WM-Interview mit Wiglaf Droste "Diktatur des Gebrülls"

Die Kommerzialisierung des Fußballs ist Wiglaf Droste ein Graus, dennoch kann sich der Berufszyniker nicht der Faszination einer WM entziehen. Im Interview lästert Droste zudem über das Phantomgefühl  Patriotismus und kleinbürgerlichen Ehrgeiz.

Frage: Herr Droste, WM-Devotionalien in jedem Schaufenster, Experten auf allen Kanälen, "ein Volk, ein Land, ein Fußball" - nervt Sie die allgemeine Mobilmachung im Zeichen des Fußballs?

Droste: Nachdem Franz Beckenbauer die WM nach Deutschland kaufte, gipfelt die Fußballvermarktung in der Diktatur des Gebrülls. Gerade wer das Fußballspiel als Spiel genießen möchte, muss mehrmals täglich geradezu akrobatische Ausweichbewegungen machen. Dabei könnte man mit der Lederkugel die ganze Welt erklären.

Frage: Erklären Sie uns den Sinn des Fußballs?

Droste: Es geht um Hingabe und um Schönheit, die man nur gemeinsam in einer Mannschaft herstellen kann. Warum das auf dem Altar medialer Verseuchung kaputtgehauen wird, lässt sich zwar kommerziell erklären, aber geistig nicht nachvollziehen. Was übrig bleibt, sind Kot und Spiele. Perverserweise wird dabei immer von der Liebe zum Fußball gesprochen. Wer aber wie Beckenbauer oder Kerner im Prostitutionsgewerbe tätig ist, der sollte auch von Prostitution sprechen und nicht von Liebe.

Frage: Was machen Sie fußballerisch eigentlich zwischen dem 9. Juni und 9. Juli 2006: flüchten, standhalten - oder mitmachen?

Droste: Gerhard Henschel und ich werden die Gelegenheit nutzen, unseren dritten gemeinsamen Schundroman zu schreiben - nach dem "Barbier von Bebra" und dem "Mullah von Bullerbü" jetzt "Die Wüstensöhne von Wipperfürth".

Frage: In Einzelklausur, im Freundeskreis oder vor Grossbildleinwänden: Wie werden Sie sich WM-Spiele anschauen?

Droste: Kochen für Menschen, die ein gutes Fußballspiel ebenso zu schätzen wissen wie ein Konzert, einen Film oder eine Lesung, die nicht dummfanatisch durchdrehen und die das Eldorado nicht für etwas Schwarzrotgoldenes halten - so macht das Spaß. Man kann das mit dem Minderheitenprogramm abwechseln: in einem italienischen Lokal die Italienspiele gucken, eben als Fremder, als Alien. Der fremde Blick sieht mehr und genauer.

Frage: Ihr schönstes WM-Erlebnis? Und das schlimmste?

Droste: Das Sparwasser-Tor 1974 war - retrospektiv betrachtet - großartig. Die DDR gewann 1:0 gegen die BRD, das war doch sehr schön und gerecht. Damals, im Alter von gerade 13 Jahren, konnte ich das aber noch nicht so sehen und hielt geradezu verzweifelt zur Bundesrepublik. Woraus man sehen kann: Patriotismus ist etwas für Pubertäter. Erwachsene Menschen bedürfen solcher Phantomgefühle nicht.

Frage: Lothar Matthäus verdankt die Welt den herrlichen Satz: "I hope we have a little bit lucky" - ein prima WM-Motto für die Klinsmannschaft. Oder was trauen Sie "uns" zu?

Droste: Die Frage, ob die deutsche Mannschaft gut oder schlecht abschneidet, wird überbewertet. Interessanter wäre doch, ob sie guten Fußball spielt.

Frage: Hat Sie die Inszenierung der T-Frage (Kahn oder Lehmann?) eher genervt oder amüsiert? Und: Jens Lehmann als WM-Torwart Nummer eins, okay?

Droste: Oscar Wilde wusste: "Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht der Versager." Was die Mehr-leisten-Zombie-Qualitäten unentspannter Kinnmuskelträger angeht, ist die Wahl zwischen Lehmann und Kahn die zwischen Pest und Cholera.

Frage: Szenario - Deutschland scheidet als Dritter hinter Polen und Ecuador in der Vorrunde aus. Skizzieren Sie bitte in Stichworten "the day after".

Droste: Im Fall eines frühestmöglichen Ausscheidens der deutschen Mannschaft werden wir Verschwörungstheorien hören, Schuldzuweisungen lesen und pampige, schlechte Verlierer erleben - die Minderwertigkeitskomplex-Deutschen eben, die weder mit Stil gewinnen noch verlieren können, sondern immerzu siegen und triumphieren wollen. Der Schrumpfgermane steckt halt drin - umso mehr, je häufiger und hartnäckiger das geleugnet wird.

Frage: "Die Breite an der Spitze ist dichter geworden", hat Berti Vogts beobachtet. Wem von den Außenseitern wie Angola, Trinidad & Tobago oder Iran trauen Sie zu, das Überraschungsteam dieser WM zu werden?

Droste: Ich freue mich über jeden Underdog und Nobody, der durch schönen Fußball und nicht durch katastrophale Schiedsrichterfehlentscheidungen weiterkommt. Überraschungen nach Art des griechischen Beton-und Beta-Blocker-Fußballs bei der EM 2004 sind nicht erwünscht.

Frage: Ihr Wunschfinale? Und Weltmeister wird ...?

Droste: Das wird sich ergeben.

Frage: Bei Pier Paolo Pasolini war es der FC Bologna, bei Nick Hornby ist es der FC Arsenal und bei Javier Marias Real Madrid. Gibt es einen Club (egal wie groß oder prominent), der bei Ihnen Herzklopfen auszulösen vermag?

Droste: Das Wohl und Wehe von Borussia Dortmund lässt mich nicht kalt. Sie ahnen, wie ich leide.

Frage: Wenn Sie ein Fußball-Allstar-Team aller Zeiten (samt Trainer!) aufstellen dürften - wer hätte bei Ihnen einen Stammplatz sicher?

Droste: Sigi Held und Lothar Emmerich, George Best und Eric Cantona.

Frage: Abseits ist, wenn ...

Droste: ... geschwollen über aktiv und passiv geredet wird und der Linienrichter auf beiden Augen blind ist.