WM-Helden in der Krise Sie tanzten nur einen Sommer

Von

2. Teil: Die Krise als Chance - Kuranyi macht es vor


Aber wie konnte es so weit kommen? Gibt es so was wie einen WM-Fluch? Immerhin wäre das eine passende Analogie - das Scheitern würde ebenso überhöht wie die Auftritte bei der WM. Aber es würde der Sache auch nicht ganz gerecht. Die Gründe sind nämlich meist sehr irdische.

  • Schweinsteiger, der im WM-Spiel um Platz drei gegen Portugal zweimal traf und danach in acht DFB-Partien vier Tore schoss, wirkte im Bayern-Trikot auf seiner linken Seite so beweglich wie ein Poller vor dem Auswärtigen Amt. Kein Wunder: Neben dem Druck, die Leistungen der WM zu bestätigen, sollte Schweinsteiger während der Saison auch noch Michael Ballack auf der Spielmacher-Position ersetzen. Nach guten Ansätzen wurde die Idee wieder verworfen und der begabte Dribbler zurück auf die Außenbahn verfrachtet. Eine Knieverletzung setzte ihn dann außer Gefecht, die von einem Zeckenbiss herrührt. Hinzu kamen private Probleme - und die Tatsache, dass ihm der Mann links hinter ihm auch keine Sicherheit geben konnte.

  • Philipp Lahm, der sich mit Schweinsteiger während der WM perfekt ergänzte, verlor plötzlich in einem Bundesligaspiel gegen den VfL Bochum (0:0) mehr Zweikämpfe als im ganzen Sommer 2006 zusammen. Ein Tor, vier Assists - die Saisonbilanz des vermeintlich modernsten deutschen Außenverteidigers seit Jahrzehnten ist auch in der Offensive nicht berauschend. Der unbekümmerte Lahm wirkt beschwert durch den Druck, jede Woche Außergewöhnliches leisten zu müssen. Selbst die Stimmen, die eine mögliche Verpflichtung des Gladbachers Marcell Jansen für Lahms Position geißeln (Tenor: Was soll das?), werden leiser.

  • Christoph Metzelder, während der WM gesetzt im deutschen Team, ließ zuletzt selbst beim DFB-Team alle Interviewanfragen absagen. In Dortmund sind die Leistungen des Innenverteidigers umstritten, dazu kamen die Gerüchte um einen Wechsel zu Real Madrid, die Metzelder zunehmend genervt kommentierte. Mit Muskelbeschwerden fehlte der Abwehrmann in 15 der ersten 16 Spiele, nach der Winterpause rutschte der BVB in den Abstiegskampf. Vom entlassenen BVB-Coach Jürgen Röber musste sich Metzelder fehlendes Engagement vorwerfen lassen.
  • Lukas Podolski und Miroslav Klose, das Traumpaar im deutschen Angriff, harmonierte in der DFB-Elf auch unter dem neuen Bundestrainer Joachim Löw, in ihren Vereinen lieferten sich die beiden hingegen ein Fernduell um die schlechtere Form. Erst lag der in München bis heute orientierungslos wirkende Neu-Bayer Podolski vorn (mal Bankdrücker, mal torlos), dann überholte Klose (1158 Minuten in Folge ohne Tor). Aktuell liegen beide gleichauf, Podolski ist am Knie verletzt und musste operiert werden, Klose hat den Kopf nicht frei. Die Bayern umwerben den Mann mit der Nummer elf heftig. Er soll in der kommenden Saison in München stürmen - neben Podolski.

Man könnte diese Liste noch erweitern, etwa um den beim FC Chelsea umstrittenen (und ebenfalls frisch operierten) Ballack, den Langzeitverletzten Sebastian Kehl (Dortmund), den durch seine Wechselambitionen gehemmten Torsten Frings (Bremen), den im Abstiegskampf erfolglosen Neuville (Mönchengladbach) oder Pechvogel Tim Borowski, der sich bei seinem Comeback erneut verletzte.

Für die WM-Teilnehmer muss sich die Bundesliga angefühlt haben wie ein Auftritt in der Lindenstraße für einen Hollywoodstar. Man will seinen Job immer gleich gut machen, aber das Setting schlägt unweigerlich auf die Stimmung. Oder das Drehbuch.

Dass jede Krise auch eine Chance birgt, kann man bei Kevin Kuranyi erfragen. Der Stürmer und Nutella-Werbestar war überraschend nicht für die WM nominiert worden und musste sich das ganze Sommermärchen vor dem Fernseher anschauen. In der neuen Saison, als die WM-Helden nach ihrer Form suchten, fand Kuranyi seine mühelos. Er war ausgeruht, ohne Druck und auch gegen Mainz oder Bochum motiviert, sich zu rehabilitieren. Ein Jahr später ist der Schalker besser denn je: mehr Haare, mehr Tore, seit dem Comeback im Februar auch in der Nationalmannschaft.

Und wenn alles gut läuft, feiert Kuranyi in diesem Sommer sogar einen Titel mit dem FC Schalke. Seine müden und verletzten DFB-Kollegen freuen sich auf die Sommerpause.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.