WM in Ostdeutschland Leipzig wird zur Go-Area

Von wegen No-Go-Area: Das erste Spiel in Leipzig hat gezeigt, dass auch in der einzigen ostdeutschen WM-Stadt der Spaß im Mittelpunkt steht. Das soll sich auch morgen beim Aufeinandertreffen von Spanien und der Ukraine nicht ändern. Eine andere Partie bereitet allerdings noch Sorgen.

Von Martin Krauß


Leipzig - So spricht ein zufriedener Landesvater: "Besser ging es nicht", sagt der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) nach der Partie zwischen den Niederlanden und Serbien-Montenegro (1:0) in Leipzig. Vor dem einzigen Austragungsort in Ostdeutschland war im Vorfeld der WM gewarnt worden: No-Go-Area. Von vielen deutschen Migrantenorganisationen wurde Leipzig als Ort benannt, an denen sich ein Schwarzer besser nicht zeigt. Doch das erste Spiel in der sächsischen Großstadt am vergangenen Sonntag verlief harmonisch.

Polizist in Leipzig: "Hochsicherheitstrakt" bei Iran gegen Angola.
DDP

Polizist in Leipzig: "Hochsicherheitstrakt" bei Iran gegen Angola.

Von der örtlichen Polizei ist zu erfahren, dass es lediglich zu drei Festnahmen kam – wegen Schwarzhandels. Für weitere Störungen des öffentlichen Lebens machen die Leipziger ausschließlich das Wetter verantwortlich. "Wir hatten nur paar Menschen mit Kreislaufproblemen", erfährt man bei der Feuerwehr. "Alkohol spielte kaum eine Rolle." Im Universitätsklinikum verzeichnet man sogar weniger Patienten als an anderen Wochenenden: Wenn Fernsehen geguckt wird, so heißt es zur Begründung, komme es halt nicht zu Haushalts- und Sportunfällen.

50.000 Fans waren am Wochenende in Leipzig, davon mindestens 15.000 Holländer. Die meisten derer, die kein Ticket hatten, gingen zum Augustusplatz in der Innenstadt. Hier wurden zwei große Leinwände fürs Publicviewing aufgebaut, und gegen hitzebedingten Kreislaufkollaps sprangen viele holländische Fans in den Mendebrunnen vor dem Gewandhaus. Nichts anderes als die gute Stimmung erwarten Leipzigs WM-Planer, wenn am Mittwoch Fans aus Spanien und der Ukraine nach Sachsen kommen.

Anders könnte es bei der Partie Iran gegen Angola aussehen, die am 21. Juni stattfindet. Leipzigs WM-Planer Ulrich Wolter spricht von einem "Risikospiel" und sagt: "So werden wir es auch angehen." Leipzigs Polizeipräsident Rolf Müller nennt das Zentralstadion gar voller Stolz einen "Hochsicherheitstrakt". Auch wenn der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad nicht zum letzten Vorrundenspiel seiner Mannschaft anreisen sollte, liegt in dem Spiel politische Brisanz. Die rechtsextreme NPD will sich mit dem Holocaust-Leugner aus Teheran verbrüdern und kündigt für die Begegnung "kreative Werbeaktionen" an.

Doch noch denkt in Leipzig kaum jemand an diese Sorgen. Die Stadt ist wild entschlossen, ihre Chance, sich als  attraktive deutsche Großstadt zu präsentieren, zu nutzen. In der Gottschedstraße, die noch zum Stadtzentrum gehört, wurde eine so genannte Fußballmeile eingerichtet. "Multikulturelle Straßenfeste" sorgen auch in Leipzig für die Atmosphäre dieses Sommers.

Im Brühl, der traditionellen Einkaufsstraße, wird der gleiche Nippes verkauft wie in den anderen Städten auch, und das Leipziger Stadtmagazin "Kreuzer" spottet genüsslich über die WM-Flops der Stadt, die sich von den anderen WM-Städten nicht allzu sehr unterschiedet. Vielleicht nur ein bisschen: Die Leipziger Verkehrsbetriebe beschießen beispielsweise nach jedem Tor, das in Leipzig fällt, harmlose Reisende mit einer Konfettikanone. Der modernisierte Hauptbahnhof, vor dem die Kanone steht, gehört wie auch das neue Zentralstadion zu den Attraktionen der Stadt.



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