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Deutschlands WM-Kader Löws Leistungsgesellschaft

Ein Coup des Bundestrainers? Nein. Auch wenn Joachim Löw harte Entscheidungen gefällt hat - mit der Benennung seines vorläufigen WM-Aufgebots ist er sich treu geblieben.

Von Überraschung war viel die Rede, aber das stimmt nicht: Die Nominierung des WM-Kaders durch Bundestrainer Joachim Löw trägt seine typische Handschrift. Auch wenn nicht jeder Name, den der Trainerstab am Mittag benannt hat, genau so erwartet worden war: Dieses WM-Aufgebot ist ein klassischer Joachim-Löw-Kader.

1. Warum sind so viele junge, unerfahrene Spieler im Kader?

Dem Bundestrainer wird gerne vorgeworfen, er würde bei der Berücksichtigung seiner Spieler das aktuelle Leistungsprinzip vernachlässigen. Das mag auf manche ältere verdiente Nationalspieler zutreffen. Bei den Jungen, die Löw an die Nationalmannschaft zu binden versucht, hat es noch nie gestimmt. Auch diesmal hat Löw mit den Berufungen von Jungstars wie den Schalkern Leon Goretzka und Max Meyer, dem Noch-Freiburger Matthias Ginter und dem Noch-Augsburger André Hahn deren starke Saison honoriert. Die Nominierung ist vor allem eine Belohnung - dass sie tatsächlich zur WM fahren, ist eher unwahrscheinlich.

2. Warum Sami Khedira ja, aber Mario Gomez nein?

Joachim Löw hat schon im März am Rande des Länderspiels gegen Chile angedeutet, dass er für diese WM Spieler bevorzugt, die körperlich in der Lage sind, ein so langes Turnier unter den schwierigen Bedingungen in Brasilien durchzustehen. Dieser Vorgabe ist Mario Gomez zum Opfer gefallen. Löw hat dem Stürmer offenbar nicht mehr zugetraut, die nötige Fitness aufzubauen, was angesichts des Saisonverlaufs und der monatelangen Verletzungspausen auch nachvollziehbar ist. Auch die Langzeitverletzten Ilkay Gündogan und Sven Bender von Borussia Dortmund sind daher durchs Raster gefallen und wurden bei der Pressekonferenz zur Nominierung nicht einmal mehr erwähnt.

Anders liegt der Fall bei Sami Khedira. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid gehört mittlerweile wieder dem Kader des spanischen Rekordmeisters an, er könnte sogar im Champions-League-Endspiel gegen den Stadtrivalen Atlético in der Startelf stehen. Und er ist im Gegensatz zu Gomez für Löw eine Schlüsselfigur seines Spiels, der Bundestrainer hat ihn "unverzichtbar" genannt.

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Wenn es auf der umkämpften Sechserposition einen gibt, der normalerweise seinen Platz sicher hat, dann ist das nicht Bastian Schweinsteiger oder Toni Kroos, sondern Khedira. Für Löw hätte das zudem den Vorteil, dass er dann seinen Kapitän, den potentiellen Khedira-Ersatz Philipp Lahm, wieder in die Abwehr ziehen könnte, wo er ihn anders als Bayern-Coach Josep Guardiola am liebsten sieht.

3. Warum Kevin Volland und nicht Max Kruse?

Vielleicht die umstrittenste Personalie dieser Kader-Nominierung. Der Gladbacher Max Kruse galt in dieser Saison als gesetzter dritter Stürmer hinter Miroslav Klose und Gomez. Löw hat ihn nicht nur ausdrücklich gelobt, sondern auch mehrfach auf der Stürmerposition ausprobiert. Jedoch scheint ihn Kruse dort nicht besonders überzeugt zu haben, am Donnerstag hat er den Gladbacher mit relativ dürren Worten vorläufig verabschiedet.

"Wir haben genug Spielertypen auf der Position, die Kruse spielt", hat Löw auf die Optionen Thomas Müller, Marco Reus und André Schürrle hingewiesen. Wenn das allerdings stimmt, wäre das genauso ein Argument gegen den Hoffenheimer Volland. Letztlich ist es allerdings eine Personalie, die die WM wohl nicht entscheiden wird.

4. Wieso hat sich Löw in der Torwartfrage für Zieler entschieden?

Roman Weidenfeller als zweiter Torwart hinter dem unumstrittenen Manuel Neuer - das war von allen so erwartet worden, wie es auch gekommen ist. Mit Ron-Robert Zieler hat er als dritten Keeper einen Mann nominiert, der eine durchwachsene Saison gespielt hat - gerade im Vergleich mit seinen Konkurrenten Marc-André ter Stegen aus Mönchengladbach und Bernd Leno aus Leverkusen.

Genau das jedoch spricht auch für Zieler. Da der dritte Torwart ohnehin fast nie zum Einsatz kommt, wählte Löw eher jemanden, der seine Rolle als Ersatzmann widerspruchslos hinnimmt. Die ehrgeizigeren ter Stegen und Leno hätten dies womöglich weniger still akzeptiert, beide haben hohe Ansprüche an sich, was eventuell für Unruhe gesorgt hätte. Eine eher atmosphärisch als sportlich zu begründende Entscheidung. Zudem hat Zieler durch seine EM-Teilnahme 2012 bereits Turniererfahrung. Das hat er sowohl ter Stegen und Leno als auch Weidenfeller voraus.

5. Welche Spieler stehen auf der Streichliste?

30 Profis hat Löw am Mittag nominiert, sieben von ihnen müssen bis zum 2. Juni noch aus dem Kader gestrichen werden. Wie man Löw kennt, kann man davon ausgehen, dass es vor allem die jungen Spieler treffen wird. So hat es der Bundestrainer bei den vergangenen Turnieren auch gehandhabt. Max Meyer, Leon Goretzka, André Hahn, Shkodran Mustafi und Matthias Ginter werden nicht böse sein, wenn sie letztlich nicht zum 23er-Kader zählen werden. Sie sind durch die Nominierung geadelt genug.

Daneben wird es aber auch mindestens zwei arrivierte Nationalspieler treffen. Der Schalker Benedikt Höwedes und der Hamburger Marcell Jansen, beide zuletzt ohnehin nicht fit, müssen wohl am meisten bangen. Aber auch der Platz von Schalkes Julian Draxler ist angesichts des Überangebots in der Offensive alles andere als sicher.