WM im Fernsehen "Ich habe gar nichts gedacht"

Klar, Gerhard Delling und Günter Netzer haben sich inzwischen abgenutzt. Aber sonst waren die Darbietungen der TV-Schaffenden während der WM durchaus ansehnlich. Sogar für echte Informationen blieb Zeit. Titelanwärter Nummer eins ist ein euphorisierter Bundesligacoach.

Von Eberhard Spohd


Stimmungsberichte sind das Schlimmste beim Fußball im Fernsehen. Ein armer Reporter wird in eine Horde Betrunkener gestellt und soll darüber berichten, wie friedlich und fröhlich diese Menschen trotz ihrer Schlagseite feiern. Man hört wenig außer Gegröle und einem floskelnden Mikrofonbesprecher. Trotzdem war einer der heimlichen Höhepunkte der WM-Berichterstattung genau so ein Stimmungsbericht: ZDF-Korrespondent Carsten Thurau meldete sich nach dem Spiel Argentiniens gegen die Niederlande (0:0) aus Buenos Aires. Kaum vernehmbar krächzte er in sein Mikro, während um ihn herum die Menschen so ausgelassen tanzten, dass sie den Armen mit sich mitrissen und man gerade noch beobachten konnte, wie er irgendwo hinten links in der Menge um seinen Stand kämpfte. Ganz langsam kippte er, immer noch redend, seitlich um und verschwand. Das nenne ich Stimmung.

ZDF-Trio Meier, Klopp, Kerner: Feurig und klug
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ZDF-Trio Meier, Klopp, Kerner: Feurig und klug

Ansonsten gibt es überraschend wenig zu kritisieren an den Menschen, die uns den Fußball nahe bringen wollen. Erstaunlich gelassene und zurückgenommene Töne dringen aus den Sprecherkabinen der Stadien. Fachlich sind die Kommentatoren auf einem einigermaßen ansprechenden Niveau angekommen. Irgendjemand muss eine Taktikschulung mit ihnen gemacht haben. Keiner redet mehr von der "fehlenden Zuordnung" in der Viererkette, als ob die Sprecher plötzlich alle den Unterschied zwischen Mann- und Raumdeckung verstanden hätten.

Trotz der guten Vorbereitung langweilen die wenigsten ihre Zuschauer aber nur selten mit Faktenhuberei und Statistikgeprotze. Auch wenn es da Ausnahmen gibt. Damit sind wohlgemerkt nicht die Versprecher gemeint, die im Laufe des Live-Geschehens passieren können. Denken wir an Thomas Wark (ZDF), dessen Umrechnung des Werts von Wayne Rooney von Pfund in Euro ganz spontan und wunderschön misslang. Da war der Stürmer auf einmal 100 Millionen Euro wert. Das war ebenso Nonsens wie Warks Begründung für den Fehler: Er habe Euro und D-Mark verwechselt. Die erneute Umrechnung in Euro brachte übrigens nichts ein – auch sie war falsch.

Das ist manchmal ganz lustig, sollte aber nicht "hochsterilisiert" werden. Schlimmer sind sachliche Schnitzer, die auf mangelnder Vorbereitung beruhen. Dass Maciej Zurawski bei Celtic Glasgow spielt, hat Steffen Simon (ARD) völlig korrekt ermittelt. Aber das der Pole deswegen gleich schottischer Pokalsieger geworden sei, stimmt einfach nicht. Im Cup-Wettbewerb schied Celtic bereits in der dritten Runde aus. Nur eine Kleinigkeit, gewiss, aber solche Schludrigkeiten sind für manche Kommentatoren symptomatisch.

Nehmen wir Wolf-Dieter Poschmann. Noch einen Tag vor WM-Beginn moderierte der Routinier des "Zweiten" ein kleines Leichtathletik-Meeting in Kassel. Dagegen ist nichts einzuwenden, schließlich ist er ein ausgewiesener Fachmann in dieser Sportart, und gegen ein Zubrot hat niemand etwas einzuwenden. Doch leider fehlte ihm offensichtlich die Zeit, sich ordentlich auf das Spiel USA gegen Tschechien (0:3) zu konzentrieren. Dass er den deutschen Verkehrsminister (Wolfgang Tiefensee) nicht vom Verteidigungsminister (Franz Josef Jung) unterscheiden konnte, ist gar nicht so schlimm. Mit deren Anwesenheit konnte er schließlich nicht rechnen. Dass die Tschechen an diesem Tag auf dem Platz stehen würden, stand dagegen schon Monate fest. Kein Grund also, sie ständig als Japaner zu bezeichnen.

Bei Poschmann nichts Neues also, genauso wenig wie bei Captain Delling und Commander Netzer. Wie Kirk und Spock stehen die beiden ARD-Moderatoren in ihrer Kommandozentrale von Studio, das aussieht, als sei der Innenarchitekt ein "Star Trek"-Fan im LSD-Rausch gewesen. Wie Statler und Waldorf, die beiden alten Herren auf dem Balkon der "Muppet Show", wiederholen sie ihre bekannten Witze. Fachlich über viele Zweifel erhaben, kommen sie doch nicht aus ihren inzwischen hinreichend bekannten Rollen heraus. Für Fußball-Neukunden mag das immer noch witzig sein, wer das öffentlich-rechtliche Duo jedoch häufiger gesehen hat, findet es langsam langweilig. Die ARD sollte ein Einsehen haben und diese siamesischen Zwillinge der Fußballkritik einfach mit einem beherzten Schnitt trennen.

Auch das ZDF setzt auf ein bewährtes Team, allerdings ein junges, das noch nicht so ausgelutscht wirkt. Jürgen Klopp, Trainer des Bundesligisten Mainz 05, und Urs Meier, ehemaliger Fifa-Referee, schaffen nicht nur, Taktik und Schiedsrichterleistung klug und mit Feuer zu erklären, sondern halten nebenbei auch noch Johannes B. Kerner im Zaum, der damit einiges an Unerträglichkeit verliert und nicht dazu kommt, Spiele zu kommentieren. Ein typisches Beispiel für Klopps feine Ironie war seine Antwort auf Kerners Frage, was er, Klopp, denn während des langen Arbeitstags von 14 bis 24 Uhr die ganze Zeit gedacht habe: "Ich habe gar nichts gedacht, sondern dir zugehört."

Angenehm zurückhaltend also ist die Berichterstattung über die WM, sogar die Bilder des übertragenden Unternehmens HBS zeugen einigermaßen von Sachkenntnis. Hier bemüht sich jemand, so viel Fußball zu zeigen, dass es die Sehgewohnheiten ignoranter Fernsehfunktionäre gerade noch aushalten. Die Schwenks über die Ehrentribüne sind selten und beschränken sich häufig auf Franz Beckenbauer und Diego Maradona. Zeitlupen dröseln die tatsächlich wichtigen Szenen auf. Einige neue Kameraeinstellungen fördern die Möglichkeit, taktische Feinheiten auch wahrnehmen zu können. Allein ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender ist mit der Bildregie nicht zufrieden: "Es war zu häufig die Bildtotale zu sehen und zu selten die emotionale Nähe im Bild umgesetzt - darüber werden wir mit dem Hostbroadcaster reden." Hoffentlich hat bei HBS niemand Zeit.



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