraum fern. So sahen Suazo (2. Minute), Carmona (23.) und Waldo Ponce (25.) schon früh Gelbe Karten.

Gefährlich wurde es nur, als Chiles Verteidiger Mauricio Isla seinen Schlussmann Claudio Bravo durch einen viel zu kurz geratenen Rückpass in Bedrängnis brachte. Doch der Keeper konnte im letzten Moment vor Stürmer Blaise Nkufo klären (28.).

Al-Ghamdi zögerte nicht lange und schickte den Schweizer vom Platz

Auch die Schweizer gingen resolut zu Werke. Der Schock folgte in der 31. Minute: Behrami sah nach einem Zweikampf die Rote Karte. Sein Arm landete im Gesicht von Vidal, Schiedsrichter Al-Ghamdi zögerte nicht lange und schickte den fassungslosen Schweizer vom Platz.

Fortan rückte wieder Benaglio in den Blickpunkt. Suazos Kopfball landete aber weit über dem Tor, den Schuss von Alexis Sanchez aus etwa neun Metern konnte Benaglio parieren. Für den Schweizer Frei war die Partie noch vor der Pause gelaufen: Hitzfeld reagierte auf die Unterzahl seiner Mannschaft und nahm den Stürmer vom Platz (42.). Für ihn kam Barnetta. Bis zur Pause tat sich nichts mehr.

Chiles Trainer Bielsa wechselte zur zweiten Halbzeit González und Valdivia für Vidal und Suazo. Mit den neuen Kräften agierte Chile in der Offensive stärker. Sanchez traf in der 49. Minute sogar das Tor, doch gleich drei seiner Mannschaftskollegen standen im Abseits. Nur wenig später verhinderte erneut Benaglio den Rückstand. Er rettete, als Sanchez nach einem Fehler von Stephane Grichting frei vor ihm auftauchte (56.).

Weil ein Treffer für Chile weiter auf sich warten ließ, reagierte Trainer Bielsa. Er wechselte Stürmer Esteban Paredes für Mittelfeldmann Matías Fernández ein (65.). Doch auch Hitzfeld brachte einen Stürmer. Derdiyok löste NKufo ab (68.).

Schweiz gelingt historischer Rekord

Und Schiedsrichter Al-Ghamdi hätte, wenn er seiner harten Linie treu geblieben wäre, Medel vom Platz stellen müssen, denn der griff von Bergen nach einer Rangelei an den Hals, sah dafür allerdings nur die Gelbe Karte. Unverständlich.

Chile machte viel Druck und wurde in der 75. Minute belohnt: Der eingewechselte Paredes umspielte Torwart Benaglio an der Strafraumgrenze und flankte den Ball anschließend an den zweiten Pfosten, da stand González und köpfte den Ball ins Tor (75.). "Das ist phantastisch, was hier passiert. Jetzt haben wir drei Punkte mehr und können schon vom Achtelfinale träumen", sagte González im Anschluss. Trainer Hitzfeld fand es hingegen "sehr ärgerlich, wenn man kurz vor Ende das Tor kassiert".

Trotz des Gegentores hatten die Schweizer Historisches vollbracht. In 559 Minuten bei einer WM blieb das Land ohne Gegentor und knackte damit die bisherige Rekordmarke von Italien, das zwischen dem 17. Juni 1986 und 3. Juli 1990 550 Minuten lang keinen Gegentreffer kassiert hatte.

Die Führung für Chile war verdient, Hitzfeld reagierte und brachte Nürnbergs Torjäger Albert Bunjaku für Gelson Fernandes (77.). Und nur wenig später hätte Paredes das 2:0 erzielen können (84.), sein Schuss landete aber über dem Tor. In der 89. Minute war es erneut Paredes, der die Entscheidung hätte herbeiführen können, diesmal ging der Ball rechts vorbei. Kurz vor Schluss hätte Derdiyok noch der überraschende Ausgleich gelingen können, doch er scheiterte kläglich - es blieb beim 0:1. "Derdiyok hat seine Chance leider nicht genutzt. Nun liegt es an uns, gegen Honduras drei Punkte zu holen", sagte Hitzfeld.

Doch noch nicht einmal ein Sieg gegen Honduras garantiert den Einzug ins Achtelfinale. Chile ist vor der finalen Vorrundenpartie gegen Spanien hingegen so gut wie sicher qualifiziert.

Chile - Schweiz 1:0 (0:0)
Tor: 1:0 González (75.)
Chile: Bravo - Isla, Medel, Ponce, Jara - Carmona - Vidal (46. González), Fernández (65. Paredes) - Sanchez, Beausejour - Suazo (46. Valdivia)
Schweiz: Benaglio - Lichtsteiner, von Bergen, Grichting, Ziegler - Behrami, Inler, Huggel, Fernandes (77. Bunjaku) - Frei (42. Barnetta) - Nkufo (68. Derdiyok)Schiedsrichter: Khalil Al Ghamdi (Saudi-Arabien)
Zuschauer: 34.872
Rote Karten: Behrami nach einer Tätlichkeit (31.)
Gelbe Karten: Suazo, Ponce, Carmona (2), Fernández (2), Medel, Valdivia - Nkufo, Barnetta, Inler

Mit Material vom sid



insgesamt 561 Beiträge
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Seite 1
Brieli 01.06.2010
1.
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
Ja klar. Zweiter wird die Schweiz.
BeckerC1972, 01.06.2010
2.
Spanien Schweiz Chile Honduras
klumpenhund 01.06.2010
3.
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
1.) Spanien 2.) Schweiz 3.) Chile 4.) Honduras
Polar, 01.06.2010
4.
Zitat von sysopEuropameister Spanien spielt gegen die Schweiz, Honduras und Chile. Werden die Spanier ihrer Favoritenrolle gerecht?
1. Spanien 2. Schweiz 3. Chile 4. Honduras Gibt´s eine viel klarere Gruppe?
Toradac 02.06.2010
5. Ich wage mal...
Zitat von Polar1. Spanien 2. Schweiz 3. Chile 4. Honduras Gibt´s eine viel klarere Gruppe?
...einen Außenseitertip: Spanien klar Gruppenerster, als Zweiter qualifiziert sich Chile fürs Achtelfinale. Sorry Ottmar...
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