WM-Müdigkeit Japan im Baseball-Fieber

"Es gibt Reis, Baby!" - die tägliche Kolumne bei SPIEGEL ONLINE zur Fußball-WM. Heute: In Japan ist die Weltmeisterschaft noch nicht ganz angekommen. Nur Englands Fans sind schon in Frühform.

Von Till Schwertfeger, Miyazaki


Miyazaki - "Football is coming home" heißt die Hymne der Ballverliebten seit der EM 1996 in England. Ein Klassiker, der selbst als Gegröle unmusikalischer Fußballfans noch seine zauberhafte Melancholie verbreitet. Doch nie war der Refrain unpassender als bei den Titelkämpfen in Asien. Die Weltmeisterschaft macht sich erstmals auf die weite Reise nach Fernost, wo die populärste Sportart des Erdballs noch nicht nachhaltig Fuß gefasst hat.

König Baseball


Wenn die Sonne ein Ball wäre, würden die Japaner sie eher schlagen als mit den Füßen treten. Im Land der aufgehenden Sonne ist Baseball der Nationalsport (wie beim Co-Gastgeber Südkorea übrigens auch). Fußball rangiert erst an dritter Stelle - noch hinter Sumo-Ringen. Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel ist die Weltmeisterschaft, mit Gesamtinvestitionen von etwa acht Milliarden Euro die teuerste der Geschichte, der englischsprachigen Zeitung "The Japan Times" auf der Titelseite keine einzige Zeile wert. Im Sportteil stellt die Baseball-Berichterstattung die kleinen Meldungen über die Verletzung von Zinedine Zidane und die Situation im Team Irlands nach dem Rauswurf von Roy Keane in den Schatten. Von WM-Fieber keine Spur.

Japanische Fußballfans bei der Ankunft des englischen Teams am vergangenen Wochenende in Kansai
REUTERS

Japanische Fußballfans bei der Ankunft des englischen Teams am vergangenen Wochenende in Kansai

Ankunft am Internationalen Flughafen von Osaka. In der drittgrößten Stadt Japans finden laut Spielpan zwei Vorrundenpartien und ein Viertelfinale statt. Anzeichen dafür gibt es unmittelbar keine. Alleine die Firma Fuji wirbt in der Airportlobby mit kleinen Fähnchen für die WM 2002. Fast 60 Minuten dauert die Busfahrt auf der Stadtautobahn durch den grauen Moloch Osaka, in dem 2,6 Millionen Menschen Hauswand an Hauswand leben, zum nationalen Flughafen der Hafenstadt. Die japanische Reiseleiterin erwähnt die WM mit keinem Wort, lenkt aber stolz und mehrfach die Blicke der Reisenden auf das Baseball-Stadion Osakas.

Immerhin an Bord des Flugzeugs war nicht in Vergessenheit geraten, wohin die Reise geht. Die Frau des dänischen Nationalspielers Stig Töfting plauderte ausgelassen über die - dem objektiven Beobachter bisher unbekannt gebliebenen - Stärken ihres Mannes auf dem grünen Rasen. Und die zwei WM-Touristen in der ersten Reihe hatte das Fußball-Mutterland vermutlich zu Repräsentationszwecken abkommandiert.

Ansichtssachen


Die beiden etwa 40-jährigen Fußball-Abenteurer aus England tragen ergraute Armeehaarschnitte über ihren Doppelkinns und stramm sitzende Jogginghosen, trinken so viele Flaschenbiere wie möglich und, wenn immer die junge japanische Stewardess vorbeikommt (was auf dem elfstündigen Flug geschätzte 60-mal der Fall ist), stoßen sie sich feixend gegenseitig die Ellenbogen in die Rippen. Neben dem Hinterteil der Flugbegleiterin haben die Fußballreisenden höchstens noch das WM-Endspiel im Sinn. "The Road to Yokohama" ist oben auf ihre T-Shirts gedruckt. Darunter folgen die drei angesetzten Spiele der "Three Lions" sowie die vier möglicherweise folgenden, inklusive Finale in Japans zweitgrößter Metropole.

Auf dem Weg dorthin ist Schweden die erste Hürde. Die Skandinavier residieren wie das deutsche Nationalteam in Miyazaki, eine Flugstunde südlich von Osaka. Ins Gehege kommen sich die beiden Mannschaft jedoch nicht. Der DFB hat sich in den Pinienwald des "Seagaia Parks" am Pazifik zurück gezogen. Der riesige Ferienkomplex, der den größten Indoor-Wasserpark der Welt beherbergt, war einst beliebtes Flitterwochenziel der Japaner, wirkt aber jetzt wie ausgestorben. Nur wenige Autogrammjäger lauern bei Dauernieseln, der den Beginn der Regenzeit ankündigt, vor dem schmucklosen Mannschaftshotel "Sheraton Phoenix Golf Resort". Wenn in der Ruhe die Kraft liegt, darf mit einem stürmischen WM-Turnier gerechnet werden.



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